Abschiedsinterview, Teil 2

«Alt Regierungsrätin? Nein, schlimm! Das wird mich wohl über den Tod hinaus begleiten»

Im zweiten Teil des Abschiedsinterviews erklärt Susanne Hochuli, warum sie manchmal arrogant wirkte, was sie mit ihrer Regierungsrats-Rente vor hat und wohin sie mit Hündin Mira Mitte Januar zieht.

Rolf Cavalli und Urs Moser
Drucken
Teilen
Sie freut sich auf das Leben nach ihrer Regierungszeit: Susanne Hochuli beim Abschiedsinterview

Sie freut sich auf das Leben nach ihrer Regierungszeit: Susanne Hochuli beim Abschiedsinterview

Im ersten Teil des Abschiedsinterviews bewies Susanne Hochuli einmal mehr, dass sie keine typische linke und grüne Politikerin ist: Sie sprach übers Schiessen, und stellte Forderungen an die Asylbewerber.

Hier der zweite Teil:

Nach der Trump-Wahl wurde auch in der Schweiz kritisiert, man nenne Probleme zu wenig beim Namen wegen der Political Corectness. Stellen Sie das auch fest?

So schlimm wie in den USA ist es nicht. Aber wir haben schon Scheuklappen in der Politik. Wenn ich eine Integrations-RS für Asylbewerber vorschlage, heulen die Linken gleich auf: «Nein, nein, man muss diese Leute speziell gut behandeln, weil sie aus schwierigen Situationen kommen.» Ich finde diese Einstellung sehr paternalistisch. Warum sollen wir diesen Menschen einfach über den Kopf streicheln statt sie ernst zu nehmen und Dinge einzufordern, die wichtig sind für unsere Gesellschaft, aber vor allem auch für sie selber? Ich gebe aber zu, mir passiert es auch, dass ich mich zu schnell auf eine Meinung festlege, auch aufgrund meiner Herkunft und meiner wertkonservativen Haltung.

Wo haben Sie sich denn mal gegen Ihre Meinung vom Gegenteil überzeugen lassen?

Beim Thema gleichgeschlechtliche Eltern. Für mich war immer klar, dass eine Familie aus Mutter, Vater und Kind besteht. In meiner Arbeit als Regierungsrätin wurde ich dann mit den sogenannten Regenbogen-Familien konfrontiert. Da habe ich gemerkt, dass ich auf dem Holzweg bin. Ich habe eingesehen, dass eine Familie vor allem aus mindestens zwei Generationen besteht. Ob jetzt Mutter und Vater, zwei Mütter oder zwei Väter oder eine alleinerziehende Mutter oder alleinerziehender Vater die Eltern sind, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass es Eltern sind, die sich bewusst für ihre Kinder entschieden haben und das Beste für sie wollen.

Was hat Sie am meisten enttäuscht in Ihrer Regierungszeit?

Nicht unbedingt enttäuscht, aber ernüchtert hat mich, dass der Umgangston destruktiver geworden ist und es oft gar nicht mehr um die Sache geht. Das bringt uns leider nicht weiter.

In der Aargauer Regierung hat das wohl niemand so zu spüren bekommen wie Sie. Hat Sie das nicht zermürbt?

Natürlich habe ich auf dem Heimweg von einer Asyl-Infoveranstaltung auch schon gedacht: Was soll das überhaupt, muss ich mir das noch antun?! Aber ich habe mir mit der Zeit eine Technik angeeignet: An solchen Veranstaltungen stülpte ich in meiner Vorstellung eine Glasglocke über mich und versuchte, sachlich und ruhig meine Argumente vorzutragen und Provokationen nicht an mich heranzulassen.

Das wurde Ihnen als arrogantes Auftreten vorgeworfen.

Ja, das wirkt vielleicht überheblich, wenn jemand im Saal schreit «Was soll ich tun, wenn meine drei Töchter von einem Asylbewerber vergewaltigt werden» und ich ruhig antworte: «Laut Statistik findet sexuelle Gewalt mehr in der Familie statt.» Eine grosse Hilfe waren auch mein Zuhause und meine Leute im Departement. Da musste ich nichts vormachen und konnte auch mal weinen oder meinen Frust ausdrücken.

Abschiedsinterview Susanne Hochuli
7 Bilder
Voller Einsatz bis zum letzten Tag: Als "lame duck" habe sie sich in den letzten Wochen nicht gefühlt
Abschiedsinterview: Susanne Hochuli im Gespräch mit den az-Redaktoren Urs Moser und Rolf Cavalli Susanne Hochuli tritt per 31. Dezember ab als Regierungsrätin. Fotografiert in ihrem Büro.
Hochuli erinnert sich an ihren ersten Auftritt vor den Schützen, als sie voll ins Fettnäpfchen trat.
Freut sich auf eine Zeit ohne Zwänge und volle Agenda: Susanne Hochuli, abtretende Regierungsrätin Susanne Hochuli tritt per 31. Dezember ab als Regierungsrätin. Fotografiert in ihrem Büro.
Hochuli, unbequem: Man muss von den Asylbewerbern auch einfordern.
Susanne Hochuli am Fenster ihres Büros. Ab 1.1.2017 gehört es ihrer Nachfolgerin Franziska Roth

Abschiedsinterview Susanne Hochuli

Jetzt haben Sie diese Probleme nicht mehr. Reden wir Sie eigentlich ab dem 1. Januar mit Frau alt-Regierungsrätin an?

