Unwetter-Aufräumarbeiten
Im Dreck für den guten Zweck: az-Redaktor berichtet als Zivilschützer aus Uerkheim

Nach dem verheerenden Hochwasser im Uerkental wird die Bevölkerung von zahlreichen Zivilschützern aus dem ganzen Kanton unterstützt. Auch ein az-Redaktor warf sich ins orangefarbene Gewand und versuchte inmitten von Schlamm und Dreck zu retten, was zu retten ist.

Lukas Scherrer
Merken
Drucken
Teilen
Schon bei der Ankunft bei der Einsatzzentrale in Uerkheim zeigt sich das Ausmass der Überschwemmung.
23 Bilder
Treibgut säumt die Hecken beim Parkplatz der Schulturnhalle.
Dieser Zaun hielt den Wassermassen nicht stand.
Hier wird sonst ausgelassen Beach-Volleyball gespielt. Nun bietet sich ein Bild der Zerstörung.
Auch der Schlamm auf dem Platz vor der Einsatzzentrale zeigt, dass hier vor wenigen Tagen das Wasser stand.
Das Treibgut in diesem Zaun zeigt, wie hoch das Wasser beim Fussballplatz neben der Turnhalle stand.
Auf dem Gelände der Rosenzucht Koller in Uerkheim bietet sich ein Bild der Zerstörung.
Das Wasser strömte durch zehn Gewächshäusern mit Rosenstöcken.
Schlamm und Zerstörung so weit das Auge reicht.
Alle Blachen und Holzverstrebungen sind durch das Hochwasser unbrauchbar geworden.
Erst in einigen Wochen wird sich zeigen, ob einige der Rosenstöcke noch zu retten sind.
Zivilschützer entfernen die verdreckten und zerstörten Seitenverkleidungen der Gewächshäuser.
Eine überaus schmutzige und nicht zuletzt anstrengende Angelegenheit.
...
...
...
...
...
Diese Hecke auf dem Gelände der Rosenzucht wurde von den Wassermassen niedergerissen
Auch diese Bleche wurden von den Fluten mitgerissen.
Zerstörung in der Rosenzucht Koller in Uerkheim nach dem Unwetter
Diese Brücke am Rand der Rosenzucht wurde vom Hochwasser zerstört. Zivilschützer schneiden das Ufer von Schwemmholz frei.
Zivilschützer füllen Mulde um Mulde mit verschlammten Blachen und zerstörten Holzverstrebungen.

Schon bei der Ankunft bei der Einsatzzentrale in Uerkheim zeigt sich das Ausmass der Überschwemmung.

Lukas Scherrer

Müde, doch gespannt darauf, was uns gleich erwartet, rollen wir im blauen Zivilschutz-Bus ins Uerkental – hier, wo vergangene Woche die kleine Uerke zum reissenden Fluss anschwoll und die Gemeinden Uerkheim, Bottenwil und Wiliberg in ein riesiges Chaos aus Schlamm, Dreck und Zerstörung stürzte.

Noch 18 Stunden zuvor geniesse ich zuhause meinem letzten Ferientag, als plötzlich das Handy klingelt. Die Botschaft ist unmissverständlich: Notsituation, Unterstützung dringend erforderlich, Einrücken um sechs Uhr früh. Es ist das erste Mal in 13 Jahren als Zivilschützer im Aktivdienst, dass ich zu einem echten Nothilfeeinsatz aufgeboten werde.

Retten, was zu retten ist

Längst vor dem Einbiegen auf den Parkplatz der Schulturnhalle, wo das Regionale Führungsorgan (RFO) Suhrental-Uerkental-Schöftland seine Einsatzzentrale eingerichtet hat, wird uns 20 Pionieren der Zivilschutzorganisation (ZSO) Mittleres Reusstal das Ausmass der Überschwemmungen bewusst. Kaum ein Hauseingang, vor dem keine verdreckten Habseligkeiten aufgebahrt sind. Unzählige überfüllte Mulden, die auf ihre Abholung warten. Und erschöpfte Uerkner, die zu retten versuchen, was zu retten ist.

Spuren der Verwüstung in Uerkheim:

Spuren der Verwüstung 4 Tage nach der Überschwemmung in Uerkheim
13 Bilder
Spuren der Verwüstung in Uerkheim: Der Dorfladen von Elsbeth Byland Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Hans Fritzenwallner vor dem Dorfladen seiner Partnerin Elsbeth Byland. Das Inventar erlitt Totalschaden. Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Spuren der Verwüstung in Uerkheim: Das Inventar der Metzgerei Klauser wurde fast vollständig zerstört. Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Der schwere Fleischstock der Metzgerei Klauser wurde aus dem Geschäft hinaus 100 Meter weit weg geschwemmt. Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Spuren der Verwüstung in Uerkheim: Das Inventar der Metzgerei Klauser wurde fast vollständig zerstört. Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Die Fotoalben von Markus Bähni sind zum Trocknen aufgereiht. Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Zirkusmatierial des Hochseilartisten Freddy Nock trocknet nach der Überschwemmung. Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Zirkusmaterial des Hochseilartisten Freddy Nock trocknet nach der Ueberschwemmung Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung
Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung Spuren der Verwüstung in Uerkheim 4 Tage nach der Überschwemmung

Spuren der Verwüstung 4 Tage nach der Überschwemmung in Uerkheim

Flurina Dünki

Am Zielort wird schnell klar, dass wir nicht die einzigen Zivilschützer sind, die zu Hilfe gerufen wurden. Deutlich mehr als 100 orange Männchen der ZSO Mutschellen, Wohlen sowie Wettingen-Limmattal wuseln über den Platz, bringen Anhänger mit allerlei Gerätschaften in Position und warten auf erste Anweisungen.

