Armut im Aargau

Das Hilfswerk «Cartons du Cœur» kämpft seit 20 Jahren gegen leere Kühlschränke im Aargau an

Seit 20 Jahren verteilen Freiwillige von «Cartons du Cœur» tonnenweise Lebensmittel an Bedürftige im Kanton Aargau.

Manuel Bühlmann
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Das Hilfswerk «Cartons du Cœur» lieferte im vergangenen Jahr 68 Tonnen Nahrungsmittel. (Archivbild)

Das Hilfswerk «Cartons du Cœur» lieferte im vergangenen Jahr 68 Tonnen Nahrungsmittel. (Archivbild)

Armut wird in den Kühlschränken sichtbar; auch in der reichen Schweiz sind sie zuweilen leer. Die Mutter, der das Geld fehlt, um für ihre kleine Tochter ein Mittagessen zu kochen. Die Eltern, die den Kindern aus Scham verheimlichen, dass sie auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind. Der Vater, der sich tagelang nur von Wasser ernährt, um seiner Frau und den Kindern die letzten Teigwaren zu überlassen. Geschichten wie diese könnten alle Helferinnen und Helfer von «Cartons du Cœur» erzählen.

«Wir bekommen schlimme Dinge zu sehen», sagt Brigitte Arnoux, langjährige Helferin und ehemalige Präsidentin. Auch nach zwanzig Jahren ist sie überzeugt: «Uns braucht es nach wie vor.» Sogar noch mehr als in den Anfangszeiten, findet die aktuelle Präsidentin Jacqueline Burkhard: «Die Schere zwischen Arm und Reich geht im Aargau immer weiter auseinander. Die Zahl der Bedürftigen steigt.» Entsprechend gross ist die Nachfrage nach den Paketen mit den Lebensmitteln. Deren Grösse passt sich der Grösse der Haushalte an: Einzelpersonen erhalten 26 Kilogramm, grössere Familien 62 Kilogramm. Teigwaren, Reis, Mehl, Konserven, Brot, Milch oder Gemüse sollen dabei helfen, während zwei bis drei Wochen «eine Notsituation zu überbrücken», wie Burkhard sagt.

Das Angebot richtet sich an Personen, die nach dem Jobverlust noch kein Arbeitslosengeld erhalten, Ausgesteuerte, die auf Sozialhilfe warten, und ganz allgemein: Aargauerinnen und Aargauer, die in eine finanzielle Notlage geraten sind.

Was 1997 klein begann, ist über die Jahre stetig gewachsen. 110 Paketlieferungen waren es im ersten, 1680 im letzten Jahr. Insgesamt verteilte «Cartons du Cœur» bislang über 900 Tonnen Lebensmittel an jene, die sonst zu wenig auf ihren Tellern hätten – 68 Tonnen waren es allein 2016.

Ein Anruf, der Überwindung braucht

Wer arm ist, gerät gesellschaftlich schnell ins Abseits. Deshalb ist auch der soziale Aspekt des Hilfsangebots zentral. «Die Begegnung ist wichtig. Die Pakete liefern wir immer persönlich zu Hause ab», sagt Arnoux. Doch nicht alle wollen reden. Es gebe auch Betroffene, die sich schämten, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Entsprechend gross ist die Überwindung, um bei «Cartons du Cœur» anzurufen, weil kein Geld fürs Essen da ist. Trotzdem melden sich immer wieder Personen, die davor noch nie das Angebot genutzt haben. Ein Drittel aller gebrachten Pakete waren 2016 Erstlieferungen.

20 Jahre sind seit der Gründung von «Cartons du Cœur» im Aargau vergangen, doch der Bekanntheitsgrad dürfte noch höher sein, sagt Präsidentin Burkhard. «Viele Leute wissen nicht, dass es uns gibt. Wir müssen uns bekannter machen.» Dabei helfen ein neues Logo und eine neue Website, beides mit der Unterstützung von Helfern realisiert und ohne Spendengelder finanziert, wie Jacqueline Burkhard betont. «97 Prozent der gespendeten Gelder kommen direkt den Hilfsbedürftigen zugute.» Möglich macht dies der Einsatz der 125 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die Pakete ausliefern, Anrufe entgegennehmen, Waren sortieren – oder an Sammlungen teilnehmen.

Letztere finden jeweils vor der Filiale eines Grossverteilers statt. Die Freiwilligen sprechen die Kunden an und verteilen Zettel, auf denen die benötigten Produkte stehen. Wer will, füllt danach den Einkaufskorb nicht nur für sich, sondern auch für die Bedürftigen. Ein Drittel der verteilten Ware kommt auf diese Weise zusammen, die übrigen zwei Drittel werden mit Spendengeldern eingekauft. Allein in den letzten fünf Jahren wurde «Cartons du Cœur» rund eine Million Franken gespendet, ein Grossteil davon durch Kirchgemeinden.

Im Jubiläumsjahr sollen Benefizveranstaltungen für zusätzliche Bekanntheit und finanzielle Mittel sorgen. Geplant sind Konzerte in den Stadtkirchen Aarau und Lenzburg, ein Charity-Stafettenlauf sowie ein Auftritt von Peach Weber, der wie alle Künstler auf eine Gage verzichtet. Die Suche nach Sponsoren für die übrigen Ausgaben läuft, damit unter dem Strich möglichst viel Geld für jene bleibt, die es am dringendsten brauchen. «Unser Ziel ist, die Arbeit noch möglichst lange weiterzuführen», kündigt Brigitte Arnoux an. Schliesslich gibt es auch in Zukunft viele leere Kühlschränke, die gefüllt werden müssen.