Historische Häuser im Aargau

In Kaiserstuhl steht ein Haus, dessen Fundament 700 Jahre alt ist

Weil den Bauarbeiter vor 700 Jahren noch keine Wasserwaagen zur Verfügung standen, sind die Wände des historischen Hauses in Kaiserstuhl schief und die Balken krumm. Die az stellt in einer Serie historische Wohnbauten im Aargau vor. Teil 1.

Michael Hugentobler
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Christina und Valentin Egloff vor ihrem historischen Haus in der Altstadt von Kaiserstuhl.

Christina und Valentin Egloff vor ihrem historischen Haus in der Altstadt von Kaiserstuhl.

Emanuel Freudiger

Es dauert eine Weile, bis man es bemerkt. Es sind die Wände. Sie sind schief, und die Balken sind krumm. «Ich glaube, die Arbeiter hatten damals keine Wasserwaagen», sagt Christina Egloff.

Und so werden diese Wände zu Bildern, die man sehr lange anschauen kann, jede ist wieder anders, anders krumm und anders schief, und man kann sich eine Lieblingswand aussuchen, jene, die am meisten Charakter hat.

Weil diese Wände Charakter haben, wohnen Christina und Valentin Egloff hier. «Weil es nicht normiert ist», sagt Christina Egloff.

Die Denkmalpflege liess die Wände so restaurieren, wie sie 1678 waren, als dieser Raum noch ein Festsaal war und die Oberschicht hier tanzte.

Historische Häuser im Aargau (Serie)

Im Kanton Aargau gibt es rund 800 denkmalgeschützte Wohnhäuser. Obwohl vielen dieser Bauten der Unterhalt fehlt, wuchs in den letzten Jahren die Kundschaft, die sich für diese Häuser interessiert. Die aargauische Denkmalpflege führt dies zurück auf den Wunsch nach individuellem Wohnen. Es gibt auch Häuser, die zwar alt, aber nicht geschützt sind. Damit sich die besitzer dieser Häuser besser austauschen können, haben sie sich in der Schweizerischen Vereinigung der Eigentümer historischer Wohnbauten, Domus Antiqua Helvetica, organisiert. Die az stellt in einer Serie vier dieser Häuser vor.

Zur Restauration wurde das Originalmaterial benützt, Sumpfkalkmörtel und pigmentierte Kalkmilch. Auch die Treppen sind keine normierten Treppen, sie fühlen sich kürzer an als in Neubauwohnungen. Und die Böden sind keine Riemenböden, sondern dort liegen sehr alte Hölzer, und an gewissen Stellen ist der Boden etwas höher, an anderen Stellen etwas tiefer.

Valentin Egloff kaufte dieses Haus 2008, «weil es das schönste Haus in Kaiserstuhl ist». Er sagt, er habe eine Affinität zum Alten, darum hängt in diesem Festsaal jetzt auch ein grosses Ölbild aus der Schule des Niederländers Joachim Beuckelaer, und darauf ist eine Frau zu sehen, irgendwo im alten Italien, die Frau verkauft auf einem Markt Hasen und Gänse, und nebenan steht ein Junge mit einem Korb voller Eier.

Der Antiquar, der das Bild verkaufte, wollte es eigentlich in drei Teile zerschneiden und drei Bilder daraus machen, da er der Ansicht war, das Original sei zu gross.

Egloff sah das anders und hielt es für eine Sünde, dieses Bild zu zerteilen.

Also hängt es jetzt neben einer Stereo-Anlage der Firma Revox aus den Achtzigerjahren, davor steht ein altes Sofa und gegenüber an der Wand ein sehr alter Schrank und darum herum Instrumente, auf denen man längst nicht mehr spielen kann.

Das womögliche Fehlen einer Wasserwaage beim Bau des Hauses ist allerdings nicht der einzige Grund für diese schiefen Wände. Mit den Jahren begann das Haus, sich leicht zu verschieben.

Damals gehörte es noch nicht den Egloffs, und der ehemalige Besitzer musste das Haus mit Stahlseilen zusammenschnüren wie eine Schachtel, damit es nicht auseinanderfällt. Das kostete sehr viel Geld. «Als Investition ist ein solches Haus nicht geeignet», sagt Valentin Egloff, Geld lasse sich damit nicht wirklich verdienen, so etwas besitze man, weil es einem am Herzen liege.

Das «Haus zur Sonnen», wie es in Kaiserstuhl genannt wird, ist im heutigen Zustand 335 Jahre alt, aber das Fundament ist noch viel älter. Im 13. Jahrhundert verkauften die Freiherren von Kaiserstuhl ihr Land im Kloster von Wettingen, um am Rhein eine Stadt zu gründen.

Aus dieser Zeit stammt eine Rundbogentür im Erdgeschoss des Hauses der Egloffs. Das heutige Haus wurde einige hundert Jahre später durch Arbogast Felwer und seiner Gattin Dorothea Wiederkehr erbaut.

Begraben wurden die beiden auf dem Friedhof in Hohentengen, das heute zu Deutschland gehört. Als dieses Haus gebaut wurde, da war der Rhein noch nicht die Schweizer Grenze, und die Hügel auf der anderen Seite des Flusses gehörten den Einwohnern von Kaiserstuhl, sie besassen dort ihre Rebberge. Die Hügel gehören ihnen zwar noch heute und der Wald ebenfalls, bloss liegt beides nun in einem anderen Land.

Da die Egloffs diese vier Stockwerke nicht alleine bewohnen können, haben sie drei vermietet. Und da nicht alle Menschen dieselbe Affinität zum Alten haben, wurden jene Stockwerke modernisiert, die nicht unter Denkmalschutz stehen.

Dort sind die Wände gerade und die Fussböden wurden mit einer Wasserwaage angelegt. Dort riecht es aber nicht nach altem Holz und dort mögen Christina und Valentin Egloff nicht wohnen. Lieber steigen sie all die kurzen Treppenstufen hoch in den vierten Stock, dort wo die Menschen vor 335 Jahren Feste feierten.