Aargau

Abgehoben, abgetreten, abgewählt: Was wurde aus den Siegern und Verlierern der Wahlen 2016?

31 Kandidierende wurden 2016 im Kanton Aargau neu in den Grossen Rat gewählt, 14 verloren ihren Sitz – die AZ zeigt, was aus Siegern und Verlierern wurde.

Fabian Hägler
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Gabriela Suter wurde 2016 in den Grossen Rat gewählt. Nun ist sie Nationalrätin.

Gabriela Suter wurde 2016 in den Grossen Rat gewählt. Nun ist sie Nationalrätin.

Fabio Baranzini

Gabriela Suter (SP): Grosser Rat als Sprungbrett nach Bern

Gabriela Suter: 2016 neue Grossrätin, jetzt SP-Nationalrätin.    

Gabriela Suter: 2016 neue Grossrätin, jetzt SP-Nationalrätin.    

Alex Spichale

Vor vier Jahren wurde die damals 43-jährige Gabriela Suter neu in den Grossen Rat gewählt – seither hat die SP-Frau aus Aarau einen steilen Aufstieg hinter sich. Zuerst wurde Suter im Juni 2018 zur neuen Präsidentin der SP Aargau gewählt, sie folgte auf Elisabeth Burgener und Cédric Wermuth, welche die Kantonalpartei im Co-Präsidium geführt hatten.

Gut ein Jahr später durfte Suter wieder einen Wahlerfolg feiern: Im Oktober 2019 wurde sie für die SP in den Nationalrat gewählt. Dort hat sich die Aarauerin inzwischen etabliert und mit ihren Vorstössen gegen lärmige Autos und Motorräder nationale Bekanntheit erlangt. Ihre Bilanz als Parteipräsidentin ist durchzogen: Bei den Nationalratswahlen 2019 legte die SP um einen Sitz zu, die Verteidigung des Ständeratssitzes von Pascale Bruderer mit Cédric Wermuth und der Angriff auf einen zweiten Regierungsratssitz mit Yvonne Feri misslangen aber.

Karin Bertschi (SVP): Glanzvoll gewählt, vorzeitig abgetreten

Karin Bertschi: 2016 neue SVP-Grossrätin, 2019 zurückgetreten.   

Karin Bertschi: 2016 neue SVP-Grossrätin, 2019 zurückgetreten.   

Alex Spichale

Mit der besten Stimmenzahl im Bezirk Kulm wurde Karin Bertschi (SVP, Leimbach) im Oktober 2016 in den Grossen Rat gewählt. Die Recyclingunternehmerin geriet aber schon wenige Tage nach der Wahl in die Kritik. Nachdem ihre Umzugspläne von Leimbach nach Wettingen publik wurden, sprach der damalige SVP-Fraktionschef und heutige Regierungsrat Jean-Pierre Gallati von «Wählerbetrug», sollte die damals 26-Jährige in einen anderen Bezirk zügeln. Später versöhnten sich die beiden, dennoch endete das Intermezzo von Karin Bertschi im Kantonsparlament vorzeitig. Im Mai 2019 erklärte sie ihren Rücktritt, um sich ganz auf ihr Recyclingunternehmen zu konzentrieren. Bertschi beschäftigte in ihrem Betrieb auch Asylbewerber, war mit ihren Positionen oft nicht auf der offiziellen SVP-Linie, äussert sich heute aber gar nicht mehr zu politischen Fragen.

Ruth Müri (Grüne): Angriff auf den Ständerat gescheitert

Ruth Müri: 2016 neue Grossrätin, 2019 Ständeratskandidatin.    

Ruth Müri: 2016 neue Grossrätin, 2019 Ständeratskandidatin.    

