Grosser Rat

Aargauer sollen nur noch mit erneuerbarer Energie heizen

Heute Dienstag entscheidet der Grosse Rat über eine Energieinitiative der Umweltverbände und die kantonale Energiestrategie. Der WWF will, dass der Gebäude-Energieverbrauch bis 2050 halbiert wird.

Mathias Küng
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Das erste Minergie-P-Haus im Kanton Aargau in Villnachern.

Das erste Minergie-P-Haus im Kanton Aargau in Villnachern.

ZVG

Heute Nachmittag behandelt der Grosse Rat die Energieinitiative der Umweltverbände sowie die neue Energiestrategie des Regierungsrats (vgl. Box unten). Die Energieinitiative enthält drei zentrale Forderungen:

  • Der jährliche Stromverbrauch darf das Niveau von 2011 bis 2035 nicht überschreiten.
  • Bis dann ist der gesamte Strombedarf aus erneuerbaren Quellen zu decken.
  • Bis 2050 muss der Energiebedarf für Heizung und Warmwasser von Gebäuden 100 Prozent durch erneuerbare Energien gedeckt werden (abgesehen von technisch bedingten Ausnahmen).

Wie soll der Energiehaushalt der Häuser, die heute zu 70 Prozent mit Öl oder Gas beheizt werden, derart radikal umgestellt werden? «Der Anteil der jährlich sanierten Gebäude muss von heute ein auf mindestens zwei Prozent steigen», sagt Tonja Zürcher, Geschäftsführerin des WWF Aargau.

«Neue Gebäude sollen möglichst keine Fremdenergie benötigen. So können wir den Gebäude-Energieverbrauch bis 2050 halbieren.» Doch wie? Die energetische Gesamtsanierung eines Einfamilienhauses kostet schnell 100 000 bis 150 000 Franken.

Zürcher: «Man muss in einem Einfamilienhaus ja nicht alles auf ein Mal machen. Es gibt günstige und gleichzeitig wirksame Massnahmen, wie beispielsweise die Dämmung von Dach und Kellerdecke. Diese Investitionen helfen der Umwelt, steigern zudem den Wert des Hauses und angesichts mittelfristig wieder steigender Energiepreise rechnen sie sich auch.»

Zürcher: Sanierungen verdoppeln

Wie aber soll die Sanierungsrate verdoppelt werden? Zürcher: «Man kann Gebäudebesitzer mit besserer Information und mit finanziellen Anreizen motivieren. Wenn das nicht reicht, könnte man verlangen, dass am Ende der Lebensdauer einer Ölheizung eine erneuerbare Wärmequelle genutzt wird.» Als Trumpf führt Zürcher an, dass energetischee Sanierungen dem örtlichen Gewerbe zugutekommen, «derweil das Geld für Öl und Gas in den arabischen Raum und nach Russland fliessen».

Man habe das Jahr 2050 auch gewählt, weil bis dann alle Ölheizungen an ihr Lebensende gelangen. Neue Ölheizungen müsste man dann verbieten, meist kämen neu wohl Pellets oder Wärmepumpen zum Einsatz. Doch die brauchen Strom. Woher kommt er künftig? Die Umweltverbände streben bis 2035 diesen Mix an: 56 Prozent Wasserkraft, 25 Prozent Photovoltaik, 8 Prozent Biomasse, 2,5 Prozent Windenergie, 3,5 Prozent Geothermie.

Zürcher: «Solarenergie wird immer günstiger. Die Subventionen für Atom- und Kohlestrom sind marktverzerrend. Wenn die entfallen, ist erneuerbare Energie am günstigsten. Strom aus neuen AKW wäre massiv teurer.»

Keller: Der Markt regelt das

Die Initiative wird von einer Mehrheit der zuständigen Kommission abgelehnt. Darunter Martin Keller (SVP). Er wehrt sich keinesfalls gegen besser wärmegedämmte Häuser und Solarpanels: «Heute wird viel energieeffizienter gebaut. Und kaum jemand installiert noch eine Ölheizung. Auch viele Bürgerliche montieren inzwischen Solaranlagen. Das ist richtig und wichtig. Ich sehe aber absolut keine Notwendigkeit für Vorschriften und das Festlegen fixer Ziele.»

Anders als Tonja Zürcher ortet er den Grund für die historisch tiefen Strompreise nicht beim Atomstrom. Keller: «Schuld daran, dass nicht einmal mehr Wasserkraft rentiert, sind die völlig marktverzerrenden Subventionen in der Schweiz, aber vor allem in Deutschland für Solar- und Windstrom. Im Sommer wurden sogar schon Eisenbahnweichen geheizt, um subventionierten, überschüssigen Strom zu vernichten. Diesen fatalen Weg dürfen wir nicht gehen.»

Er ärgert sich über die Umweltverbände, die stark auch auf Wasserstrom setzen: «Konkret wehren sie sich aber gegen ein mögliches neues Kraftwerk an der Reuss im Raum Mellingen.»

Keller sieht in der Initiative auch eine «Bevormundung». Er wehrt sich auch in der regierungsrätlichen Strategie gegen fixe Ziele. Die Regierung wollte, dass der Anteil fossiler Energien bei Gebäuden bis 2035 halbiert werden muss. Statt «muss» heisst es jetzt «soll». Keller ist überzeugt, dass das reiche: «Gute neue Energietechnologien werden sich durchsetzen. Der Markt regelt das.»

Indirekter Gegenvorschlag

Die kantonale Energieplanung «energieAargau» ist ein indirekter Gegenvorschlag des Regierungsrats zur Energieinitiative. Sie zeigt die Stossrichtung der kantonalen Energiepolitik für zehn Jahre auf. Zu den Zielen des Kantons gehören Effizienzsteigerung beim Stromverbrauch sowie der weitere Ausbau an erneuerbaren Energien. Die Mitglieder der zuständigen Kommission begrüssen diesen Planungsbericht. Eine Minderheit wünscht sich aber laut Kommissionsmitteilung eine noch stärkere Gewichtung der erneuerbaren Energien. Die Kommissionsmehrheit will andere Technologien aber nicht vollständig verbannen. Dies auch aus Sorge darüber, der Energiekanton Aargau könnte sich so den Zugang zu künftigen Weiterentwicklungen versperren. Die Kommission empfiehlt den Verzicht auf die von der Regierung vorgeschlagene Frist von 15 Jahren für den Ersatz von Elektroheizungen mit Wasserverteilsystem und zentralen Elektroboilern. Auch für andere Ziele im Gebäudebereich fordert eine Kommissionsmehrheit grössere Flexibilität. (MKU)