Hightech Aargau

Ein bisschen Kalifornien im Aargau – wie innovativ sind unsere Unternehmer?

Vor zwei Jahren hat der Kanton das Programm Hightech Aargau gestartet. Die Verantwortlichen sehen sich auf Kurs — vermissen aber ein paar typisch kalifornische Eigenschaften.

Peter Brühwiler
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Kernstück des Programms Hightech Aargau: Das Hightech-Zentrum in Brugg, das Unternehmen durch Vernetzung mit Lehre und Forschung zu mehr Innovationen animieren soll.

Kernstück des Programms Hightech Aargau: Das Hightech-Zentrum in Brugg, das Unternehmen durch Vernetzung mit Lehre und Forschung zu mehr Innovationen animieren soll.

Hightech Zentrum

Die Sonne präsentierte sich gestern über dem Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch schon mal in bester kalifornischer Manier. Und während sich drinnen im grossen Saal Unternehmer unter dem Motto «Silicon Valley meets Switzerland» vernetzten, informierte der Kanton nebenan über die eigenen Fortschritte auf dem Weg ins Hightech-Eldorado. Die vierte industrielle Revolution zeichne sich am Horizont bereits ab, so Landammann Urs Hofmann.

«Produktionsmaschinen werden miteinander vernetzt, um damit ganze Fertigungsabläufe effizienter zu gestalten. Mit 3-D-Druckern, einer zunehmenden Automatisation und dem Einsatz von Robotern könnte unsere industrielle Produktion in naher Zukunft völlig umgekrempelt werden.»

Geld, Geist und Enthusiasmus

Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass diese Revolution auch Verlierer hervorbringt. Jobs für schlecht qualifizierte Arbeitskräfte werden rarer, eine Entwicklung, die im Hochlohnland Schweiz schon voll im Gang ist und durch die Frankenaufwertung seit Mitte Januar noch an Dynamik gewinnt. Kalifornisch wäre dieses Denken aber gerade nicht. Wenn man sich gut positioniere, sagt Hofmann, müssten die Veränderungen unter dem Strich nicht zu Arbeitsplatzverlusten führen.

Im Gegenteil: «Visionäre sehen darin bereits die Vorboten einer Reindustrialisierung in unseren hoch entwickelten Ländern.» Wie eben im Silicon Valley. Dieses sei einer der wenigen Orte im Westen mit einer optimistischen Zukunftsvision, so der Aargauer Landammann: «Ein Cluster von Geld, Geist und Enthusiasmus.» Herbeizaubern lässt sich ein solcher Cluster natürlich nicht — «aber der Regierungsrat kann dazu beitragen, dass möglichst viele Erfolgsfaktoren des Silicon Valley auch im Aargau zum Tragen kommen».

Martin A. Bopp, Hightech-Zentrum Aargau «Die Risikobereitschaft wird auch in der Schweiz steigen. Das ist eine Generationenfrage.»
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Jürg Christener, Technische Hochschule «Statt Fehler zu suchen, müssen wir die guten Ansätze sehen und diese weiterentwickeln.»
Urs Hofmann, Aargauer Landammann «Wer wissen will, was die Zukunft bringen wird, schaut sich am besten im Silicon Valley um.»

Martin A. Bopp, Hightech-Zentrum Aargau «Die Risikobereitschaft wird auch in der Schweiz steigen. Das ist eine Generationenfrage.»

Sandra Ardizzone

Der Kanton fokussiert dabei vor allem auf den Technologietransfer von den Universitäten und Fachhochschulen zu den Unternehmen. Das Kantonsparlament hatte im Juni 2012 einen vierjährigen Kredit von knapp 38 Millionen Franken für das Programm Hightech Aargau bewilligt, wovon ein grosser Teil ans Hightech-Zentrum geht. Dieses vermittelt Unternehmern unter anderem Kontakte zu Spezialisten in Forschung und Industrie und finanziert Machbarkeitsstudien für Innovationsprojekte. Bereits hätten über 200 Firmen von der Unterstützung des Hightech-Zentrums profitiert, sagte Geschäftsführer Martin A. Bopp gestern.

Mehr Risiko im Silicon Valley

Und wie weit haben sich die Aargauer Unternehmer der Konkurrenz aus dem Silicon Valley mentalitätsmässig angenähert? Die Risikobereitschaft sei in Kalifornien natürlich grösser, antwortet Bopp. «Es entsteht dort viel mehr, alles geht schneller.» Diese Kultur hier zu implementieren, sei schwierig — nicht zuletzt deshalb übernehme das Hightech-Zentrum eine wichtige Aufgabe: «Indem wir den Unternehmern Experten zur Seite stellen, können wir das Risiko senken, das die Suche nach Innovationen und deren Umsetzung zwangsläufig mit sich bringt.»

Mittelfristig erwartet Bopp jedoch sehr wohl einen Mentalitätswandel — «das ist eine Generationenfrage». Denn wenn man vorne mit dabeibleiben wolle, könne man in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht mehr alles im Detail kontrollieren und sei schlicht gezwungen, höhere Risiken einzugehen.

Ein Teil dieser neuen Generation studiert gerade an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) — neben dem Paul-Scherrer-Institut ein wichtiges Puzzleteil in der regierungsrätlichen Vernetzungsstrategie. Pro Jahr packen FHNW-Studierende laut Jürg Christener über 400 Projekte mit der Wirtschaft an. Der Direktor der Hochschule für Technik hat zwar nie im Silicon Valley gearbeitet, versprüht aber durchaus kalifornischen Enthusiasmus. Im Silicon Valley stehe «die Freude, etwas anzupacken» im Mittelpunkt und nicht die Angst, zu scheitern, erklärt er. Hier herrsche hingegen eine Kultur vor, in der man immer Fehler suche und versuche, diese zu verhindern. Fazit: «Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.»

«Weniger Bescheidenheit»

Viel Bewunderung also für die Boomregion um San Francisco, in der Apple und Co. gross geworden sind. Und dann doch noch ein kleiner Seitenhieb: «Die Strassen in Kalifornien sind viel verstopfter», scherzte Patrik Kunz. Als Geschäftsführer des Badener Ablegers der kalifornischen Varian Medical Systems vertrat er in Windisch quasi das Silicon Valley. Gerade wenn man in beiden Kulturen zu Hause sei, sehe man, dass hier noch Potenzial brachliege, sagte er.

«Mit etwas weniger Bescheidenheit, mehr Mut, Optimismus und mehr Risikobereitschaft ist die Schweiz für die Zukunft bestens gerüstet.» Und vielleicht werde man neben dem Silicon Valley dann irgendwann auch einmal vom Aare Valley sprechen.

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