Detailhandel

Gemeinden würden Lidl-Rückzug nicht bedauern

Die Verantwortlichen der betroffenen Gemeinden würden Lidl keiner Träne nachweinen, sollte sich der Discounter zum Abgang entschliessen. Zudem sind die Behörden überzeugt, dass die Discounter für den Untergang der Dorfläden nicht verantwortlich sind.

Vasilije Mustur
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Lidl in Grenchen

Lidl in Grenchen

Oliver Menge

Die Spekulationen um den möglichen Wegzug von Lidl aus der Schweiz lässt die Verantwortlichen der betroffenen Gemeinden kalt. «Für die Versorgung des Dorfes ist eine Lidl-Filiale vor den Toren Gretzenbachs nicht notwendig», sagt Daniel Cartier. Diese Aussage des Gretzenbacher Gemeindeammanns erstaunt insofern, dass sich der deutsche Harddiscounter seit dessen Markteintritt im Frühjahr 2009 in der Schweiz zu einem ernstzunehmenden Detailhändler entwickelt hat.

Cartier weiss um diesen Umstand, hält aber dennoch an seiner Aussage fest. Zudem ist der Gemeindeammann überzeugt, dass sich der Verlust des hiesigen Dorfladens weitaus schlimmer auf die Gretzenbacher Bevölkerung auswirken würde.

Hunzenschwil: Lidl ist kein Wirtschaftsfaktor

Mit dieser Meinung steht Cartier nicht alleine da - im Gegenteil: Auch Colette Hauri sieht keinen Grund in Panik zu verfallen. «Wir spüren Lidl als regionalen Wirtschaftsmotor nicht. Zumal ich nicht einmal sicher bin, ob und wie viele Einheimische für den Lidl arbeiten», sagt die Gemeindeschreiberin von Hunzenschwil.

Aldi hält der Schweiz die Treue

Aldi Suisse nimmt die Pläne des Konkurrenten Lidl zur Kenntnis, möchte sie aber nicht kommentieren. Zudem betont Aldi, der Schweiz die Treue halten zu wollen. «Wir halten an unserem Zwischenziel, 200 Filialen in der Schweiz zu eröffnen, fest», sagt Aldi-Suisse-Sprecher Sven Bradke. Zur Erinnerung: Derzeit stehen in der Schweiz 144 Aldi-Filialen. Es gäbe keinerlei Grund, die Schweiz zu verlassen, schliesslich würden verschiedene unabhängige Studien belegen, dass die Schweizer Konsumenten mit der Aldi Suisse selbst sowie mit der Qualität und dem Preis-Leistungsverhältnis der verkauften Produkte sehr zufrieden seien.

Die Gelassenheit von Hauri ist kein Zufall. Vor einigen Jahren kehrte die Detailhandelskette Spar der Aargauer Gemeinde den Rücken. Die Folge: Daraufhin errichtete Lidl auf demselben Grundstück seinen Standort und während dieser Übergangsphase habe Hunzenschwil, laut Hauri, keinen ökonomischen Schaden davongetragen.

Lediglich die Gemeinde Wettingen will die volkswirtschaftlichen Gefahren eines möglichen Wegzugs von Lidl aus der Region nicht unterschätzen. «Ein Abgang von Lidl hätte sicher einen Verlust von Arbeitsplätzen zur Folge, was wir sehr bedauern würden», sagt Sandra Frauenfelder. Allerdings kann die Leiterin für Standortmarketing Wettingen die Konsequenzen auf das Konsumvolumen der Bevölkerung nicht abschätzen, schliesslich habe Lidl im Gespräch mit den Wettinger Verantwortlichen einen Abgang dementiert.

Was ist das Dementi wert?

Hintergrund der Debatte: Die Gerüchte um einen möglichen Rückzug von Lidl aus der Schweiz reissen nicht ab. So berichtete der «Tages-Anzeiger» diese Woche unter Berufung eigener Quellen, dass der neue Lidl-Chef Matthias Oppitz den Standort Schweiz auf den Prüfstand stellen wolle. Grund dafür seien unbefriedigende Umsatzzahlen.

