Magden
Eine Velofahrerin wird erst von einem Auto angefahren und überlebt – doch dann kommts knüppeldick

In diesem Falle haben Schutzengel Überstunden geleistet: Petra Müller wird von einem Auto abgeschossen. Sie hat Glück – doch dann wird ihr eine Mitschuld angelastet.

Thomas Wehrli
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Petra Müller fliegt über die Motorhaube, landet kopfvoran auf der Strasse, schleift mit dem Gesicht über den Teerbelag. Der Schmerz fährt ein.

Petra Müller fliegt über die Motorhaube, landet kopfvoran auf der Strasse, schleift mit dem Gesicht über den Teerbelag. Der Schmerz fährt ein.

newspictures.ch

Die Nacht hat den Alltag erreicht: Die Tage sind, jahreszeitbedingt, wieder derart kurz, dass viele Fricktaler zu Fuss oder per Velo auch dann unterwegs sind, wenn es noch oder schon wieder dunkel ist. Das erhöht das Unfallrisiko. «Seien Sie nachts doppelt vorsichtig», warnt beispielsweise der Touring Club der Schweiz, «denn die Automobilisten nehmen Fussgänger in der Dämmerung und im Dunkeln schlechter wahr.» Und bei Fussverkehr Schweiz weiss man: «Viele Fussgängerunfälle geschehen in der Dämmerung, nachts oder in der ‹dunklen› Jahreszeit», also im Spätherbst und Winter.

Dass dies auch für die Velofahrer gilt, musste Petra Müller (Name geändert) vor einer Woche hautnah und schmerzhaft erleben. Kurz vor 19 Uhr ist es, als sich die 41-Jährige am Dienstag zu Hause auf ihr Velo – ein rostorangefarbenes Retrobike mit weissen Pneus und grossem Vorderlicht – schwingt und die Wintersingerstrasse in Magden hinunter Richtung Dorf zum Training fährt.

Sie kommt nur gut 500 Meter weit. Bis zur scharfen Linkskurve. Im Spiegel, der da hängt, um die Kreuzung übersichtlicher zu machen, sieht sie, dass ein Fahrzeug naht. Aus Erfahrung weiss sie, dass es ein Auto sein muss; «für einen Lastwagen sind die Lichter zu tief», erzählt sie.

Weil die Kurve eng ist, bremst sie gleichwohl ab. Sie blickt nach rechts, da die Fahrzeuge von der «Breite», die hier in die Wintersingerstrasse mündet, Vortritt haben. Als sie wieder nach vorn schaut, ist es bereits zu spät. Das Auto ist direkt vor ihr. «Auf meiner Fahrbahn», ist sie überzeugt.

Auto wird weggestellt – ein Fehler

Petra Müller kann den Aufprall nicht mehr verhindern. Sie fliegt über die Motorhaube, landet kopfvoran auf der Strasse, schleift mit dem Gesicht über den Teerbelag. Der Schmerz fährt ein. «Der Schock dürfte ihn abgedämpft haben», sagt sie später. Sie liegt da, wimmernd. Menschen eilen herbei, um zu helfen. «Die Solidarität war enorm. Einfach super», sagt sie drei Tage nach dem Unfall am Esstisch ihres Hauses, das Gesicht in Blau-Gelb-Grün. «Es ist wichtig, dass jemand das Heft in die Hand nimmt und sagt, was zu tun ist.» Das war in ihrem Fall «zum Glück der Fall».

Petra Müller bittet einen der Helfer, ihren Mann anzurufen. Der fällt aus allen Wolken, eilt zum Unfallort. Noch bevor er da ist, hört die Verletzte, wie jemand sagt: «Stellt doch das Auto weg. Dann kann der Verkehr wieder rollen.» In ihrem Schock protestiert Petra Müller nicht. Ein fataler Fehler, wie sich später zeigen sollte. Denn niemand hat auf der Strasse eingezeichnet, wie das Auto stand; und niemand scheint ein Foto von Unfallort gemacht zu haben.

Petra Müller kann den Mund kaum bewegen

Als ihr Mann eintrifft, steht das Auto bereits am Strassenrand und Angehörige der freiwilligen Feuerwehr regeln den Verkehr. Rund 15 Minuten nach dem Unfall sind auch Polizei und Krankenwagen bereits vor Ort. Petra Müller fühlt sich gut betreut. Ein Polizist kommt in den Wagen, fragt, ob er den obligaten Alkoholtest gleich machen darf. Petra Müller, die den Mund kaum bewegen kann, willigt ein, bläst ins Röhrchen. 0,0 Promille.

