Aarau

Mit der grossen Silberlinde beim Golatti wird der älteste Baum gefällt – die Anwohner sind verärgert

Der wohl älteste Baum Aaraus wird gefällt. Die Stadt spricht von Pilzbefall und Gefahr für die Bevölkerung. Die Anwohner wollen der Silberlinde nochmals eine Chance geben.

Nadja Rohner
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Die Silberlinde ist in der Bildecke rechtsoben zu sehen.
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Dominique Hunziker wehrt sich dagegen, dass die Silberlinde beim Altersheim Golatti von einem Tag auf den anderen gefällt wird.
Dominique Hunziker wehrt sich dagegen, dass die Silberlinde beim Altersheim Golatti von einem Tag auf den anderen gefällt wird.
Dominique Hunziker wehrt sich dagegen, dass die Silberlinde beim Altersheim Golatti von einem Tag auf den anderen gefällt wird.
Aaraus ältester Baum

Die Silberlinde ist in der Bildecke rechtsoben zu sehen.

Nadia Rohner

Im Park des Golatti-Altersheim steht eine riesige Silberlinde. 160 Jahre alt ist sie – und heute Abend wird sie Geschichte sein. Aus Sicherheitsgründen müsse man den alten Baum fällen, teilte die Stadt gestern mit. Er leide unter starkem Pilzbefall: «Der Pilz Lackporling hat sich seit dem Jahr 2015 stetig ausgebreitet», heisst es in der Mitteilung. «Er führte zu offenen Rissen und zu Schleimbildung an der Silberlinde. Eine eingebaute Kronenverankerung konnte vorübergehend die Gefahr von herabfallenden Ästen beseitigen.» Die schleichende Ausbreitung des Pilzes habe jedoch zu weiterem massivem Totholz geführt. Heute zeige die Silberlinde starke Alterserscheinungen und stelle eine Gefahr dar. Als Ersatz werde man eine neue Linde pflanzen. Das hat man schon 2008 mit einem Baum wenige Meter daneben gemacht.

Anwohner sind sauer

Dieses Schreiben der Stadt haben am Wochenende auch die direkten Anrainer erhalten. Und sie fühlen sich vor den Kopf gestossen. Der bekannte Musiker und Maler Dominique Hunziker, der an der Milchgasse wohnt und seit Jahrzehnten einen direkten Blick auf den Baum hat, ist einer der Betroffenen. In einem Brief an die Stadt schreibt er: «Die überfallartige, kurzfristige Information steht in keinem Verhältnis zum Stellenwert des Baumes.» Hunziker bittet darum, mit der Entfernung zuzuwarten – dem Baum noch einen Sommer und einen Herbst zu gönnen. «Er steht jetzt in vollem Saft, ist voll belaubt als Schattenspender, Windschutz und Geräuschdämmung zum Schachen hin.»

Sein Schreiben an die Stadt schickt Hunziker auch an die anderen Bewohner der Milchgasse. Und erhält breite Zustimmung. «Du triffst den Nagel voll auf den Kopf», schreibt ein Forstingenieur zurück. Natürlich müssten kranke Bäume entfernt werden, der Zeitpunkt sei aus seiner Sicht aber wählbar und könnte auch auf kommenden Winter verschoben werden, findet der Experte. Und: «Auch wenn der Pilzbefall derart rasant fortschreitet, dass eine sofortige Entfernung nötig ist, ist diese kurzfristige Info der Stadt Aarau nicht gerade erbauend.»

Man sieht, dass Baum krank ist

Es ist nicht so, dass die Nachbarn den Baum um jeden Preis erhalten wollen, sie stören sich aber am Vorgehen der Stadt. Hunziker betont: «Wir hätten nichts dagegen gehabt, jetzt darüber informiert zu werden, dass der Baum nach einer letzten Herbstfärbung gefällt werden muss.» Denn dass der Baum krank sei und gestützt werden müsse, sehe man ja. «Aber man hätte uns mindestens ein paar Tage Zeit lassen können, um uns von dem schönen Baum zu trennen.»

Die Stadt hält jedoch an der Fällung fest. Heute früh ab 7 Uhr geht es dem Baum an den Kragen. Markus Fontana, Leiter der Abteilung Alter, sagt, man habe geprüft, ob sich auch nur das Totholz wegschneiden lasse, damit man mit der Fällung noch zuwarten könne. Aber es bräuchte zusätzlich neue Sicherheitsmassnahmen wie die Verankerung der Krone, und auch damit bestehe weiterhin die Gefahr, dass der instabile Baum kippen könnte und Gebäude oder Personenschäden verursache. «Ich bedaure sehr, diesen alten Baum fällen zu müssen – und freue mich im Gegenzug, eine neue Linde für die zukünftigen Generationen pflanzen zu können die, so hoffe ich doch viele Jahre Schatten und Freude spenden wird.»

Wohl ältester Stadtbaum

Bei der Linde handelt es sich wohl um den ältesten Baum im Aarauer Siedlungsgebiet. Auch alt Stadtförster Eugen Wehrli hält das für «wahrscheinlich». «Allerdings», sagt er, «gibt es im Gönhardwald noch dicke Eichen, die älter sind.» Diese stammen aus der Zeit um 1780.
Sehr alt ist auch die Allee an der Schachenstrasse: Die Bäume wurden um 1871 von Internierten der Bourbaki-Armee gepflanzt. Im Jahr 2010 wurden – ebenfalls wegen einer Krankheit – zwei gut 200 Jahre alte Aarauer Bäume gefällt: die Herzog-Eiche im Herzoggut und eine Roteiche beim Durchgangsplatz für Fahrende im Schachen. Der Mammutbaum beim Schlössli, der 2012 gefällt wurde, um dem neuen Stadtmuseum Platz zu machen, wurde nur 130 Jahre alt.