Der Detailhändler selbst wies den Bericht umgehend als falsch zurück. «Bei dieser Berichterstattung handelt es sich um ein Gerücht, das jeglicher Grundlage entbehrt». Ausserdem versichert Lidl, mit den Geschäftszahlen sehr zufrieden zu sein. Somit stehe ein Abgang nicht zur Debatte.

Lidl flüchtete aus Norwegen

Diesen Beteuerungen zum Trotz wäre es nicht das erste Mal, dass der Harddiscounter einem Land den Rücken kehren würde - im Gegenteil: Im Jahr 2008 zog sich Lidl mit seinen 50 Filialen aus Mangel an Erfolg aus Norwegen zurück.

Darüber hinaus heizen die ins Stocken geratenen Expansionspläne Lidl's die Gerüchteküche mächtig an. Dem Vernehmen nach stehen zwischen 12 und 15 Lidl-Filialen leer, obwohl diese fertiggestellt wurden. Lidl möchte sich in Sachen Wachstumsstrategie nicht äussern und verweist gegenüber der az darauf, dass die Expansion eine «gewisse Flexibilität in der Planung» erfordere. Deshalb könne es vorkommen, dass bereits errichtete Zweigstellen erst zu einem späteren Zeitpunkt eröffnet würden.

Filiale in Grenchen wird eröffnet

Dies trifft auch auf die Filiale Grenchen zu. Die Zweigstelle wurde fertiggestellt, die Eröffnung jedoch ein erstes Mal verschoben. Nun bekräftigt Lidl auf seiner Homepage die Filiale pünktlich am 17. November einweihen zu wollen.

Damit rechnen inzwischen selbst die Grenchner Behörden. Zwar wollten sich die Stadtverantwortlichen zum «Fall Lidl» nicht äussern. Recherchen der az zeigen aber, dass fest mit einer Eröffnung gerechnet wird und ein Rückzug aus der Region wie auch aus der Schweiz als unwahrscheinlich erachtet wird.

Treiben Aldi und Lidl die Dorfläden in den Ruin?

Während die Gemeinden mehrheitlich in einem Abgang des deutschen Discounters keinen wirtschaftlichen Schaden erkennen können, flackert die Debatte um die aussterbenden Dorfläden seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl wieder auf. «Es ist eine Realität, dass die Bevölkerung heute bei den Grossverteilern und den Discountern Aldi und Lidl einkaufen und die Dorfläden nur aufsuchen, wenn sie beim Einkauf etwas vergessen haben,» sagt Colette Hauri. Das ändere jedoch an ihrer Skepsis den Discountern gegenüber nichts. «Ich kann nachvollziehen, dass Familien im Lidl und Aldi einkaufen. Bei Alleinstehenden fällt mir das schwieriger», sagt Hauri.

Sandra Frauenfelder hingegen kann einen Zusammenhang zwischen dem Markteitritt von Aldi und Lidl und dem Aussterben der Dorfläden nicht herstellen. Aus diesem Grund gebe es keinen Anlass, die Dorfläden in Wettingen zu subventionieren. Rückendeckung erhält Frauenfelder vom Gretzenbacher Gemeindeammann Daniel Cartier. «Wir haben in der Schweiz eine freie Marktwirtschaft. Wenn ein Discounter wie Lidl seinen Umsatz macht, dann hat er offenbar seine Berechtigung,» sagt Cartier.

Discounter geben sich gelassen

Lidl war für eine Stellungnahme in dieser Sache nicht erreichbar. Aldi Suisse nimmt die Vorwürfe indes gelassen. «Die Tendenz der aussterbenden Dorfläden hat bereits lange vor dem Markteintritt der Discounter eingesetzt», sagt Aldi-Suisse-Sprecher Sven Bradke. Darüber habe die Schweizer Wettbewerbskommission laut Bradke die Discounter als wichtige Mitbewerber zur Einhaltung des Wettbewerbs im Schweizer Detailhandel bezeichnet.