Abschiedsserie (1/4)
«Die Aargauer hätten das KKW Kaiseraugst gebaut»

az-Redaktor Hans Lüthi im Gespräch mit Ulrich Fischer, der intensiv für das Atomkraftwerk Kaiseraugst kämpfte. Sogar sein Auto wurde damals angezündet. Heute würde er ein neues Atomkraftwerk am Standort Beznau begrüssen.

Hans Lüthi
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Ex-Nationalrat Ulrich Fischer (links) wird in Aarau von az-Redaktor Hans Lüthizum Engagement für die Atomenergie befragt. Emanuel Freudiger

Ex-Nationalrat Ulrich Fischer (links) wird in Aarau von az-Redaktor Hans Lüthizum Engagement für die Atomenergie befragt. Emanuel Freudiger

Kurz vor seiner Pensionierung nach fast 40 Jahren als Redaktor der az und des «Badener Tagblatts» verabschiedet sich Hans Lüthi mit einer Interview-Serie. Der Umwelt-, Verkehrs- und Energiespezialist trifft sich mit politischen Weggefährten seiner journalistischen Karriere.

«Mister Kaiseraugst» hiess er in der Energiebranche, «Atom-Ueli» in der Politik: Seine Erfahrungen mit dem «verhinderten Kernkraftwerk Kaiseraugst» hat Fischer in einem Buch beschrieben.

Ulrich Fischer, konnten Sie sich mit Ihrem Buch zum AKW Kaiseraugst den ganzen Frust von der Seele schreiben?

Ulrich Fischer: Ja, ein Stück weit schon. Aber viel mehr als der Frust über die negative Entwicklung des Projektes sind es die vielen spannenden Erlebnisse, welche mir wertvolle Erfahrungen ermöglichten. Auch ist das Buch gewissermassen ein Abschluss meiner beruflichen Tätigkeit, die 18 Jahre eng mit Kaiseraugst zusammenhing.

Stimmt es, dass Öl und die Luftverschmutzung Sie zur Kernenergie geführt haben?

Nicht nur, aber das war ein wichtiges Element für diese Entscheide. Es war sicher auch so, dass die Kernenergie wirtschaftlich eine sinnvolle Alternative war. Vor allem auch wegen der damals befürchteten Verknappung der fossilen Ressourcen.

Und weil selbst viele Umweltschützer die saubere Zukunftsenergie wünschten?

Davon war ich völlig überzeugt und bin es heute noch. Die Kernenergie ist bezüglich Umweltschonung eine sinnvolle Alternative, die man weiter nutzen sollte, weil man auf kleinstem Raum ohne Immissionen grosse Mengen Strom produzieren kann.

Ahnten Sie nach der Besetzung des AKW-Geländes im deutschen Wyhl, das könnte auch in Kaiseraugst passieren?

Natürlich, was im nahen Deutschland passiert, hat sehr oft Auswirkungen in der Schweiz. Das sieht man ja nicht zuletzt bei der Energiewende, wo die Schweiz als fast einziges Land den Deutschen den Ausstieg nachmacht.

Der Aargauer Polizeikommandant Felix Simmen sagte Ihnen im Voraus, die Polizei könne eine Besetzung nicht verhindern.

Das war leider so. Tatsächlich hatte die Aargauer Polizei niemals die nötigen personellen Ressourcen, um einer solchen Herausforderung gerecht zu werden.

«Die Aargauer Regierung zeigte ein erschreckendes Bild an Ratlosigkeit und Entschlusskraft», kritisieren Sie im Buch. Hätten eine offensive Polizei und Politik den Verlauf ändern können?

Ich kann mit gut vorstellen, dass zu Beginn der ganzen Besetzungsaktion eine entschlossene Regierung mehr hätte erreichen können. Aber später wäre das zweifellos sehr schwierig gewesen. Der Widerstand hatte eine Breite erreicht, mit der anfänglich niemand gerechnet hat.

Wegen der Nähe zu Basel?

Ja, sicher. Basel ist immer eine etwas aufmüpfige Stadt gewesen. Darum war es einfacher, den Kampf von dort aus zu führen.

Obwohl die Aargauer ja immer sehr freundlich zur Atomenergie eingestellt waren?

Wenn es auf die Aargauer angekommen wäre, hätte man Kaiseraugst realisieren können. Aber das Gebiet liegt im Einzugsbereich von Basel. Die Basler und die Fricktaler im untersten Teil hatten das Sagen.

Es gab Drohbriefe, Sie hatten eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Konnten Sie noch ruhig schlafen?

Natürlich beunruhigte mich dies, aber viel mehr meine Frau. Sie war nie begeistert, dass ich mich derart auf die Äste hinaus lassen musste. Selber war ich aber zuversichtlich, dass die Gegner die Menschen nicht direkt angreifen würden.

Fischer über Lüthi: «Journalist von altem Schrot und Korn»

Ulrich Fischer (*1940) ging in Seengen zur Schule und wohnt noch immer hier. Er studierte Jus an der Uni Bern und wurde Fürsprecher. 1970 begann seine lange Energie-Karriere bei Motor-Columbus in Baden. Für die FDP war er im Verfassungsrat, von 1981 bis 1988 im Grossen Rat und von 1987 bis 2003 im Nationalrat.

