Nationalhymne
Ein Aargauer kämpft für den Schweizerpsalm eines Aargauers

CVP-Grossrat Markus Dieth kämpft für den Schweizerpsalm. Der Grossratspräsident sieht keine Notwendigkeit für eine neue Hymne und verweist darauf, dass der Schweizerpsalm von dort kommt, woher vieles kommt, was der Schweiz guttut: aus dem Aargau.

Jörg Meier
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Grossratspräsident Markus Dieth kämpft für die Nationalhymne von Alberich Zwyssig (rechts).

Grossratspräsident Markus Dieth kämpft für die Nationalhymne von Alberich Zwyssig (rechts).

AZ

Der Engel schwebt über die Wiese auf der Ostseite des Klosters. Er hält ein leeres Notenblatt in den Händen, das ihm langsam entgleitet. Unter der Statue steht der Wettinger Gemeindeammann und Grossratspräsident Markus Dieth. Das Denkmal ist Pater Alberich Zwyssig, dem Komponisten des Schweizerpsalms, gewidmet. Der Engel mit dem Notenblatt symbolisiere den Augenblick der göttlichen Inspiration des Komponisten, interpretiert Dieth die von Eduard Spörri 1954 geschaffene Skulptur.

Die Schweizer Nationalhymne stammt also aus dem Aargau. Der Wettinger Mönch Alberich Zwyssig hat sie im Jahre 1835 komponiert; ursprünglich war sie Teil der Messe «Diligam te Domine», die am 5. Juli 1835 in der alten Wettinger Dorfkirche erstmals erklang.

«Ich bin stolz, dass der Schweizerpsalm aus dem Aargau kommt, dass er hier im Kloster Wettingen komponiert worden ist», sagt Dieth. Und er wundert sich, dass man im Aargau eher gleichgültig zur Kenntnis nimmt, dass die Nationalhymne ihren Ursprung auf der Wettinger Klosterhalbinsel hat.

Hymne ist gefährdet

Dieth steht dazu, dass ihm die Nationalhymne gefällt. Er erzählt, wie er bei feierlichen Anlässen, die er als Grossratspräsident besucht, feststellt, wie wichtig die Hymne für die Schweizerinnen und Schweizer ist. Ja, sagt er, auch er sei ergriffen, spüre das Verbindende, wenn die Hymne erklinge. Und er stelle fest, dass auch junge Leute die Hymne ohne Berührungsängste mitsingen und oft sogar viel vom Text auswendig können.

Die Hymne sei auch ein starkes Symbol für das, was die Schweiz stark gemacht habe: die Einheit in der Vielfalt. «Da komponiert 1835 ein katholischer Geistlicher aus Wettingen in Zeiten der religiösen Wirren und Auseinandersetzungen eine Melodie und ein reformierter Musikalienhändler aus Zürich verfasst ein paar Jahre später den Text dazu.»

Doch jetzt ist die Hymne gefährdet. Wenn es nach dem Willen der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft geht, soll sie durch eine neue, zeitgemässere abgelöst werden.

«Was mit der Hymne passiert, ist typisch für die Schweiz», sagt Dieth. «Der Schweizerpsalm ist doch etwas Gutes, worauf wir stolz sein können. Trotzdem stellen wir die Hymne ohne Not infrage.»

Warum setzt sich Dieth für die Hymne ein? Fürchtet der Gemeindeammann, dass Wettingen an Bedeutung verliert, wenn es nicht mehr Geburtsort der Schweizer Nationalhymne wäre?

«Mir geht es in dieser Frage nicht um Marketing für Wettingen», sagt Dieth, «es weiss ja kaum jemand, dass Zwyssig hier im Kloster gelebt und gewirkt hat. Als Grossratspräsident möchte ich darauf aufmerksam machen, dass wir Sorge zu unserer Hymne tragen sollten, auch, weil sie aus dem Aargau stammt.»

Blocher spendet 100'000 Franken

Dass die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft die alte Hymne durch eine neu ersetzen möchte – und dass diese neue Hymne erst noch am 12. September in Aarau erkürt werden soll, empfindet Dieth allerdings nicht als Affront. Ganz im Gegensatz zu anderen Politikern, wie etwa SVP-Grossrat Thomas Burgherr, der aus Protest aus dem Patronatskomitee des Volksmusikfestes zurückgetreten ist.

Den Widerstand am stärksten verkörpert das «Schweizerische Kompetenzzentrum zu Fragen rund um den Schweizerpsalm». Treibende Kraft ist hier der Wettinger Hubert Spörri. Der 72-jährige pensionierte Primarlehrer und Musiker hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Leben und Werk von Alberich Zwyssig in Ehren zu halten. Auf der Website www.schweizerpsalm.ch erfährt man ungeschminkt, was er und zahlreiche Gleichgesinnte aus der ganzen Schweiz von einer neuen Nationalhymne halten: rein gar nichts. Prominentester Sympathisant ist Christoph Blocher. Der unterstützte das von Spörri initiierte Schweizerpsalm-Jubiläumsjahr 2011 gleich mit 100'000 Franken.

Markus Dieth sieht den Angriff auf den Schweizerpsalm gelassen: «Dass die Gemeinnützige Gesellschaft eine neue Hymne möchte, empfinde ich nicht als Affront, auch nicht, dass der Wettbewerb ausgerechnet im Aargau entschieden werden soll.» Dieth sieht vielmehr die Chance, dass die ganze Diskussion zeigt, dass die aktuelle Nationalhymne unerreicht bleibt, dass vorläufig jeder Versuch, sie zu ersetzen, kläglich scheitern wird. Dass «Trittst im Morgenrot daher» gestärkt aus der Diskussion hervorgehen wird.

Lesen Sie den Kommentar dazu hier.

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