Asyl in Frick

«Jede Minute, in der jemand untätig herumsitzt, ist Gift»: Gartenprojekt geht in die zweite Runde

Su Freytag setzt auf Begegnung statt Ausgrenzung – und übt Kritik an der Kommunikationspolitik der Behörden. Für Freytag war denn auch am Ende der letzten Gartensaison klar: Ihr Gartenprojekt, dass sie letztes Jahr ins Leben rief, muss weitergehen.

Thomas Wehrli
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Der SoKuGarten soll auch am neuen Standort an der Industriestrasse in Frick ein- bis zweimal pro Woche offen sein.

Der SoKuGarten soll auch am neuen Standort an der Industriestrasse in Frick ein- bis zweimal pro Woche offen sein.

ZVG

Noch steht die Asylunterkunft im ehemaligen A3-Werkhof in Frick leer. Zu reden gibt die Unterkunft, in der ab April bis zu 180 Männer leben werden, trotzdem schon viel. Bei den einen, weil sie helfen wollen; bei anderen, weil sie Angst haben; bei dritten, weil sie eigentlich gar keine Asylsuchenden im Dorf wollen. Rufe nach Rayonverboten und der Ausscheidung sensibler Zonen werden bereits laut.

Die SVP Frick erwartet Antworten, noch bevor der erste Asylsuchende in Frick angekommen ist. Alarmiert hat die Partei ein neues Rechtsgutachten, wonach vorsorglich ausgesprochene Rayonverbote gegen einzelne Personengruppen rechtlich nicht zulässig sind.

Für die SVP besteht somit die Gefahr, dass «unser Schwimmbad zu einer Art ‹Schönwetter-Filiale› für die Asylunterkunft im Werkhof werden kann», schrieb die Partei Anfang März in einer Mitteilung.

«Dahinter steckt politisches Kalkül», ist Su Freytag überzeugt. Denn: «Ausgrenzen ist eine Super-Strategie, um politisch weiterzukommen.» Rund die Hälfte der Bevölkerung, so schätzt Freytag, beunruhige die Asylthematik. «Diese bedienen die Ausgrenzer gezielt und schlagen daraus politisches Kapital.»

Dass diese Angst von den Behörden nicht ernster genommen wird, erachtet Freytag als «fatalen Fehler». Ihrer Ansicht nach müsste der Kanton offensiver kommunizieren und ein Gremium schaffen, bei dem die Einwohner ihre Verunsicherung und Sorgen deponieren können und wo sie auch einmal «Klartext reden und Dampf ablassen» können.

Dass das Fremde Angst auslösen könne, ist für sie selbstverständlich, ja sogar: richtig. «Es braucht diese Angst um die eigene Kultur. Sonst droht sie, verworfen zu werden.»

Das Unbehagen vor dem Fremden, vor dem Anderen kann, vereinfacht gesagt, zwei Reaktionen auslösen: Man grenzt aus oder man geht hin. Su Freytag, Schweizerin mit Migrationshintergrund, hat sich für Letzteres entschieden. «Ich will die Menschen aus anderen Kulturen kennen lernen», sagt sie.

Im letzten Jahr hat sie deshalb das Projekt «SoKuGarten» gestartet. Ein- bis zweimal pro Woche traf sie sich mit bis zu zehn Migranten in Frick, um gemeinsam einen Gemüsegarten zu bestellen. «Es lief erstaunlich gut», blickt sie auf das erste Jahr zurück.

Sie habe es sich deutlich schwieriger vorgestellt. Freytag rührt in ihrem Tee, scheint Szenen aus dem letzten Jahr Revue passieren lassen, lacht. «Zu Beginn waren einige Teilnehmerinnen für die Gartenarbeit viel zu schön angezogen», erzählt sie dann. «Sie lernten aber schnell, dass sich Gartenarbeit und schöne Kleidung nicht vertragen.»

Su Freytag hat den «SoKu-Garten» letztes Jahr ins Leben gerufen.

Su Freytag hat den «SoKu-Garten» letztes Jahr ins Leben gerufen.

Gelernt haben die Teilnehmer – vorab Frauen – aber auch sonst einiges, ist Freytag überzeugt. «Sie sind mit der Aufgabe gewachsen, übernahmen Verantwortung.» Und sie hatten eine sinnvolle Beschäftigung. «Die wenigsten kommen, weil sie leidenschaftliche Gärtner sind, sondern weil sie beschäftigt sein wollen.»