Fischer sagt über Hans Lüthi: «Er begleitete journalistisch verschiedene Projekte, bei denen auch ich involviert war, so beim Kernkraftwerk Kaiseraugst, der Fernwärmeversorgung Refuna und der dritten Tunnelröhre am Baregg. Was er nach gründlichem Studium und akribischer Recherche als richtig erachtete, vertrat er konsequent.
Dabei nahm er in Kauf, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch zeitungsintern auf Widerspruch zu stossen. Zu wünschen wäre, wenn es auch in Zukunft mehr Journalisten seiner Währung gäbe. Ich wünsche ihm ein aktives otium cum dignitate bei guter Gesundheit.» (az)

Aber Ihr Auto ist doch beschädigt worden?

Ja, ja, mein Auto wurde angezündet vor unserem Haus, in welchem wir uns an jenem Abend mit Freunden aufhielten. Das war schon erschreckend, aber Menschen sind nie direkt zu Schaden gekommen.

Am 19. Februar 1979 wurde das Informationszentrum in die Luft gesprengt. Wer war das?

Das weiss ich nicht, es weiss es offenbar niemand oder es will es niemand wissen. Die offiziellen Gegner des Kernkraftwerkes distanzierten sich und tun das heute noch. Viele behaupteten gar, die Stromwirtschaft habe die Anschläge inszeniert.

In der Industrie waren Sie der Mr. Kaiseraugst, als Nationalrat in der Politik der Atom-Ueli. Warum dieses starke Engagement?

Von Anfang an war ich überzeugt, dass die Kernenergie eine sinnvolle Möglichkeit darstellt, um unseren steigenden Bedarf an Elektrizität zu decken. Und wenn ich mich für etwas einsetze, dann mache ich das voll und ganz. So auch beim Fernwärmeprojekt Refuna und bei der dritten Röhre am Baregg.

Wann spürten Sie, dass der Traum, ein KKW Kaiseraugst zu realisieren, definitiv geplatzt war?

Eigentlich war das erst nach dem Unglück in Tschernobyl im April 1986 der Fall. Wir waren kurz vor der Realisierung, als sich dieser Unfall ereignete. Da wurde es sehr viel schwieriger, nicht wegen technischer, sondern wegen politischer Nichtmachbarkeit musste das Projekt aufgegeben werden. Ohne Tschernobyl hätten wir bauen können.

Bürgerliche, auch Freisinnige, haben mitgeholfen, dem KKW Kaiseraugst das Grab zu schaufeln.

Es ist so, dass massgebliche Politiker letztlich gegen aussen die Nichtrealisierung beschlossen haben. Das war eine Kapitulation des Rechtsstaates vor der politischen Wirklichkeit. Im Hintergrund waren die Grossbanken, also die sogenannte Bahnhofstrasse Zürich, beteiligt und haben starken Einfluss genommen.

Welche Konsequenzen hatte der Verzicht für die Schweizer Energiepolitik?

Tatsache ist, dass seither kein Kernkraftwerk mehr in der Schweiz gebaut wurde. Die Elektrizitätswirtschaft hat sich an französischen Kernkraftwerken beteiligt. Mit anderen Worten: Kaiseraugst ist in Frankreich gebaut worden.

Jetzt stehen wir wieder an einer Energiewende. Wohin führt der Weg?

Ich bin kein Hellseher, aber ich bin überzeugt, dass der Strombedarf weiter zunehmen wird, trotz Sparmassnahmen. Die Anwendungen für den Strom nehmen laufend zu, die Bevölkerung wächst ebenfalls.

Wir können ja Strom günstig aus Deutschland importieren.

Der Billigstrom aus Deutschland wird nicht auf Dauer zur Verfügung stehen. Denn der deutsche Stromkonsument wird längerfristig kaum bereit sein, uns Schweizern den Strom derart zu subventionieren, wie das heute der Fall ist.

Halten Sie eine Renaissance der Kernenergie für möglich?

Ja, es wäre auch sinnvoll. Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen. Die Kernenergie entwickelt sich dauernd technisch weiter, auch hinsichtlich Sicherheit. Die Schweiz investiert übrigens schon heute am meisten in die Sicherheit der Kernkraftwerke und würde dies auch künftig tun. Darum würde ich es begrüssen, wenn Beznau 3 eines Tages gebaut werden könnte.

Ohne Befragung des Stimmvolks?

Wir stimmen über viel weniger wichtige Dinge ab, als über die existenzielle Frage der Stromversorgung. Vor dem endgültigen Entscheid über Ausstieg und Energiewende müssen sich die Stimmbürger dazu äussern können, was wohl auch bei einem neuen KKW der Fall wäre.

Woher kommt bei einem Ausstieg der Strom in 20 Jahren?

Die neuen erneuerbaren Energien werden sicher einen grösseren Beitrag als heute leisten. Aber sie werden niemals genügen. Ohne neue Kernkraftwerke werden wir zur fossilen Stromproduktion zurückkehren müssen, hoffentlich nicht aus Braunkohle wie in Deutschland. Der CO2-Ausstoss wird sich ohne Kernenergie nicht senken lassen.