Psychiatrie

Immer mehr Kinder mit psychischen Problemen – Königsfelden plant Neubau

«Königsfelden» investiert 17 Millionen Franken in einen Neubau für den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst und reagiert damit auf Überbelegung. Vor allem die Fälle von sogenannten Ritalinkindern haben zuletzt zugenommen.

Hans Fahrländer
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Jürg Unger, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie, Thomas Zweifel, Projektleiter Gesamtsanierung, Markus Gautschi, CEO.

Jürg Unger, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie, Thomas Zweifel, Projektleiter Gesamtsanierung, Markus Gautschi, CEO.

Alex Spichale

Die Modernisierung der Psychiatrischen Klinik in Königsfelden erfolgt in drei Teilprojekten und soll bis 2018 abgeschlossen sein. Im aufwendigsten Teil wird das alte Hauptgebäude saniert und mit einem Neubau ergänzt.

Neuigkeiten gibt es beim Teilprojekt 2: In der Nordostecke des Parks soll in kürzester Zeit ein neues Kinder- und Jugendpsychiatrisches Zentrum mit altersgerechten Räumen entstehen, in welchem mehr Plätze als heute zur Verfügung stehen.

«Ich freue mich sehr auf dieses Zentrum, es vereinfacht unsere Abläufe und ermöglicht uns das Arbeiten auf dem neusten Stand», sagt Jürg Unger, Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD) und Mitglied der Geschäftsleitung der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG).

Zentral und dezentral

Der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst (KJPD) betreut Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre. Er besteht aus einem stationären und einem ambulanten Teil. Der stationäre Teil wird mit dem Neubau auf dem Areal in Königsfelden konzentriert. Der ambulante Teil besteht aus einem Zentralen Ambulatorium in Königsfelden (Zakj) und den regionalen Ambulatorien in Aarau, Baden, Wohlen und Rheinfelden.

Integriert in den KJPD sind auch Spezialangebote an den Kantonsspitälern von Aarau und Baden, an der Schwerhörigen-Schule Landenhof in Unterentfelden, in der Stiftung Schürmatt in Zetzwil sowie eine Autismusberatung und eine Kinder- und Jugendforensik. Der KJPD arbeitet mit rund 20 Ärztinnen und Ärzten zusammen, die im Aargau in freier Praxis kinder- und jugendpsychiatrisch tätig sind. (FA)

Führend in seiner Art

«Wir haben in der Kinder- und Jugendpsychiatrie drei Herausforderungen zu bewältigen», sagt Unger: «Es gibt zu wenig Behandlungsplätze – und dies weltweit. Wir kämpfen mit Personalmangel – der Volksentscheid vom 9. Februar wird ihn wohl noch akzentuieren.

Und wir müssen die knappen finanziellen Ressourcen optimal einsetzen. Das neue Zentrum ist die Antwort auf alle drei Herausforderungen. Es ist in seiner Art landesweit eine Pioniertat und wird Massstäbe setzen, auch in anderen Kantonen.»

Bauzeit von wenigen Monaten

Nach Auskunft von Thomas Zweifel, Geschäftsleitungsmitglied PDAG und Projektleiter Gesamtsanierung, werden dieser Tage die Studienaufträge für den Neubau erteilt: «Aus neun Bewerbungen haben wir vier renommierte Bau- und Architekturunternehmen, teils aus der Region, ausgewählt.

Sie werden uns ihre Gestaltungsvorschläge bis Mitte Oktober einreichen.» Bereits Mitte 2015 soll das neue Zentrum bezugsbereit sein. Möglich wird dieser ehrgeizige Fahrplan, weil der Neubau im Modul-/Elementbau erstellt wird. «Wir haben diese Bauweise gewählt, um Zeit und Kosten zu sparen», sagt Thomas Zweifel und betont: «Diese Bauweise hat sich enorm weiterentwickelt, es sind sehr elegante Lösungen möglich, man darf sich da nicht eine Baracke vorstellen.»

«Rüfenach» wird geschlossen

Heute sind die kinder- und jugendpsychiatrischen Angebote auf dem ganzen Areal verstreut. Dazu kommt ein Haus in Rüfenach, wo sich eine psychiatrische Kinderstation mit 14 Betten befindet. Sie wird mit der Eröffnung des neuen Zentrums geschlossen. Das bringt nicht nur organisatorische Erleichterungen, sondern auch spürbare Einsparungen.

Im neuen Zentrum befinden sich zwei Stationen mit je 18 Betten für Kinder und Jugendliche, eine Tagesklinik mit ebenfalls 18 Betten sowie diverse ambulante Angebote wie das Zentrale Ambulatorium (Zakj). Dazu kommt eine eigene Schule für die «Königsfelder Kinder». Die vier regionalen Ambulatorien werden beibehalten und mit jenen des Externen Psychiatrischen Dienstes für erwachsene Patienten zusammengelegt.

Gibt es mehr junge Patienten?

Hat die Zahl der jungen Psychiatriepatienten generell zugenommen? Chefarzt Unger: «Es sind Wellenbewegungen. In den letzten Monaten kämpfen wir mit Überbelegung.» Produziert die heutige hektische Zeit mehr junge Patienten? Unger: «Es ist eher eine Frage der Tragfähigkeit des gesellschaftlichen Systems. Im Bauerndorf kann ein hyperaktives Kind besser integriert werden als in engen städtischen Verhältnissen.»

Diese Hyperaktiven seien generell am Zunehmen, therapiert würden sie in schweren Fällen mit Ritalin. Angststörungen hingegen, die häufigste Störung bei Kindern und Jugendlichen, gab es schon immer.

Laut Unger zeigen zwischen 10 und 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen Anzeichen einer psychischen Störung. Aber nur wenige von ihnen werden behandelt. «Mit unserem neuen Zentrum möchten wir ein Signal in den Kanton hinaussenden: Wir sind da für Euch, man kann etwas tun gegen psychische Störungen, die Stigmatisierung ist überwunden.»

Mitten im Leben

Ist es nicht etwas gewagt, die jugendlichen Patienten auf dem Areal der «Psychi» unterzubringen? «Es ist ein bewusster Schritt», sagt der neue CEO der PDAG, Markus Gautschi, seit Anfang Jahr im Amt. «Die Psychiatrie hinter Mauern gehört der Vergangenheit an, die bedrohliche Kulisse ist abgebaut, unser Areal ist offen zur Aussenwelt.

Gleich neben dem neuen Zentrum steht eine öffentliche Schule – und auf dem Areal selber befindet sich der Legionärspfad, wo sich in der warmen Jahreszeit Hunderte von Kindern tummeln.»