Eltern eines verstorbenen Babys wollen Ärzte zur Rechenschaft ziehen – ohne Erfolg

Ein Säugling stirbt im Spital, die Eltern erheben Vorwürfe gegen die Ärzte. Doch die Staatsanwaltschaft stellt das Strafverfahren ein. Zu Recht, urteilt nun das Bundesgericht.

Manuel Bühlmann
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Der Säugling litt an einem vorhofbedingten Herzrasen. (Symbolbild)

Der Säugling litt an einem vorhofbedingten Herzrasen. (Symbolbild)

Keystone/DPA-Zentralbild/ARNO BURGI

Wenige Wochen nach der Geburt brachten die Eltern ihren Sohn ins Kantonsspital Baden. Der Säugling litt an einem vorhofbedingten Herzrasen. Die Ärzte verabreichten den Beta-Blocker Propranolol, ein Medikament, das den Blutdruck senkt und das Herz langsamer schlagen lässt. Nachdem sich der Zustand des Babys verschlechtert hatte, musste es nach Bern ins Inselspital gebracht werden. Dort verstarb es eine Woche später, Anfang Februar 2015. Seither beschäftigt der Todesfall medizinische Gutachter und Justiz.

Die Berner Staatsanwaltschaft eröffnete eine Strafuntersuchung gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung, gab den Fall jedoch später weiter an die Kollegen in Baden. Zur Anklage kam es nicht, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Die Eltern wollten den Entscheid nicht akzeptieren, wandten sich erst ans Aargauer Obergericht, dann ans Bundesgericht. Ihre Forderung: Das Strafverfahren müsse fortgesetzt werden.

Gutachter finden keine klare Antwort

Weil den Richterinnen und Richtern das medizinische Fachwissen fehlt, kommt der Einschätzung von Experten entscheidende Bedeutung zu. Vier Gutachten sind über die Jahre erstellt worden. Alle mit dem Ziel, die Frage nach der Ursache für den Tod des Säuglings zu klären. Aus dem am Dienstag veröffentlichten Urteil des Bundesgerichts geht hervor: Die Eltern machen zwei Ärzte des Kantonsspitals Baden für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Diese hatten ihn mit Propranolol behandelt. Als Ursache für den Herz-Kreislaufstillstand ihres Kindes sei das verabreichte Medikament in Betracht zu ziehen, argumentieren die Beschwerdeführer. Sie werfen den beiden Medizinern vor, unsorgfältig gehandelt zu haben, weil sie das Herz des Babys vor der Behandlung mit dem Beta-Blocker nicht ausreichend untersucht hätten.

Das Bundesgericht kommt hingegen – wie zuvor bereits das Aargauer Obergericht – zu einem anderen Schluss. Die oberste Instanz stützt sich dabei auf die Einschätzung mehrerer Gutachter, wonach sich der Nachweis nicht erbringen lasse, dass das Medikament den Herz-Kreislaufstillstand ausgelöst habe oder die Ärzte den Tod mit einer anderen Vorgehensweise hätten abwenden können. Auch das Obergericht hatte mit Blick auf die Ergebnisse der Gutachten geurteilt, auf die Frage nach dem Warum gebe es keine verlässliche Antwort. Die Experten schlossen unter anderem auch eine komplexe, unkontrollierbare Herzkrankheit des Babys nicht aus. Zwar halten sie es für möglich, dass aufgrund weiterer Untersuche eine lebensrettende Behandlung hätte eingeleitet werden können. Genauso möglich ist aus ihrer Sicht aber auch, dass sich eine verlässliche Diagnose nicht hätte stellen lassen und das Herz-Kreislaufversagen gar nicht abwendbar gewesen wäre.

Keine Befragung der Ärzte nötig

Das Bundesgericht bestätigt den Entscheid der Vorinstanz, weist die Kritik an der Einstellung des Verfahrens zurück und hält fest: «Nicht ersichtlich ist, wie ein Strafgericht bei der Sachlage, wie sie sich aus den Gutachten ergibt, zu einem Schuldspruch gelangen könnte.»

Und auch den Vorwurf der Eltern, die beiden behandelnden Ärzte seien zu Unrecht nicht befragt worden, weisen die beiden Bundesrichterinnen und der Bundesrichter zurück. Das Vorgehen der Mediziner sei ausreichend dokumentiert. Welche konkreten zusätzlichen Erkenntnisse eine Befragung durch die Staatsanwaltschaft hätte hervorbringen sollen, werde von den Beschwerdeführern nicht ansatzweise aufgezeigt, urteilt das Bundesgericht. «Ein Geständnis erscheint ebenfalls ausgeschlossen, da es nicht von der Einschätzung der behandelnden Ärzte abhängt, ob die Verabreichung der Beta-Blocker ursächlich für den Herz-Kreislaufstillstand war, sondern von der diesbezüglichen Beurteilung durch die Gutachter.» Nach Ansicht der obersten Instanz ist das Strafverfahren zu Recht eingestellt worden, sie weist die Beschwerde der Eltern ab.

Bundesgerichtsurteil 6B_137/2020 vom 15. Juli 2020