Der Krankenwagen fährt Petra Müller ins Gesundheitszentrum nach Rheinfelden. Der Arzt, der sie untersucht, sagt zu ihr: «Sie müssen zehn Schutzengel gehabt haben, dass nicht mehr passiert ist und dass sie nichts gebrochen haben.» Petra Müller kommt mit einer Prellung am Oberschenkel, die sie erst im Spital wahrnimmt, und Verletzungen am Knie, der Nase und der Unterlippe davon. Zudem hat sie eine Gehirnerschütterung. «Alles sollte von allein heilen», sagt sie. Die Erleichterung ist hörbar.

Mitschuld angelastet

Etwas anderes belastet Petra Müller dagegen sehr, raubt ihr den Schlaf. Da die Aussagen von ihr und der Pw-Lenkerin, einer nicht ortskundigen Frau aus Berlin, die sich per Navigationsgerät zu einer Adresse in Magden navigieren liess, nicht übereinstimmen und es von der Unfallsituation keine Fotos gibt, wird ihr eine Mitschuld angelastet.

Die Pw-Lenkerin sagt aus, dass sie die Kurve normal befahren habe und auf der Fahrbahn geblieben sei. «Ich soll die Kurve geschnitten haben», enerviert sich Petra Müller. «Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Ich sah ja im Spiegel, dass ein Auto kommt, und weiss, wie eng die Kurve ist. Ich war auf meiner Fahrspur.»

Beide Frauen haben nun eine Anzeige wegen ungenügendem Rechtsfahren am Hals. Das Verfahren wird wohl eingestellt und die Versicherungen werden unter sich aushandeln, wer welchen Kostenanteil tragen muss. Die Versicherung der Pw-Lenkerin wird dabei wohl mehr bezahlen müssen, da das Auto als stärkeres Verkehrsmittel auch stärker gewichtet wird. Dennoch: «Es ist nicht fair, dass meine Versicherung für einen Schaden zahlen muss, den ich nicht verursacht habe», ärgert sich Müller.

Ihr Mann befragt deshalb derzeit Personen, die in der Nähe des Unfallortes wohnen. Er hofft, dass jemand sagen kann: «Das Auto stand auf der linken Fahrspur.» Oder noch besser: «Dass jemand mit dem Handy ein Foto von der Unfallsituation gemacht hat.» Eine erste Zeugin, die sagt, dass das Auto in der Mitte der Strasse stand, scheint gefunden. Müller weiss aber auch: «Die Zeit arbeitet gegen uns. Je länger ein Ereignis zurückliegt, desto verschwommener ist die Erinnerung.»

Petra Müller ist froh, dass ihr Mann dranbleibt. «Es ist mir wichtig, doch dafür hätte ich derzeit die Nerven nicht.» Mit Schmerzmitteln gehe es ihr körperlich zwar «ordentlich», doch «psychisch belastet es mich enorm, dass man mir eine Mitschuld anhängen will». Sie denke immer daran herum, wer vielleicht noch etwas gesehen haben könnte. Sie lacht. Bitter. «Es heisst stets: ‹Der Velofahrer bekommt immer recht.› Ich mache derzeit eine ganz andere Erfahrung.»

Die Angst fährt mit

Die Unfallerfahrung wird Petra Müller nicht so schnell vergessen. «Die Angst wird in nächster Zeit mitfahren, wenn ich mit dem Velo unterwegs bin», sagt sie. Die Wintersingerstrasse wird sie meiden und hintenherum fahren.

Zwei Lehren und einen Wunsch hat Müller aus dem Unfall mitgenommen: «Ich werde künftig helle Kleider tragen, wenn ich am Abend mit dem Velo unterwegs bin.» Beim Unfall war sie dunkel gekleidet, was das Gesehenwerden erschwert. Zweitens will sie noch vorsichtiger fahren als bisher, «lieber einmal zu viel bremsen» und auch mal einen Umweg in Kauf nehmen. «Sicher ist sicher.»

Ihr Wunsch: «Dass sich die Autofahrer bewusst sind, wie schnell etwas passieren kann und dass sie noch stärker auf die schwächeren Verkehrsteilnehmer achten.» Sie selber wird dies beherzigen, wenn sie mit dem Auto unterwegs ist. Sie ist überzeugt: «Viele Unfälle können vermieden werden, wenn wir aufmerksamer sind und stärker aufeinander Rücksicht nehmen.»

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