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Toleriert, aber nicht willkommen - Historikerin schreibt Buch über die Juden im Fricktal

Historikerin Diemuth Königs beleuchtet in ihrem neuen Buch die Geschichte der Juden im Fricktal. Am Mittwochabend las sie im Fricktaler Museum aus ihrem 278-seitigen Werk.

Hans Christof Wagner
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Auf 278 Seiten untersucht Diemuth Königs das Leben der Juden im Fricktal.

Auf 278 Seiten untersucht Diemuth Königs das Leben der Juden im Fricktal.

Hans Christof Wagner

Diskriminiert, höchstens toleriert, aber nie integriert. Als ungeliebte Minderheit lebten Juden im Fricktal – und das über Jahrhunderte. Zu diesem Schluss kommt die Historikerin Diemuth Königs in ihrem neuen Buch, aus dem sie am Mittwochabend vor rund 60 Zuhörern im Fricktaler Museum las. Geballte Informationen auf 278 Seiten – viereinhalb Jahre Archivrecherche und Schreiben liegen hinter der Wissenschaftlerin, die aus Offenburg (D) stammt und heute in Olsberg lebt.

Keine sichtbaren Spuren

«Ich wusste am Anfang gar nicht, ob Juden im Fricktal überhaupt ein Thema sind», sagte sie am Mittwochabend: «Bereits im Staatsarchiv Aarau stellte sich heraus, dass sie es sind. Und noch mehr in den Stadtarchiven Rheinfelden und Laufenburg.» Denn obwohl die jüdische Bevölkerung immer nur eine verschwindend kleine Minderheit in der Region war – die Obrigkeit und in modernen Zeiten auch die bürgerliche Öffentlichkeit hat sich mit ihr stets intensiv befasst.

An Judenordnungen, Sondergesetzen und fürstlichen Spezialerlaubnissen mangelt es nicht. Doch, die Historikerin bedauerte es bei der Vernissage: An originären jüdischen Beiträgen, an eigenen Reflexionen über das Leben im Fricktal fehlt es. Auch haben Juden im Fricktal keine Spuren hinterlassen. Orte der Religionsausübung oder Friedhöfe gibt es hierzulande keine. «Um Synagogen zu bauen, war die jüdische Gemeinde ja viel zu klein», sagte Diemuth Königs.

Juden im Fricktal – eine Erfolgsgeschichte ist das nicht

Man hat Juden gebraucht, aber willkommen waren sie nie. Ihre Einwanderung war zeitweise gewünscht, brachten sie doch als Händler, Kaufleute und Geldverleiher die Wirtschaft in Schwung. Doch daraus erwuchsen auch stets Neid und Missgunst, galten sie doch schnell als Wucherer und Halsabschneider. Befeuert vom Antijudaismus der christlichen Mehrheitsbevölkerung konnte die Stimmung auch schnell kippen. Die Buchautorin berichtete von der erfolgreichen Vertreibung dreier jüdischer Händler und Geldverleiher aus dem Rheinfelden des 17. Jahrhunderts.

Juden im Fricktal – eine Erfolgsgeschichte ist das nicht. «Manchmal war die Beschäftigung mit diesem Thema für mich richtig deprimierend», räumte Königs ein. Sie hat überrascht, wie Demütigungen einer Minderheit bis ins 20. Jahrhundert an der Tagesordnung waren. Wie langsam und erst auf kantonalen Druck die Judenemanzipation im Fricktal in Gang kam. Und wie sie im Grunde scheiterte und sich das Thema nicht mehr stellte, weil die Juden gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen, abzuwandern und das Leben in Grossstädten wie Basel, Zürich oder Genf bevorzugten.

Das Buch der Historikerin untersucht die Vergangenheit. Doch wie seinerzeit Fremdsein und Einwanderung reflektiert wurden, als Bedrohung und nie als Chance, unterscheidet sich von aktuellen Debatten kaum – auch das hat Diemuth Königs bei ihren Recherchen herausgefunden.

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