Kriegsgefahr
Aargauerin leistete jahrelang humanitäre Hilfe in der Ukraine – jetzt sagt sie: «Die Leute haben einfach nur Angst»

Marianne Piffaretti aus Wohlen ist Ehrenbürgerin von Sumy – sie organisierte mehr als 15 Jahre lang Hilfstransporte in die ukrainische Stadt. Noch heute hat sie fast täglich Kontakt mit Bewohnern von Sumy, das nur 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt.

Fabian Hägler
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Marianne Piffaretti, die ehemalige Präsidentin des inzwischen aufgelösten Wohler Vereins Help-Point Sumy, wurde Ende April 2009 zur Ehrenbürgerin von Sumy ernannt.

Marianne Piffaretti, die ehemalige Präsidentin des inzwischen aufgelösten Wohler Vereins Help-Point Sumy, wurde Ende April 2009 zur Ehrenbürgerin von Sumy ernannt.

Zvg

Mehr als 2000 Tonnen Hilfsgüter hat der Verein Help-Point Sumy aus Wohlen seit dem Jahr 2005 in die Ukraine gebracht. Die treibende Kraft hinter den humanitären Konvois mit Material für Spitäler, Heime, Schulen, Kindergärten, Ambulanz und Feuerwehr in der nordukrainischen Stadt Sumy war Marianne Piffaretti. Die ehemalige Gross- und Gemeinderätin reiste mehrmals pro Jahr in die Ukraine, um die Transporte vorzubereiten und alle Formalitäten mit den verschiedenen Behörden zu erledigen.

In den letzten beiden Jahren gab es allerdings keine Konvois mehr nach Sumy: Zuerst machte die Coronapandemie dies unmöglich, danach wurde der administrative Aufwand mit Zollpapieren, Deklaration des Hilfsmaterials und zahllosen Formularen und Genehmigungen immer grösser. Schliesslich wurde der Verein Help-Point Sumy im Juni 2021 mit Beschluss der Generalversammlung aufgelöst, damit endete die lange Geschichte der humanitären Hilfe aus Wohlen in die Ukraine.

Menschen in Sumy fürchten um ihre Sicherheit

Dennoch hat Marianne Piffaretti auch heute noch regelmässig Kontakt zu Spitalvertretern, Übersetzerinnen und anderen Personen in Sumy. Seit der russische Präsident rund um die Ukraine seine Truppen zusammenzieht, und noch stärker seit der Anerkennung der beiden separatistischen «Volksrepubliken» Donezk und Lugansk, sind die Menschen massiv verunsichert. Piffaretti sagt:

«Die Leute in Sumy haben einfach nur Angst, sie wissen nicht, wie sich die Lage weiter entwickelt und fürchten um ihre Sicherheit.»

Sumy liegt rund 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, trotz schlechter Strassen dauert die Fahrt zum Zollübergang nicht mehr als eine Stunde. «Das ist sehr nahe, bei vielen Leuten weckt das Unbehagen, weil sie sich vorstellen, dass auch russische Truppen rasch in ihrer Stadt sein könnten», sagt Piffaretti. Die Grenze zwischen den beiden Ländern ist im Norden über weite Strecken eine Hecke mit Büschen und nicht befestigt.

Viele beten für den Frieden, andere schliessen sich Freiwilligenverbänden an

Aufgrund der aktuellen Lage sei der Handel mit Russland, der in den Jahren zuvor in der Region Sumy rege war, derzeit eingeschränkt. Auch das belaste die Menschen in der Stadt, die oft auch jenseits der Grenze noch Verwandte haben. «Viele beten für Frieden, andere schliessen sich Freiwilligenverbänden an, um bei einer Invasion zu kämpfen und ihr Land zu verteidigen», sagt Piffaretti.

Es gebe aber auch Einwohner von Sumy, die russland-freundlich seien und die aktuelle Entwicklung begrüssten. «Das war auch früher schon so, für unsere Arbeit war das kein Problem, weil wir völlig unpolitisch agierten und alle bedürftigen Institutionen unterstützten», sagt Piffaretti. Heute sei das Bedürfnis nach Hilfe wohl so gross wie noch nie, ein humanitärer Konvoi wäre derzeit aber völlig unmöglich. «Ich kann nicht mehr tun, als den Menschen zu versichern, dass wir zu ihnen stehen und sie nicht vergessen», sagt Marianne Piffaretti.