Psychiatrie
Aargauer Pflegeverband schlägt Alarm: Sicherheit von Mitarbeitenden und Patienten gefährdet

Psychiatriepflegerinnen und Psychiatriepfleger seien am Ende ihrer Kräfte, warnt der Berufsverband. Die Psychiatrischen Dienste Aargau zeigen, wie sie gefährlichen Situationen entschärfen.

Noemi Lea Landolt
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Der Pflegeverband Aargau-Solothurn hat eine Anlaufstelle für Psychiatriepflegefachpersonen gegründet.

Der Pflegeverband Aargau-Solothurn hat eine Anlaufstelle für Psychiatriepflegefachpersonen gegründet.

Bild: Britta Gut

«Die Patientinnen und Patienten sind bei uns nicht sicher.» Das sagte eine diplomierte Pflegefachfrau der psychiatrischen Uniklinik Bern letzte Woche im «Kassensturz» von SRF. Assistenzärztinnen und Assistenzärzte der Klinik schrieben in einem Brief an die Geschäftsleitung, sie hätten Angst. Gewalt- und Notfallsituationen kämen immer öfter vor. Das Pflegepersonal berichtete in einem offenen Brief von «untragbaren Bedingungen».

Gefährliche Pflege ist auch in der Aargauer Psychiatrie ein Thema. Der SBK, Berufsverband für das Pflegefachpersonal Aargau-Solothurn, schrieb bereits letzte Woche auf Twitter, dass sich die Meldungen häuften.

Am Dienstag doppelte der Verband in einer Medienmitteilung nach. Die Geschäftsstelle erhalte täglich Anrufe von Mitgliedern, die sich um die Sicherheit der Patientinnen und Patienten und der Pflegenden sorgten und äusserst schwierige Situationen schilderten.

Pflegepersonal fehlt die Zeit, die Patienten zu begleiten

«Wir erhalten Anrufe von Pflegefachkräften, die Angst haben wegen Übergriffen oder erzählen, dass sie die sehr wichtige Beziehungsarbeit nicht leisten können, weil der Personalschlüssel ungenügend ist», sagt Cornelia Lindner. Sie ist Leiterin der IG Psychiatrie, der Anlauf- und Informationsstelle für Psychiatriepflegefachpersonen, die Mitte Jahr vom SBK Aargau-Solothurn gegründet wurde.

Es gehe ihr nicht darum, Angst zu verbreiten, sagt Lindner. Wenn in den Medien von Blut oder Exkrementen in Korridoren von psychiatrischen Kliniken oder nackten Patienten die Rede sei, möge das auf Laien erschreckend wirken.

«Solche Dinge gehören aber zu einer Akutpsychiatrie.»

Ausgebildete Fachpersonen könnten damit umgehen, sagt Lindner. «Schlimm für Pflegefachleute ist es, wenn sie das Gefühl haben, durch die Personalsituation die Kontrolle über die Situation zu verlieren, und wenn ihnen dadurch die Zeit fehlt, die Patientinnen und Patienten zu begleiten.»

Was tut die grösste psychiatrische Klinik im Kanton?

«Krisensituationen lassen sich in der Psychiatrie nicht verhindern. Es kommt auch bei uns zu Krisensituationen, das will ich nicht schönreden», sagt Aline Montandon, Leiterin Pflege, Fachtherapien und Sozialdienst der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG), der grössten psychiatrischen Klinik im Kanton.

Aline Montandon ist Leiterin Pflege, Fachtherapien, Sozialdienst und Geschäftsleitungsmitglied bei den PDAG.

Aline Montandon ist Leiterin Pflege, Fachtherapien, Sozialdienst und Geschäftsleitungsmitglied bei den PDAG.

Bild: zvg

Um gefährliche Situationen zu entschärfen beziehungsweise die Sicherheit von Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitenden zu gewährleisten, sei es wichtig, dass der Personalschlüssel stimmt. «Auf den Akutstationen kommen bei uns in der Pflege pro Schicht mindestens drei bis vier Mitarbeitende auf 20 Betten», sagt sie. Immer eine der drei bis vier Mitarbeitenden sei eine diplomierte Pflegefachperson. «Es sind nie nur Fachangestellte Gesundheit oder Auszubildende für eine Station verantwortlich», sagt Aline Montandon.

Zum Behandlungsteam gehören nebst der Pflege auch Ärztinnen, Psychologen, Fachtherapeutinnen und weitere Berufsgruppen sowie die Mobile Unterstützung Deeskalation, die bei Bedarf beigezogen werden können. Brauche eine Patientin oder ein Patient eine Eins-zu-eins-Betreuung, weil sie oder er zum Beispiel akut suizidgefährdet ist, könne diese Betreuung zusätzlich ausserhalb des Stellenschlüssels beispielsweise über den internen Flex-Pflegepool angefordert werden. «Es muss sich also nicht eine der drei bis vier Mitarbeitenden um die Eins-zu-eins-Betreuung kümmern», sagt Aline Montandon.