Aargauer Energiegipfel

Die Energiewende kommt – der Weg ist noch weit

Eine Veranstaltung in Aarau zeigte: Es sind viele gute Lösungsansätze da, aber auch noch grosse Fragezeichen.

Mathias Küng
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Die Stromproduktion befindet sich traditionell in den Händen grosser staatlicher Unternehmen. Eine Öffnung des Elektrizitätsmarkts wurde mehrfach abgelehnt. Die inländischen Stromproduzenten warnen im Zusammenhang mit dem Atomausstieg vor einem Verlust der «Autarkie»: Die Schweiz dürfe nicht von ausländischer Stromproduktion abhängig sein. Mit der Energiewende hoffen viele kleine Energieproduzenten auf Fördermillionen.

Die Stromproduktion befindet sich traditionell in den Händen grosser staatlicher Unternehmen. Eine Öffnung des Elektrizitätsmarkts wurde mehrfach abgelehnt. Die inländischen Stromproduzenten warnen im Zusammenhang mit dem Atomausstieg vor einem Verlust der «Autarkie»: Die Schweiz dürfe nicht von ausländischer Stromproduktion abhängig sein. Mit der Energiewende hoffen viele kleine Energieproduzenten auf Fördermillionen.

Getty Images/iStockphoto

Alljährlich organisiert der Wirtschaftsingenieur Dieter Schäfer den vom Kanton massgeblich unterstützten Aargauer Energiegipfel. Diesmal stand er in Aarau im Zeichen der kommenden Abstimmung über die Energiestrategie 2050. Viele werden sich jetzt schon fragen, ob die Schweiz diese zu stemmen vermag. Vor rund 400 Zuhörenden zeigte ABB-Schweiz-Chef Remo Lütolf neuste Beispiele für Innovationen in den Bereichen Effizienzsteigerung, Stromspeicherung und CO2-Einsparung auf.

In Genf wird seit kurzem eine ganze Buslinie mit Elektrobussen betrieben, auf deren Dächern eine Batterie installiert ist. Jeweils nach einigen Stationen müssen sie über ein von ABB geliefertes Schnellladesystem aufgeladen werden. Das dauert jeweils 15 Sekunden. Positiver Nebeneffekt: Oberleitungen braucht es nicht mehr. An den Endhaltestellen oder im Depot kann der Bus ganz aufgeladen werden. Auf diese Weise müsse der Bus keine riesige, schwere Batterie mit sich schleppen, so Lütolf zu dieser Weltneuheit. Genf spart damit 1000 Tonnen CO2 jährlich verglichen mit Dieselfahrzeugen, die Busse sind viel leiser und günstiger als im Dieselbetrieb.

Der ABB-Chef verwies auf weitere Neuerungen, etwa auf das kürzlich vom Aargauer Pionier Walter Schmid in Brütten bei Winterthur erstellte, weltweit erste energieautarke Mehrfamilienhaus (ohne Netzanschluss). Energie komme hier ausschliesslich von der Sonne. Lütolf: «Das ist heute möglich, nicht erst morgen. Würden wir alle Gebäude so erstellen, wäre unser Energieproblem sehr rasch gelöst.»

Als weiteres Beispiel nannte Lütolf einen Smart Sensor von ABB, mit dem man Elektromotoren fernüberwachen, eine bis 30-prozentig höhere Lebensdauer erreichen und den Energieverbrauch der Motoren um bis 10 Prozent senken kann. Würde man diesen ganz gross einsetzen, könnte man sich weltweit 100 grosse Kraftwerke sparen, so Lütolf weiter.

«Die Botschaft hör ich wohl...»

Damit ist aber die Frage noch ungeklärt, wodurch dereinst die AKW ersetzt werden sollen. Beim Nutzen von Solarenergie in grossem Massstab entsteht ein sommerlicher Stromüberschuss, den man irgendwie speichern muss, um ihn im Winter zu nutzen, wenn kaum Solarstrom anfällt, aber alle viel mehr Strom brauchen. Genau da hielt in einem Folgereferat der Physiker und frühere PSI-Mitarbeitende Andreas Pritzker den Finger drauf.

Er bekannte sich als Skeptiker gegenüber dem kommenden Atomausstieg und der Energiestrategie 2050. Wenn man ein Kernkraftwerk durch Solaranlagen ersetzen wolle, brauche man dafür riesige Flächen. Um den sommerlichen Überschuss für den Winter zu speichern, benötige man laut Aussage des PSI das 40- bis 60-fache der heute in der Schweiz verfügbaren Kapazität der Pumpspeicherkraftwerke. Pritzker kam zum Schluss, vieles sei denkbar, aber die Realisierung basiere auf Hoffnung.

Die Lösung des Speicherproblems sei die Voraussetzung für die Energiewende, diese Lösung sei aber noch nicht da. Die Botschaft höre er wohl, so Pritzker in Anlehnung an Goethe, allein ihm fehle der Glaube. Die Umsetzung der Energiewende erfordere eine Planwirtschaft, zuverlässige Stromlieferung wäre nicht mehr garantiert, die Kosten seien enorm. Er empfahl stattdessen, weiterhin auf Kernenergie zu setzen und möglichst viel Autarkie anzustreben.

Politischer Meilenstein am 21. Mai

Anders tönte es bei Landammann und Energiedirektor Stephan Attiger. Die Diskussion um die Energiezukunft der Schweiz sei aktueller denn je, denn am 21. Mai stehe ein politischer Meilenstein an. Attiger meint damit die nationale Volksabstimmung zum 1. Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 des Bundes.

Es sei gut, dass die Bevölkerung abstimmen und sagen kann, ob man in diese Richtung gehen soll oder nicht. Der Urnengang hat für den Energiekanton Aargau aus verschiedenen Gründen grosse Bedeutung. Unter anderem hat der Aargau als erster Kanton die Stossrichtung und die Ziele der Energiestrategie des Bundes in die eigene kantonale Energiestrategie aufgenommen bzw. die Ziele des Bundes auf den Kanton heruntergebrochen.

Das zentrale Thema der Versorgungssicherheit werde in der Strategie des Bundes allerdings nicht explizit behandelt und bleibe weiterhin eine der grossen energiepolitischen Herausforderungen, so Attiger. Im Aargau habe man eine Dichte an Energie-Know-how wie wohl nirgends sonst in Europa. Die wolle man behalten. Bezüglich Energieproduktion sei es sehr wichtig, wieder Investitionssicherheit geben zu können, Schweizer Produktion müsse wieder rentabel möglich sein. In einer Abwägung über die Energiestrategie 2050 kam die Aargauer Kantonsregierung zum Schluss, sie ziele mit dem ersten Paket in die richtige Richtung.