Wieder lacht sie. «Blumen hielten viele für nutzlos. Sie lernten beim Gärtnern, dass Blumen durchaus ihren Wert haben – und dass sie ein tolles Gratis-Geschenk sind.»

Nichts tun ist Gift

Das Asylsystem habe einen Fehler, ist Freytag überzeugt. Man lasse die Flüchtlinge in den Asylunterkünften herumsitzen, statt sie zu beschäftigen und ihnen etwas beizubringen. Vom Argument, dass viele von ihnen ohnehin nicht bleiben können, hält Freytag nichts. «Jede Minute, in der jemand untätig herumsitzt, ist Gift.»

Wenn der Asylsuchende bleiben könne, profitiere die Gemeinschaft von einer frühen Integration. «Und wenn er nach Hause muss, dann hat er ein Wissen im Rucksack, das ihm zu Hause niemand mehr wegnehmen kann.»

Für Su Freytag, die zweimal im Jahr auch die Reparier-Bar des SoKuGartens in Frick organisiert, war denn auch am Ende der letzten Gartensaison klar: Das Projekt muss weitergehen.

Nur: Der Garten, den die Gruppe bewirtschaftete, steht in diesem Jahr nicht mehr zur Verfügung. «Es war schwierig, einen neuen zu bekommen.» Sie fand zwar einen idealen Garten, aber hier sagte die Besitzerin schliesslich ab, weil ihr der Aufwand zu gross war, die Nachbarn dafür zu sensibilisieren.

Nun hat Su Freytag einen anderen Garten gefunden. Sie ist froh, sagt aber auch: «Er eignet sich nur bedingt.» Denn zum einen ist er mit rund 100 Quadratmetern eher klein, zum anderen liegt er in der Landwirtschaftszone, was bedeutet: Auf dem Land darf weder ein Unterstand errichtet noch ein Bauwagen abgestellt werden.

«Das erschwert die Arbeit», sagt Freytag und fügt keck hinzu: «Falls sich jemand findet, der den Bauwagen ein- bis zweimal pro Woche vom Abstellplatz zum Garten manövriert, bin ich happy.»

Sie selber kann es nicht, denn ihre Kräfte sind beschränkt. «Mich bringen schon die beiden Nachmittage an meine Leistungsgrenze», sagt sie. Freytag leidet unter chronischen Erschöpfungszuständen. Das Projekt ist deshalb auch für sie eine Art Therapie. «Es hat mir einen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt ermöglicht.»

Los gehen soll es im neuen Garten Ende März. Sie rechnet mit rund 20 Teilnehmern und hofft, dass auch Männer aus der nahen Asylunterkunft im A3-Werkhof teilnehmen. Angst, überrannt zu werden, hat sie aber nicht. «Nicht jeder macht sich gerne die Finger schmutzig.»

Das sei bei Migranten nicht anders als bei Schweizern. «Kommt hinzu, dass viele Flüchtlinge gerade deshalb in die Schweiz kommen, weil sie denken: Hier muss ich mir die Finger nicht mehr schmutzig machen.»

Su Freytag freut sich auf das Gärtnern, auf die Menschen, die Begegnungen, das Zusammensein. «Mein Ziel ist es, dass die Migranten an der Aufgabe wachsen und Mitverantwortung übernehmen.»

Sie verstummt, denkt nach, während Hündin Lady Harissa an der Sitzplatztüre um Einlass begehrt. «Mein Wunsch ist es, dass der Gemeinschaftsgarten ohne mich funktioniert und ich nur noch auf Besuch komme.» Denn: «Ich habe noch viele Ideen.»

Infoveranstaltung: Kontaktgruppe Asyl sucht Freiwillige

Die Kontaktgruppe Asyl sucht noch weitere Personen, die sich in irgendeiner Form für die Asylsuchenden, die ab April im ehemaligen A3-Werkhof in Frick untergebracht werden, engagieren möchten. Die Kontakt gruppe führt am 5. April um 19 Uhr im Rampartsaal der katholischen Kirche in Frick eine Informationsveranstaltung durch.