(lacht laut). Nein, so schlimm! Der Begriff «Alt-Regierungsrätin» wird mich wohl über den Tod hinaus begleiten.

Oder sollen wir Sie nur solange als «alt Regierungsrätin» ansprechen, solange Sie die Rente von 150 000 Franken beziehen?

Es interessant, dass das gerade bei mir zum Thema gemacht wird.

Vielleicht weil Sie noch so jung sind...

...vielleicht ja. Aber ich werde mich mit diesem Ruhegehalt sicher nicht zur Ruhe setzen. Die 150›000 Franken werden mir die Möglichkeit geben, Projekte anzupacken, die für die Gemeinschaft Sinn machen, aber für mich finanziell nicht gewinnbringend sein müssen.

Können Sie uns schon eine Projektidee verraten?

Nein, noch nicht. Sonst werden Sie ständig nachfragen, was daraus geworden ist.
Haben Sie schon Jobangebote bekommen oder Mandate?

Als Grüne bekommen Sie keine Mandatsangebote (lacht). Aber ja, ich wurde auf die eine oder andere Sache aufmerksam gemacht.

Susanne Hochuli als Verwaltungsrätin?

Da gäbe es lohnenswerte Engagements. Aber ich muss schon noch etwas Spannenderes machen. Ich habe zum Beispiel noch nie in meinem Leben ein Haus gebaut. Doch ich will mir jetzt noch nicht konkrete Gedanken machen. Zuerst gehe ich auf meinen 1500-Kilometer-Fussmarsch an die Ostsee.

Wann geht es denn los?

Am Freitag, den 13. Januar.

Was nehmen Sie mit?

Meine Hündin Mira. Sie musste lernen, ihr eigenes Rucksäckli zu tragen. Ihr Tüchli, Striegel und Futter.

Und was brauchen Sie?

Ich muss mich auf weit unter 10 Kilo beschränken. Mein Dilemma: Ich will viel lesen auf der Reise und hänge so an Büchern. Meine Tochter hat mich jetzt aber überredet, einen E-Reader zu kaufen. Ich muss die echten Bücher aber zuerst anfassen und riechen, bevor ich mich auf die Reise mache. Dann sollte es gehen.

2009: Die Grüne Susanne Hochuli wird in den Regierungsrat gewählt. Gartenarbeit diente ihr auch während ihrer Regierungszeit immer wieder als Ausgleich.
16 Bilder
Susanne Hochuli mit Pferd und Hund in ihrer Heimat an der Suhre.
2010: in ihrem zweiten Jahr als Chefin des Departementes Gesundheit und Soziales
2010: Truppenbesuch im Panzer. Ungewohnt für eine Grüne, aber selbstverständlich für eine Regierungsrätin mit Zuständigkeit Militär.
2011: Gruppenbild mit Dame. Der Gesamtregierungsrat posiert.
2011: Asyl-Aufstand in Bettwil. Ein Traktor blockiert Hochulis Fahrzeug aus Protest.
2012: Die Aargauer Gesundheitsministerin empfängt Bundesrat Alain Berset.
2012: Von Grün zu Grün: Mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf Schloss Lenzburg
2012: Susanne Hochuli ist zum ersten Mal Frau Landammann.
Alt Nationalrat Ulrich Siegrist gratuliert Frau Landammann Susanne Hochuli beim Apéro
2013: Susanne Hochuli bei sich auf dem Bauernhof mit Flüchtlingen.
2013: Hochuli wurde bald zur national bekannten Politikerin. Hier im Talk mit Roger Schawinski.
2014: Susanne Hochuli ist national bekannt. Hier am Swiss Award.
Susanne Hochuli beim grossen Interview als Landammann 2016.
2016: Hier muss sie den Safenwilern erklären, warum bei ihnen ein Asylheim eröffnet wird. Sie scheiterte schliesslich am Widerstand im Dorf.
2016: Ihr Dossier Asyl wurde von Jahr zu Jahr dominanter. Hier im TalkTäglich gegen Intimgegner Andreas Glarner.

2009: Die Grüne Susanne Hochuli wird in den Regierungsrat gewählt. Gartenarbeit diente ihr auch während ihrer Regierungszeit immer wieder als Ausgleich.

Aargauer Zeitung