Gastbeitrag
Cédric Wermuth kritisiert Untersuchung der angeblich linken Kantonsschulen – und legt Bildungsdirektor Alex Hürzeler den Rücktritt nahe

Der Co-Präsident der SP Schweiz wirft in einem Gastbeitrag dem SVP-Regierungsrat vor, er misstraue den Lehrpersonen im Aargau, weil deren Gesinnung untersucht werden soll. Cédric Wermuth legt Alex Hürzeler gar den Rücktritt nahe – und sieht im Vorstoss der FDP, die angeblich linken Kantonsschulen zu untersuchen, einen Angriff auf die freie Bildung.

Cédric Wermuth
Cédric Wermuth
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«Lachen im Hals steckengeblieben»: Cédric Wermuth, Co-Präsident der SP Schweiz.

«Lachen im Hals steckengeblieben»: Cédric Wermuth, Co-Präsident der SP Schweiz.

Alex Spichale

Ein starkes Stück boten Parlament und Regierung des Kantons Anfang dieser Woche. Die Mehrheit will abklären, ob die Kantonsschulen tatsächlich «zu links» seien. Man gibt sich zwar unschuldig und will «ja nur mal schauen, wie es ist». Die politische Absicht ist aber klar. Es geht darum, Zweifel an der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer zu säen. Dieses Signal ist verheerend.

Gerade in einem Kanton, der als Arbeitgeber sowieso nicht gerade sehr beliebt ist. Man kann den Lehrerpersonenmangel auch selber noch verschärfen. Absurd ist vor allem, dass der Bildungsdirektor seine eigenen Leute nicht verteidigt, sondern die Kampagne munter mitspielt. Vielleicht sollte man, wenn man der eigenen Arbeit so wenig traut, nicht Umfragen, sondern den Platz frei machen.

Schülerinnen und Schülern wird die Urteilsfähigkeit abgesprochen

Gewisse freisinnig-konservative Kreise stossen sich an der Thematisierung und Beteiligung der Schülerinnen an den Klima- und Frauenstreiks. Die Schülerinnen würden durch ihre links-ideologischen Lehrer in der Kantonsschule regelrecht gehirngewaschen, so die These. Offenbar kann sich die Parlamentsmehrheit nicht erklären, wie man sonst auf die Idee kommen kann, Dinge wie die Schattenseiten des Wirtschaftssystems, Klimaschutz und Gleichstellung ernsthaft wichtig zu finden.

Ganz abgesehen davon, dass sie so den Schülerinnen und Schülern pauschal die Urteilsfähigkeit absprechen, werden Ursache und Wirkung verwechselt. An den Kantonsschulen werden diese «linken» Themen diskutiert, weil die Debatte aktueller Probleme unserer Gesellschaft Teil des Lehrplanes ist. Und nicht weil das irgendwer irgendjemandem aufzwingt.

Nicht linke, sondern reale Probleme werden diskutiert

Das mag der freisinnig-konservativen Elite des Kantons nicht ins Weltbild passen, aber die Probleme mit Umweltzerstörung, nicht erfüllten Frauen- und Menschenrechten und ungezügeltem Wirtschaftswachstum gibt es tatsächlich. Sie werden diskutiert, nicht, weil sie «links» wären, sondern, weil sie real sind. Würde man diese Themen ernsthaft zurückbinden wollen, müsste man den Schülerinnen und Lehrern das selbständige Denken konsequenterweise ganz verbieten.

Die Angst vor gebildeten und selbst denkenden Bürgerinnen und Bürgern begleitet die Eliten schon seit Menschengedenken. Überall auf der Welt greifen bedrohte Eliten das Bildungssystem an: Orban, Trump, Putin. Menschen, die selbst denken, lassen sich eben weniger gut wirtschaftlich ausbeuten und politisch kontrollieren. Bildung war schon immer und ist bis heute die Waffe jener, die nicht über die Macht des Geldes verfügen.

«Gesinnungspolizeilicher Einschüchterungsversuch» der FDP

Menschen, die selbst denken, können sich wehren. Sie lassen sich nicht die Renten kürzen, während die Unternehmensgewinne explodieren. Sie merken, dass der Klimaschutz scheitert, weil die politische Mehrheit die privaten Profite der Konzerne und Aktionäre immer noch stärker gewichtet als die Zukunft unserer Kinder. Frauen, die selbst denken, fällt auf, dass sie nicht schlechter verdienen, weil sie schlechter arbeiten, sondern weil sich auf ihrem Rücken noch mehr Profit für die ganz oben rausschlagen lässt.

Der Präsident der nationalen FDP verkündet fast jeden Tag, wie heroisch die Ukraine für die Werte der Aufklärung und gegen den Autoritarismus kämpft - und damit hat er Recht. Gleichzeitig aber startet seine Partei in seinem Kanton einen gesinnungspolizeilichen Einschüchterungsversuch gegen selbst denkende Lehrerinnen und Schüler. In normalen Zeiten wäre das vielleicht zum Lachen, heute bleibt einem das Lachen im Hals stecken.