Sandra Ardizzone

Grüne aus Baden sorgten in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen: Geri Müller mit der Selfie-Affäre und seiner Abwahl als Stadtammann, Jonas Fricker mit seinem Rücktritt aus dem Nationalrat nach einem Holocaust-Vergleich. Keine schwarzen Flecken in der politischen Laufbahn hat bisher Ruth Müri – die Stadträtin wurde 2016 neu in den Grossen Rat gewählt. Dort hat sich Müri in kurzer Zeit zu einer wichtigen Bildungspolitikerin entwickelt. Zuletzt feierte die Badenerin, die sich für die Abschaffung der Schulpflege einsetzte, bei der Abstimmung am 27. September einen Erfolg. Erfolglos blieb der Versuch mit Müri als Kandidatin von Grünen und SP für den Ständerat 2019: Sie unterlag Thierry Burkart (FDP) und Hansjörg Knecht (SVP). Später war Müri als Regierungsratskandidatin im Gespräch, sie verzichtete aber, die Grünen treten mit Christiane Guyer an.

Johannes Jenny (FDP): Will er immer noch Katzen schiessen?

Johannes Jenny: 2016 abgewählt, nun wieder auf der FDP-Liste.   

Johannes Jenny: 2016 abgewählt, nun wieder auf der FDP-Liste.   

Zur Verfügung gestellt

Manchmal wirkt er exzentrisch und man fragt sich, ob er bei den Freisinnigen in der richtigen Partei ist: Johannes Jenny, Biologe und bis Ende September Geschäftsführer von Pro Natura Aargau. Vor vier Jahren wurde der Badener FDP- Mann aus dem Grossen Rat abgewählt. Jenny hatte sich im Vorfeld der Wahl mit der Forderung exponiert, verwilderte Katzen abzuschiessen, weil diese seltene Vögel, Amphibien und Reptilien fressen. Zudem servierte er an einem Wahlkampfanlass eine Krähensuppe und sorgte damit bei manchen Wählern für Kopfschütteln. Zuletzt hat er sich als Kämpfer gegen die neue Villenzone in Oberwil-Lieli profiliert – und am Sonntag kandidiert Jenny für den Wiedereinzug in den Grossen Rat.

Martina Bircher (SVP): Bis in die Arena mit harter Asylpolitik

Martina Bircher: 2016 neue Grossrätin, heute SVP-Nationalrätin.

Martina Bircher: 2016 neue Grossrätin, heute SVP-Nationalrätin.

CH Media

Als im Frühling 2009 in Wohlen eine der ersten Lidl-Filialen der Schweiz aufging, posierte Martina Bircher als Regionalleiterin des deutschen Discounters für das Eröffnungsfoto. Inzwischen ist Bircher fast schon Berufspolitikerin: Sie sitzt für die SVP im Nationalrat, profiliert sich als Hardlinerin, wenn es um den Umgang mit Asylbewerbern und Sozialhilfebezügern geht, und wird auch als Gast in bekannte SRF-Sendungen wie die «Arena» oder den «Club» eingeladen. Martina Bircher, die im Gemeinderat Aarburg das Sozialressort unter sich hat, wurde vor vier Jahren in den Grossen Rat gewählt. Bereits im Oktober 2019 gelang ihr der Sprung nach Bundesbern, wo sie zuletzt mit einem Vorstoss für Schlagzeilen sorgte, der die Aufnahme von Flüchtlingen aus abgebrannten Lagern verbieten will. Bircher war gar als SVP-
Schweiz-Präsidentin im Gespräch, erklärte aber im Juli aus familiären Gründen ihren Verzicht.

Florian Vock (SP): Abgewählt, nachgerutscht, verzichtet

Florian Vock: 2016 abgewählt, 2017 nachgerutscht, verzichtet heute.

Florian Vock: 2016 abgewählt, 2017 nachgerutscht, verzichtet heute.

Er setzt sich für die Rechte von Schwulen, Lesben, Transmenschen und Intersexuellen ein, war Präsident der SP im Bezirk Baden, präsidierte den Aargauischen Gewerkschaftsbund, politisiert für die Sozialdemokraten im Grossen Rat – und verzichtet am Sonntag darauf, seinen Sitz zu verteidigen. Florian Vock teilte schon Anfang März mit, dass er bei den Grossratswahlen nicht mehr antreten werde. Er wolle sich in seinem Verband Pink Cross und in der Zivilgesellschaft engagieren und diese Stimmen in die SP Aargau tragen, liess er die Öffentlichkeit wissen. Vock hat eine bewegte politische Karriere hinter sich: 2015 rutschte er für Martin Christen in den Grossen Rat nach, 2016 gewann die SP im Bezirk Baden einen Sitz, dennoch wurde Vock abgewählt. Im Oktober 2017 rutschte der Jungpolitiker ein zweites Mal nach, als Jürg Caflisch seinen Sitz im Kantonsparlament abgab. Die Frage, ob Florian Vock den Einzug in den Grossen Rat auch direkt in einer Wahl schaffen würde, bleibt mit seinem Verzicht nun unbeantwortet.

