Justizvollzug
Im Gefängnis Lenzburg werden ausserordentlich viele Mitarbeiter angegriffen

Selbstverteidigungstraining ist für die Arbeit im Sicherheitstrakt unverzichtbar. Der Jahresbericht der Justizvollzugsanstalt Lenzburg gibt einen Einblick in den Alltag hinter Gittern.

Noemi Lea Landolt und Nora Güdemann
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JVA Lenzburg.

JVA Lenzburg.

Chris Iseli

Die Wortwahl im Bericht der Justizvollzugsanstalt Lenzburg (JVA) über die Jahre 2016 und 2017 ist direkt. Da heisst es zum Beispiel: In die beiden Sicherheitstrakte «werden immer wieder Gefangene eingewiesen, die, salopp formuliert, niemand haben will, und die, objektiv betrachtet, überall am falschen Ort sind». Für das Vollzugspersonal gelte es deshalb, «Eingewiesene mit destruktiven, oft unerklärlichen Verhaltensweisen auszuhalten».

In den Hochsicherheitsabteilungen befinden sich die Straftäter in Einzelhaft. Die Mitarbeitenden müssen einerseits die Sicherheit gewährleisten und andererseits darauf hinarbeiten, im Verhalten der eingewiesenen Gefangenen einen Veränderungsprozess einzuleiten. Mit dem Ziel, die Häftlinge in den Sicherheitstrakt II und später in den Normalvollzug zu integrieren oder auf die Zeit nach ihrer Strafe vorzubereiten. Keine einfache Aufgabe.

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Eine Delegation der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter (NKVF) hat unangemeldet die beiden Sicherheitsabteilungen im Gefängnis Lenzburg besucht. Sie kritisiert die Telefonpraxis und staunt, dass sich fast alle Gefangenen wegen Fluchtgefahrs in der Hochsicherheitstrakt befinden.

Für manche Gefangenen im Sicherheitstrakt I seien solche Perspektiven «unrealistisch», heisst es im Jahresbericht. Es handle sich oft «um gemeingefährliche Menschen mit massiven Persönlichkeitsstörungen und weiteren psychischen Krankheitsbildern». Manche von ihnen hätten «wenig bis keine Hoffnung, irgendeinmal in ein offeneres Regime versetzt zu werden». Die Mitarbeitenden in den Sicherheitsabteilungen seien deshalb immer wieder gefordert, Wege zu finden, «um mit diesen Menschen, die buchstäblich nichts zu verlieren haben, tragfähige Beziehungen aufzubauen».

Wie gefährlich die Situationen für die Mitarbeitenden werden können, zeigt die Anzahl tätlicher Angriffe auf das Vollzugspersonal. Im Sicherheitstrakt I kam es in den letzten zwei Jahren zu zehn Angriffen. «Eine ausserordentlich hohe Anzahl», heisst es im Bericht. Im Sicherheitstrakt II hingegen sei es «erfreulicherweise zu keinen tätlichen Angriffen gekommen». Für die tägliche Arbeit in den beiden Sicherheitsabteilungen sei das Selbstverteidigungstraining deshalb «unverzichtbar».

Nicht aus Urlaub zurückgekehrt

In den letzten zwei Jahren kam es zu 18 Eintritten und 19 Austritten in den Sicherheitstrakt I. Zwei Gefangene wurden direkt in ihr Heimatland ausgeschafft. Einer wechselte in die Psychiatrische Klinik Rheinau, einer verstarb nach längerer Krankheit in der Bewachstation des Inselspitals Bern. Vier Gefangene wurden in den Sicherheitstrakt II versetzt, acht in andere Abteilungen mit erhöhter Sicherheit. Drei Häftlinge konnten in den Normalvollzug wechseln. Dass Gefangene direkt aus dem Sicherheitstrakt I in den Normalvollzug wechseln können zeigt, dass «mit sorgfältiger, aufmerksamer Arbeit auch in zunächst hoffnungslos erscheinenden Fällen ermutigende Veränderungen möglich sind», heisst es im Bericht.

In den letzten zwei Jahren kam es in Lenzburg zwar zu keinem Ausbruch, aber die JVA verzeichnete insgesamt vier «negativ verlaufende Urlaube». Zwei Häftlinge kehrten nicht aus dem Urlaub zurück. Sie wurden später von der Polizei aufgegriffen und wieder verhaftet. Zwei andere wurden nach dem Hafturlaub positiv auf Alkohol getestet.

Ansonsten waren die letzten Jahre geprägt von der Gesamtsanierung der Strafanstalt. Im August 2017 wurde das neue Haus B mit 60 zusätzlichen Plätzen in Betrieb genommen. Damit kommt das Gefängnis Lenzburg auf eine maximale Kapazität von 380 Personen. Das Haus B war bereits «nach wenigen Wochen zu 90 Prozent belegt», schreibt die Gefängnisdirektion.

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