Landwirtschaft

Aargauer Bauern sollen Energie aus warmer Milch gewinnen

Für das Melken von Kühen wird viel Energie benötigt. Mit Wärmerückgewinnungsanlagen können bis zu 40 Prozent dieser Energie gespart werden. Doch nur wenige Aargauer Bauernbetriebe verfügen über ein solche Anlage. Das soll sich nun ändern.

Fabian Hägler
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Jörg Enderli, Landwirt aus Bözberg, betreibt bereits seit 1988 eine Wärmerückgewinnungsanlage.

Jörg Enderli, Landwirt aus Bözberg, betreibt bereits seit 1988 eine Wärmerückgewinnungsanlage.

Milch muss nach dem Melken sehr schnell gekühlt werden. Dies passiert heute in den meisten Fällen direkt auf dem Bauernhof. Dabei präsentiert sich eine paradoxe Situation: Auf der einen Seite wird die Wärme mit starken Kühlaggregaten aus der Milch in die Aussenluft geleitet. Nur wenige Meter daneben steht oft der Boiler, der Rohrmelkanlagen, Melkstände und Roboter mit Warmwasser versorgt. Für beides – die Kühlung der Milch und die Erhitzung des Wassers – wird in den Milchviehställen viel Energie eingesetzt.

Bauernverband: Ökobeiträge nicht auf Gemeinden abschieben

Der Bauernverband Aargau (BVA) unterstützt das Spar-paket des Regierungsrats im Grundsatz. Mit bis zu 20% des Sachaufwandes sei die Landwirtschaft aber überproportional betroffen. Zudem sei durch die neue Agrarpolitik des Bundes mit geringeren Direktzahlungen zu rechnen. Aus Sicht des BVA ist es wichtig, dass der Kanton die Co-Finanzierung von 10 % der Bundesprogramme für Vernetzung und Landschaftsqualität sicherstellt. «Wenn sich der Kanton nicht beteiligt oder die Co-Finanzierung einzelner Programme nicht sichert, zahlt auch der Bund nichts», hält der BVA fest. Der Verband argumentiert, der Bund übernehme unter anderem bei der Ökoqualität oder bei Massnahmen für Ressourceneffizienz neu 100 % der Finanzierung. «Der Finanzhaushalt des Kantons wird somit entlastet.» Den Vorschlag, die Co-Finanzierung den Gemeinden zu übertragen, lehnt der Bauernverband ab. Dies sei in der Umsetzung zu aufwendig und kompliziert. Zudem wären Landgemeinden überproportional betroffen. Kürzungen bei Strukturverbesserungen sind für den BVA unverständlich, «weil im neuen Landwirtschafts- gesetz diese Massnahme immer wieder hervorgestrichen wurde». Der Aargau habe in mehreren Gebieten noch grossen Handlungsbedarf für Meliorationen. Der BVA schlägt vor, die Kantonsbeiträge, die insbesondere für Bau und Unterhalt von Güterstrassen eingesetzt werden, der Strassenkasse zu entnehmen. Der Bauernverband ist sich des Spardrucks bewusst und schlägt vor, bei Gewässer-revitalisierung und Auenschutzprojekten zu kürzen. Beides benötige viel Kulturland, Revitalisierungen über das Gewässerschutzgesetz hinaus seien weder nötig noch sinnvoll. (fh)

Genau diese zwei Prozesse lassen sich laut Emanuel Hürlimann vom Aargauer Bauernverband gegenseitig mit einer Wärmerückgewinnungsanlage sinnvoll optimieren. «Die theoretische Rechnung zeigt: 1 Kilo Milch ab Kuh kann 0,6 Liter Wasser auf die nötige Temperatur erwärmen», rechnet Hürlimann vor. Mit der heutigen ausgereiften Technik könne ein grosser Teil dieses Energiepotenzials genutzt werden.

Sparpotenzial ist beträchtlich

Deshalb möchte der Aargauer Bauernverband die Milchproduzenten in Sachen Energieeffizienz sensibilisieren. Mit dem Ressourcenprojekt «Pro Kilowatt» sollen 100 Betriebe im Kanton animiert werden, eine Anlage zur Wärmerückgewinnung aus der Milch zu installieren. AgroCleanTech, die Energie- und Klimaagentur der Landwirtschaft, hat das Projekt auf fünf Pilotbetrieben umgesetzt.

«Messresultate der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft (ZHAW) und des Forschungsinstituts Agroscope zeigen, dass auf den Pilotbetrieben je nach Grösse und Art der Technologie zwischen einem Drittel und 40 Prozent der ursprünglich benötigten Energie für die Milchkühlung und Brauchwassererhitzung eingespart werden konnten», schreibt der Aargauer Bauernverband in einer Mitteilung. Dies entspricht rund 4000 bis 7000 Kilowattstunden pro Jahr, was Einsparungen von 715 bis 1250 Franken entspricht.

System bisher kaum bekannt

Trotz dieses grossen Potenzials sind bislang nur wenige Wärmerückgewinnungsanlagen installiert worden. «Die Gründe liegen in der fehlenden Bekanntheit der Systeme und im hohen wirtschaftlichen Druck auf die Milchwirtschaftsbetriebe», erläutert Hürlimann.

Dies könnte sich nun ändern: Landwirte, die sich entschliessen, ihre alte Anlage umzurüsten, erhalten einen Förderbeitrag von ProKilowatt, der Geschäftsstelle für wettbewerbliche Ausschreibungen im Stromeffizienzbereich. Je nach Energiesparpotenzial liegt der Beitrag zwischen 1000 und 2000 Franken. Damit können die Bauern zwischen 20 und 35 Prozent der Kosten für die Installation eines Wärmerückgewinnungssystems decken. Bis eine neue Anlage amortisiert ist, dauert es laut den Messresultaten der Pilotbetriebe fünf bis acht Jahre.

Anlage in Bözberg seit 1988

Insgesamt sollen durch das Förderprogramm jährlich 1,3 Gigawattstunden an elektrischer Energie eingespart werden. Dies entspricht dem durchschnittlichen Verbrauch von über 370 Haushalten. Nicht nur im Aargau, sondern auch in den Kantonen Freiburg und St. Gallen können sich Milchbauern nun für die ProKilowatt-Beiträge bewerben. Ohne finanzielle Unterstützung des Bundes betreibt Jörg Enderli auf dem Grundhof in Bözberg seit 26 Jahren eine Wärmerückgewinnungsanlage. «Wir haben die Anlage im Jahr 1988 gebaut und beim Umbau vor zwei Jahren erneuert», sagt Enderli.

Nicht nur im Stall, auch auf dem Dach ist der Grundhof ein Energiepionier. Dort ist eine 1650 Quadratmeter grosse Solaranlage installiert, die jährlich 300 000 Kilowattstunden Strom produziert. Emanuel Hürlimann ist zuversichtlich, dass nun weitere Aargauer Bauern eine Wärmerückgewinnungsanlage installieren werden. «Unsere Landwirte sind offen für ressourcensparende Massnahmen.»