Alfons Paul Kaufmann (CVP): Neu und schon Fraktionschef

Alfons Paul Kaufmann: 2016 neuer Grossrat, heute CVP-Fraktionschef.

Alfons Paul Kaufmann: 2016 neuer Grossrat, heute CVP-Fraktionschef.

Zur Verfügung gestellt

Einen schnellen Aufstieg erlebte der Malermeister aus Wallbach mit eigenem Unternehmen: Alfons Paul Kaufmann wurde vor vier Jahren in den Grossen Rat gewählt und führt inzwischen bereits die CVP-Fraktion. Kaufmann ist ein zupackender Mensch und einer, der gerne Führungspositionen übernimmt. So ist er unter anderem Zentralpräsident des Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmerverbandes. Als tatkräftiger Koch im Risottobus seiner Partei trat Kaufmann im Nationalratswahlkampf vor einem Jahr auf, wo die CVP mit 127 Kandidatinnen und Kandidaten auf neun Listen antrat. Die Strategie ging auf, die CVP legte beim Wähleranteil um 1,3 Prozent zu und holte einen zweiten Nationalratssitz. Auch im Grossen Rat gab es Zuwachs für die Fraktion, die Alfons Paul Kaufmann leitet: Mit Maya Bally und Michel Notter wechselten zwei bisherige BDP-Grossratsmitglieder zur CVP.

Désirée Stutz (SVP): Nicht immer auf der Glarner-Linie

Désirée Stutz: 2016 neue Grossrätin, heute SVP-Fraktionschefin.

Désirée Stutz: 2016 neue Grossrätin, heute SVP-Fraktionschefin.

Foto: zVg Bild: Iseli

Auch eine Fricktalerin ist schon in ihrer ersten Legislaturperiode in ein Spitzenamt befördert worden: Désirée Stutz leitet seit der Wahl von Jean-Pierre Gallati in den Regierungsrat die SVP-Fraktion im Grossen Rat. Damit führt die Juristin die mit 47 Mitgliedern klar stärkste Gruppe im Parlament. Mit dem neuen SVP-Kantonalpräsidenten Andreas Glarner, der einst selber Fraktionschef war, ist sich Stutz allerdings nicht immer einig. Differenzen gab es bei der Frage, ob die Aargauische Kantonalbank (AKB) privatisiert werden sollte, bei der Diskussion um das Polizeigesetz und zuletzt bei der Maskendebatte: Stutz sagte, sie fände Grossratssitzungen mit Maskenpflicht in Aarau eine gute Lösung, Glarner verschickte gleichentags eine Mitteilung, dass die SVP für Sitzungen ohne Masken sei.

Roland Basler (BDP): Aufruhr nach Todesstrafen-Tweet

Roland Basler: 2016 abgewählt, heute wohl letzter BDP-Präsident.   

Roland Basler: 2016 abgewählt, heute wohl letzter BDP-Präsident.   

ag.ch

Acht Jahre lang sass der Oftringer im Grossen Rat, im Oktober 2016 verlor er sein Mandat: Roland Basler, Präsident der BDP Aargau, hatte auch seither kaum Grund zum Feiern. Bei den Wahlen im Herbst 2019 verlor die BDP ihren einzigen Nationalratssitz, bei den kantonalen Wahlen tritt die Partei nicht an. Zwei der zuletzt noch vier Grossräte wechselten zur CVP, doch der Name der BDP verschwindet. Basler selber sorgte im Sommer 2019 für einen grossen Shitstorm, als er auf Twitter die Todesstrafe für einen Eritreer forderte, der am Hauptbahnhof Frankfurt einen Bub vor einen einfahrenden ICE-Zug schubste. Später rechtfertigte sich Basler und sagte, er sei nicht allgemein für die Todesstrafe, sondern halte sie nur im Fall des Schubsers für angemessen.