Oberzeihen

Wilden Schönheiten auf der Spur – mit Botaniker Heiner Keller unterwegs zu Orchideen im Fricktal

Der Botaniker Heiner Keller kennt die Fricktaler Flora. Er beschäftigt sich seit Jahren unter anderem mit wild wachsenden Orchideen im Fricktal. So durchkämmt er mit geübtem Blick die Wiesen nach wilden Orchideen – und wird fündig.

Fabrice Müller (Text und Fotos)
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Heiner Keller durchkämmt mit geübtem Blick die Wiesen nach wilden Orchideen – und wird fündig.

Heiner Keller durchkämmt mit geübtem Blick die Wiesen nach wilden Orchideen – und wird fündig.

Nein, hier wachsen sie nicht. Dafür ist der Boden zu feucht. Auch dort, wo vor allem Gras und Löwenzahn spriessen, sucht man sie vergebens. Ganz zu schweigen von jenen Matten, auf denen der Bauer Gülle verteilt hat. Also kraxeln wir weiter in den Wald hinein. Weiter aufwärts, wo wir uns bereits im Densbürer Staatswald befinden. Spuren von schweren Forstfahrzeugen prägen den Waldweg. Daneben kleine Trampelpfade von Wildtieren wie Rehe oder Wildschweine. Auf einer Waldlichtung, zwischen Schlüsselblumen und Bach, werden wir zum ersten Mal fündig.

Forum Doracher

Leben in der Randregion

Das «Forum Doracher - Lebendiges Oberzeihen» wurde 1998 gegründet. Der Verein fördert das kulturelle und wirtschaftliche Leben in einer Randregion durch Ausstellungen (Kunst, Sammlungen, Hobbies, Gegenstände), Veranstaltungen (Exkursionen, Märkte), das Ange-
bot hochwertiger regionstypischer Produkte (mit Herkunftsbezeichnung, beispielsweise Süssmost), ein ländliches Gewerbe (Gastwirtschaft, Mosterei, Dienstleistungen), erlebbare Heimatkunde (Sodbrunnen, Grenzsteine, Findlinge, Natur) und die Pflege und Förderung des Ortsbildes und der abwechslungsreichen Landschaft. (FAM)

Nur an ihren Blättern erkennt man sie, die wild wachsenden Orchideen, die man sonst aus Gewächshäusern und Blumenläden kennt. Doch dass im Fricktal 33 verschiedene Orchideenarten wachsen, ist vielen Leuten nicht bewusst. Verglichen mit den tropischen Arten sind die einheimischen Orchideen kleiner und als Einzelpflanzen meist unauffällig. Es braucht ein geschultes Auge, um sie zu entdecken.

Wo der Mensch nicht eingreift

Über diesen Kennerblick verfügt Heiner Keller aus Oberzeihen. Der Zoologe und Botaniker beschäftigt sich seit vielen Jahren unter anderem mit den wild wachsenden Orchideen im Fricktal. Auf Wunsch organisiert der Initiant des Vereins «Forum Doracher» (siehe Text rechts) auch Führungen zu jenen Pflanzen, die auf viele Menschen eine grosse Faszination ausüben. Zum Übersehen klein sind die runden, zusammengerollten Blätter. Bald bleibt es jedoch nicht dabei. In einigen Wochen präsentiert sich zum Beispiel das Gefleckte Knabenkraut mit rot-lila Blüten.

Der Spinnen-Ragwurz ist eine Orchideen-Art.

Der Spinnen-Ragwurz ist eine Orchideen-Art.

Fabrice Müller

«Orchideen finden wir vor allem dort, wo der Mensch nicht mit Dünger und schweren Maschinen in die Natur eingreift», sagt Heiner Keller. Leider habe
die gängige Waldpflegepraxis der letzten Jahre nicht unbedingt zur Verbreitung der Orchideen beigetragen, bedauert er.

Orchideen brauchen Pilze

Wir ziehen weiter. Heiner Keller erzählt, dass Orchideen oft jahrzehntelang am gleichen Standort gedeihen. Sie blühen zwar nicht immer. Manchmal zeigen sie sich ein Jahr lang nicht, nächstes Jahr kommen sie wieder zum Vorschein. «Die Samen der Orchideen sind sehr klein. Sie werden vom Wind verfrachtet. Für ihre erste Versorgung mit Nährstoffen brauchen sie die Hilfe bestimmter Bodenpilze. Fehlen diese, kann die Keimung nicht stattfinden.»

Orchideen können sich deshalb nicht überall vermehren. Die meisten brauchen viel Licht und Wärme. Sie wachsen in Wäldern, ungedüngten Wiesen, in Riedgebieten und in Bergmatten.

Im Mai und Juni ist Hochsaison

Im Mai und Juni stehen die Chancen am besten, auf die Blüten wild wachsender Orchideen zu stossen. Einige zeigen aber bereits im April ihr Blütenkleid, andere auch noch im Sommer oder Herbst. Am Auffälligsten sind Arten mit dichten, farbigen Blütenständen: das Manns-Knabenkraut, das Helm-Knabenkraut oder die leuchtend roten Pyramidenorchis.

Am Hang eines lichten Föhrenwaldes vermutet Heiner Keller weitere Exemplare. Mit gesenktem Blick und langsamem Schritt geht es den steilen Hang hinauf. Auf den ersten Blick stechen uns nur die gelben Löwenzahnblüten und die vielen Schlüsselblumen ins Auge. Da fallen
die noch kaum geöffneten, noch fast schwarzen Blüten der Spinnen-Ragwurz kaum auf. Ganz zu schweigen von den dunkelgrün gepunkteten Blättern des Gefleckten Knabenkrauts. Hier sind wir auf der richtigen Spur.

In der Nähe eines Baumes werden wir wieder fündig. Hier leuchten uns die Manns-Knabenkräuter mit ihrem violetten Blütenkleid schon entgegen. Von ihren Exemplaren gibt es an diesem lichten Hang noch mehr, stellen wir fest. Meist stehen sie in kleinen Gruppen zusammen, wo ihnen nicht allzu hohes Gras die Sicht zur Sonne versperrt und Luft zum Atmen lässt.

Vielfalt an Formen und Farben

Jede einzelne Blüte zeigt laut Heiner Keller die typischen Merkmale der Orchideen. Enorm ist die Vielfalt an Formen und Farben. «Die Funktion des eigentümlichen Blütenbaus wird verständlich, wenn man die Bestäubung betrachtet», erklärt der Botaniker. Fliegen und Hummeln finden auf den Unterlippen einen bequemen Sitz. Die Lippen der Ragwurz-Arten etwa sind sogar ähnlich gezeichnet wie ihre Besucher und täuschen Artgenossen vor. Beim Suchen nach Nahrung kleben sich die Insekten unfreiwillig Staubkornpakete auf den Kopf. Diese tragen sie von Blüte zu Blüte und bestäuben sie.

Zu den weiteren Orchideen, die man im Fricktal findet, gehören zum Beispiel der violette Dingel, die Bocks-Riemenzunge, der Breitblättrige Fingerwurz oder das Angebrannte Knabenkraut. Orchideen finden sich in den meisten Wäldern und auf Waldlichtungen.

Sehr bekannt ist der Nettenberg zwischen Bözen und Effingen. Die Arbeitsgruppe Einheimische Orchideen Aargau (www.ageo.ch) unterhält in Obererlinsbach sogar einen öffentlichen Lehrpfad mit geschützten Pflanzen, darunter eine beträchtliche Anzahl an Orchideenarten.