Fricktal

Warum die meisten Gemeindeschreiber nicht mehr in ihrem Dorf wohnen

Wer früher Gemeindeschreiber werden wollte, musste im Dorf wohnen. Doch das ist heute anders. Die Mehrheit der Gemeindeschreiber wohnt heute nicht mehr am Arbeitsort. Sie führen gute Gründe an.

Thomas Wehrli
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Daran gab es für Generationen nichts zu rütteln: Wer Gemeindeschreiber werden will, hat im Dorf zu wohnen; oder muss in Selbiges ziehen. So wollte es das alte Gemeindegesetz (bis 1978); so steht es als Relikt bis heute im einen oder anderen Personalreglement.

Denn der Gemeindeschreiber, so eine Überlegung, sei die zentrale Schnittstelle und müsse rund um die Uhr vor Ort sein. «Er gehörte in vielen Gemeinden wohl zusammen mit dem Gemeindeammann, dem Pfarrer und dem Lehrer zu den anerkannten unerschütterlichen Institutionen jedes Dorfes», sagt Michael Widmer, Gemeindeschreiber von Magden. Manch einem stieg dieses «Grüezi, Herr Gemeindeschreiber» allenthalben auch zu Kopf – und er stolzierte, einem Dorfkönig gleich, durch die Gemeinde.

Ein zweiter Grund: Der Gemeindeschreiber, von den Einwohnern ansehnlich entlöhnt, sollte seine Steuern gefälligst auch hier bezahlen. Drittens waren die Kommunikationswege früher beschwerlicher und viertens die Mobilität deutlich eingeschränkter.

Heute sind diese Gründe weitgehend Geschichte. Mit der zunehmenden Professionalisierung und der damit einhergehenden Fragmentierung der Gemeindeverwaltung – der Schreiber ist nicht mehr für alles zuständig – verlor die Wohnsitzpflicht ihren inneren Zwang.

8 Schreiber wohnen im Dorf

Entsprechend präsentiert sich das Wohnsitz-Bild im Fricktal heute: 8 Gemeindeschreiber wohnen in der Schreibergemeinde, 19 in einer anderen. 5 Gemeindeschreiber wollten die Frage nach ihrem Wohnsitz nicht beantworten, zumeist, weil sie ihnen als zu persönlich erschien.

Eines fällt dabei auf: 5 der Gemeindeschreiber mit Wohn- und Arbeitssitzunität sind bereits 10 und mehr Jahre in der Gemeinde tätig. «Für die ältere Schreibergeneration war es selbstverständlich, in der Gemeinde zu wohnen», sagt Heinz Schmid, seit 29 Jahren Schreiber in Frick.

Als grossen Vorteil werten sie, dass man nahe am Geschehen ist, die Wege kurz sind, dass man den Ort und die Abläufe bestens kennt, seine Pappenheimer ebenso, dass man «seinen Lebensraum spürt», wie es Marcel Weiss ausdrückt, seit 36 Jahren Schreiber von Eiken. Die Identifikation mit der Gemeinde, das sagen auch mehrere nicht ortsansässige Schreiber, sei wohl grösser, wenn man daselbst wohnt.

Wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten und gerade die Nähe kann bisweilen auch belasten. Die Kritik an Entscheiden etwa bekommt man so viel direkter zu spüren. «Obwohl man die Entscheide als Schreiber nicht zu verantworten hat, fühlt man sich trotzdem betroffen», meint Gianni Profico, seit 2012 Schreiber in Zeihen, dem Dorf, in dem er auch aufgewachsen ist. Man sei «manchmal schon etwas gar nahe» am Geschehen, räumt auch Walter Marbot ein, der 1978 Schreiber von Sulz wurde und heute die Verwaltung der Fusionsgemeinde Laufenburg leitet.

Der Schreiber ist der Schreiber, auch wenn er nicht beruflich unterwegs ist. Es komme vor, dass man «gelegentlich zu Unzeiten mit einem Problem oder einem Wunsch konfrontiert wird», sagt Profico. «Man steht rund um die Uhr mit einem Fuss im Geschäft», ergänzt Schmid.

Dieses Verschwimmen der Grenzen, dieses Ineinanderfliessen von Privat- und Berufsleben, dieses Nie-wirklich-Feierabend-Haben ist für viele Gemeindeschreiber auch einer der gewichtigen Gründe, weshalb sie an einem anderen Ort leben. «So kann man auch wirklich abschalten, wenn man frei hat», erklärt Roger Wernli, Schreiber in Oeschgen.

Unter Dauerbeobachtung

Würde er im gleichen Dorf wohnen, könnte er nie ganz sich selber sein, meint ein Schreiberkollege, der namentlich nicht zitiert werden möchte. «Ich wäre immer unter Dauerbeobachtung – und das muss nicht sein.» Ihm sei es wichtig, sich frei bewegen können, «wie jeder andere auch». Der Entscheid sei sicher auch «typenabhängig». «Wer sich gut abgrenzen kann, für den ist es kein Problem, in der gleichen Gemeinde zu wohnen. Ich könnte es nicht.»

Einen zweiten, nicht minder gewichtigen Vorteil sehen mehrere Schreiber in der Unabhängigkeit, die sie so besser wahren können. «Weil ich keine oder wenig Verwandte hier habe, keine Nachbarn, keine Vereinskollegen, keine Kinder, die hier zur Schule gehen, bin ich absolut unabhängig und kann alle gleichbehandeln und bei allen Sachgeschäften, die immer auch Personen betreffen, gleich urteilen», sagt Urs Treier, seit 12 Jahren Gemeindeschreiber in Gipf-Oberfrick.

Erleichtert Gleichbehandlung

Eine gesunde Distanz, nicht mit jedem persönlich verbandelt zu sein, macht es auch für Michael Widmer bisweilen einfacher, unangenehme Entscheide durchzusetzen. Eine «gewisse Distanz» hat sich ebenfalls für Brigitte Schmid Schüpbach, Gemeindeschreiberin von Wegenstetten bewährt. «Es erleichtert mir die uneingeschränkte Gleichbehandlung der Bürger.»

Zumindest vorstellen könnten sich viele der nicht ortsansässigen Schreiber einen Umzug in die Brötchengemeinde. Oft sind es äussere Gründe, die sie abhalten: die Familie, Landbesitz, der Arbeitsplatz der Partnerin. «Für mich bestimmt das Privatleben den Wohnort und nicht der Beruf», sagt Sascha Roth, seit 15 Jahren Schreiber von Stein.

Eine unité de doctrine gibt es zudem in einem Punkt: «Die Frage des Wohnsitzes ist heute nicht mehr relevant», ist Treier überzeugt. Manuel Corpataux, seit 18 Jahren Schreiber in Kaisten und daselbst wohnhaft, ergänzt: «Im heutigen Zeitalter der Mobilität wäre eine Wohnsitzpflicht auf jeden Fall nicht mehr zeitgemäss.»