Der Einsatzleiter begrüsst uns und schildert uns ungeschönt die Lage: «Viele Uerkner haben in den Fluten praktisch alles verloren und stehen vor dem Nichts. Die erschöpfte Bevölkerung ist dringend auf unsere Unterstützung angewiesen.»

Die Aufgaben für uns Zivilschützer sind zahlreich: überflutete Keller auspumpen, Habseligkeiten ins Freie tragen, das Bachbett der Uerke wiederherstellen und den betroffenen Gewerblern in der Region beim Aufräumen helfen.

Bilder der Zerstörung

Letztere Aufgabe fällt schliesslich unserem Zug zu und wir verschieben auf das Gelände des Schnittrosenproduzenten Koller in Uerkheim. Hier haben die Wassermassen besonders heftig gewütet, liegt das Areal doch direkt am Ufer der Uerke. Unvorstellbar, dass dieses plätschernde Rinnsal mit einem Pegel von höchstens 30 Zentimetern letzten Samstag zu einem reissenden Strom anstieg und alles wegfegte, was sich ihm in den Weg stellte.

Sprachlos über die Zerstörung begutachten wir die Gewächshäuser. Vor wenigen Tagen wuchsen hier noch Hunderte prächtige Rosenstöcke heran, nun stehen sie knöcheltief im Schlamm. Die Blachen, die als Seitenverkleidungen der Gewächshäuser fungierten, sind komplett unbrauchbar geworden und auch die hölzernen Verstrebungen haben die Fluten nicht überlebt.

Die Plantagen sind übersät mit weggespülten Blumenkübeln und anderem Unrat. Das Gewächshaus am oberen Ende des Geländes wurde von den Wassermassen gar komplett niedergedrückt. Am unteren Ende des Areals hat das Hochwasser einen grossen Teil einer Thuja-Hecke umgefegt und einen Anhänger ins Bachbett der Uerke gespült.

Schaden kann noch nicht beziffert werden

Erwin Koller, Inhaber des Uerkner Unternehmens, war selbst nicht vor Ort, als am Samstag das Wasser kam. «Ein Mitarbeiter hat mich angerufen und über die Fluten informiert», erklärt er. Er habe nicht glauben können, dass die kleine Uerke plötzlich mehr als drei Meter Wasser führe. «Erst als ich ein Video gesehen habe, das ein Nachbar ins Internet stellte, erkannte ich die Ausmasse des Unwetters.»

Wie gross der Schaden wirklich ist, wird sich erst in einigen Wochen zeigen. «Erst dann wird sichtbar, ob die Pflanzen von Ungeziefer oder Pilzkrankheiten befallen sind», so Koller. Dabei spiele vor allem das Wetter in den kommenden Tagen eine wichtige Rolle. «Wenn es zu nass oder zu heiss ist, haben wir schlechte Karten.»

Wenigstens drei grossen Gewächshäusern konnten die Fluten nichts anhaben, wenn auch die Rosenstöcke im Innern dennoch im Dreck stehen und ihr Überleben ungewiss ist. Klar sei, dass der Wiederaufbau der beschädigten Gewächshäuser immens viel Arbeit für ihn und sein Team bedeute, sagt Koller.

Befriedigende Knochenarbeit

Bevor die Reparaturarbeiten durch den Inhaber allerdings starten können, wartet erst einmal viel Arbeit auf uns Zivilschützer. Mit vereinten Kräften entledigen wir die Gewächshäuser von den zerstörten Blachen und Holzverstrebungen. Keine leichte Aufgabe, denn das Hochwasser hat die Blachen mit schwerem Schlamm unterspült. Immer wieder müssen wir erst Wassertaschen aufschneiden und Dreck und Treibgut entfernen. Auch die Holzbretter erweisen sich als störrisch und müssen oft mit Fusstritten traktiert werden.

Während uns die Sonne erbarmungslos auf den Kopf knallt, füllen wir Mulde um Mulde und sehen auch am zweiten Tag unseres Einsatzes noch kein Ende. Immer wieder müssen zwischendurch andere Aufgaben erledigt werden. So bergen wir umgekippte Öltanks, die der Beheizung der Gewächshäuser dienten, sammeln die verspülten Blumenkübel ein und helfen einer freundlichen Nachbarin beim Befestigen eines niedergedrückten Zauns.

Die Aufräumarbeiten werden noch lange andauern, ehe die Uerkner wieder zum normalen Alltag übergehen können. Für uns Zivilschützer ist es ein befriedigendes Gefühl, nach unzähligen Übungs-WK's endlich einmal wirklich der Bevölkerung helfen zu können – trotz geschundenen Knochen und einem gehörigen Sonnenbrand im Gesicht.