Energiegesetz

Erst jeder 20. Neubau hat ein Solardach – das könnte sich bald ändern

Der Kapazitätszubau ist sehr tief, deshalb soll gemäss Energiegesetz künftig jeder Neubau auch Strom produzieren.

Mathias Küng
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Geht es nach der Regierungs, soll künftig jeder Neubau auch Strom produzieren.

Geht es nach der Regierungs, soll künftig jeder Neubau auch Strom produzieren.

Gaetan Bally/Keystone

Eine der politisch umstrittenen Vorschläge im neuen Energiegesetz ist, dass künftig jeder Neubau zur Deckung des eigenen Energiebedarfs mit einer Elektrizitätserzeugungsanlage erbaut werden muss. In der Regel dürfte dies eine Fotovoltaik-Solaranlage (PV) sein. Wie muss man sich das vorstellen? Ein Einfamilienhaus habe im Mittel eine Energiebezugsfläche von 200 Quadratmetern, sagt Stephan Kämpfen, stellvertretender Abteilungsleiter Energie im Departement.

Die Rechnung geht so: «Wird die minimal festgelegte Stromproduktion eingebaut, benötigt die Anlage eine Dachfläche von rund 11 Quadratmetern. Das kostet nach Abzug der Einmalvergütung durch den Bund rund 6000 Franken.» Die spezifischen Kosten seien bei grösseren Anlagen tiefer und die Wirtschaftlichkeit besser, so der Energiespezialist. Die Dachfläche eines Einfamilienhauses betrage bis 140 Quadratmetern. Darauf könnten also auch mehrfach grössere Anlagen realisiert werden.

Einkauf woanders: Kosten von 2000 Franken

Das Gesetz sieht aber auch vor, dass eine Beteiligung im entsprechenden Umfang an einer solchen Anlage gleichwertig sei, wenn die Inbetriebnahme für die Anlage nicht mehr als drei Jahre vor oder nach der rechtskräftigen Baubewilligung für die Neubaute liegt und sie im Aargau steht. Aufgrund eines Abklärungsauftrags aus dem Grossen Rat sagt die Regierung jetzt, in an den Aargau angrenzenden Gemeindegebieten solle dies je nach Netzebene möglich sein.

Was kostet der Einkauf? Der Kaufpreis für Anteilscheine werde sich durch den entstehenden Markt ergeben, sagt Stephan Kämpfen. Wer den Strom nicht selber nutzen will, müsse für ein Einfamilienhaus mit rund 2000 Franken rechnen.

Warum will die Regierung überhaupt so fest in den Häusermarkt eingreifen? 2010–2016 wurden im Aargau durchschnittlich 4560 Wohnungen pro Jahr erstellt. Eine Analyse zeige, «dass nur etwa bei fünf Prozent der neuen Gebäude eine Fotovoltaikanlage gebaut wird». Das will die Regierung ändern. Kämpfen rechnet vor: Wohnungen haben eine durchschnittliche Energiebezugsfläche von 150 m2. Multipliziert man diese mit den 4560 jährlich neu erstellten Wohnungen mit der Minimalanforderung an Stromproduktion, ergebe dies 6,84 Millionen kWh Strom.

Mittels Plattform Anteile an einer Anlage erwerben

Über 15 Jahre wäre das kumuliert ein Jahresproduktionsplus von rund 100 Millionen kWh, entsprechend zwei Prozent des aktuellen Verbrauchs im Aargau. Müssten alle Gebäude diese Anforderung erfüllen, ergäbe sich eine Deckung des kantonalen Stromverbrauchs übers ganze Jahr von zehn Prozent. Die Regierung geht allerdings davon aus, so Kämpfen, dass die Erbauer künftiger Neubauten grössere Solaranlagen als minimal gefordert einbauen werden.

Doch wie können sich Bauherren einkaufen, die keine eigene Anlage bauen? Müssen sie ein Inserat aufgeben? Kämpfen lacht. Nein, für sie soll eine kantonale Plattform geschaffen werden, über die sie Anteile an einer solchen Anlage erwerben können. Kämpfen hofft, dass viele Einwohner auch ohne Verpflichtung von der Plattform Gebrauch machen werden.

Im Grossen Rat wurde in der ersten Beratung gefragt, ob man das Ziel nicht auch mit Anreizen erreichen könne. Dazu verweist die Regierung darauf, dass der Bund Solaranlagen mit einer Einmalvergütung unterstützt. Trotzdem bleibe ihr Anteil bei Neubauten tief. Auf die Frage, ob man aus Kostengründen die Solaranlage nicht auch nachträglich montieren könne, antwortet sie, Energieversorgungsunternehmen hätten signalisiert, in der Regel eine solche Anlage vorfinanzieren und erstellen zu wollen sowie nach der Inbetriebnahme Beteiligungen anzubieten. Eine Übergangsfrist für den Bau so einer Anlage mache in der Regel keinen Sinn. Ein nachträglicher Einbau sei erheblich teurer.

Mehr «Erneuerbare»

Neubauten sollen auch Strom erzeugen müssen, weil im Aargau von 2015 bis 2018 nur knapp 3000 Solaranlagen installiert wurden. Das kantonale Energiekonzept will aber bis 2035 zusätzliche neue erneuerbare Energie von 1,13 Milliarden kWh. Erst knapp ein Drittel ist realisiert.

Die Verpflichtung zur Eigenproduktion würde mindestens 12 Prozent zur Zielerreichung beitragen. Zum Vergleich: Der Aargau verbraucht jährlich rund 4,8 Milliarden kWh. Die Regierung will diesen Zubau, weil etwa 2035 das letzte Schweizer AKW vom Netz gehen dürfte und spätestens dann markant weniger Strom verfügbar ist. (mku)