Bezirksgericht Aarau

Sein erstes Opfer war erst 14: Sozialarbeiter vergeht sich gezielt an Jungen aus zerrütteten Familien

Ein 46-jähriger Sozialarbeiter aus dem Kanton Aargau verging sich über mehrere Jahre hinweg an verschiedenen Jungen. Seine Opfer suchte er jeweils gezielt aus. Weil ihm ein Treffen auf deutschem Boden zum Verhängnis wurde, drohen ihm nun sechs Jahre Haft.

Stefania Telesca
Drucken
Teilen

«Er wusste, dass er bei Kindern, die in einem sozial stabilen Umfeld leben, keine Chance hatte.» Mit diesen Worten begann die Gutachterin am Bezirksgericht in Aarau darzulegen, wie Franco (alle Namen geändert) seine Übergriffe plante. Dem heute 46-jährigen Aargauer werden mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern, mehrfache sexuelle Handlungen mit Abhängigen und sexuelle Handlungen mit Minderjährigen gegen Entgelt vorgeworfen.

Immer wieder gewann er auf der Arbeit das Vertrauen minderjähriger Jugendlicher. Zwischen 2005 und 2010 arbeitete er als Sozialpädagoge in einem Solothurner Kinderheim. Dort lernte er sein erstes Opfer kennen. Andreas war damals 14 Jahre alt. Franco war für den Teenager zuständig und kannte dessen schwierige Situation.

«Dieses besondere Verhältnis sowie die Ausnahmesituation eines in ein Kinderheim eingewiesenen Kindes nutzte der Beschuldigte aus, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen», lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Franco nahm den Jugendlichen oft mit zu sich nach Hause, küsste ihn auf den Mund, zeigte ihm, wie man ein Kondom überzieht. Später vollzog er an ihm Oralverkehr. Andreas ist – wie Francos spätere Opfer – heterosexuell. Der Betreuer versprach Andreas, ihm zu helfen, aus dem ungeliebten Kinderheim rauszukommen.

Er ging strategisch vor, um ihr Vertrauen zu gewinnen

«Er konnte präzise darlegen, wie er einzelne Schritte anwendete, um die Pubertierenden gefügig zu machen», sagte die Gutachterin. Franco, die Hände auf die Knie gepresst, als ob er Halt suchen würde, machte während der gesamten Ausführungen keinen Wank.

«Er suchte sich diejenigen Kinder aus, die aus sogenannten Broken Homes kamen. In einem zweiten Schritt überlegte er sich, wie er sie bekommen könnte», so die Gutachterin. Er baute Vertrauen auf, war als Helfer da, fand heraus, was die jungen Männer gerne unternahmen. «In einem dritten Schritt machte er eine langsame Annäherung an die Sexualität. Etwa nebeneinander schlafen oder zufällige Berührungen.» In einem letzten Schritt kam es zum erotischen Kontakt.

Franco befindet sich seit Dezember 2018 im vorzeitigen Strafvollzug. Bei seiner Einvernahme stritt er nichts ab. Die Stimme tief und ruhig, wurde leiser und zittriger, als der Gerichtspräsident Andreas Schöb ihn konkret nach den sexuellen Handlungen fragte.

Er ging eine Beziehung mit der Mutter ein

Von 2010 bis 2013 leitete Franco als Sozialpädagoge eine Jugendfachstelle im Aargau. Dort lernte er Luca kennen. Luca war 13 Jahre alt, er konsumierte Drogen und wurde immer wieder in diversen Heimen notplatziert. Franco ging eine Beziehung mit Lucas Mutter ein, animierte den Teenager später in dessen Zuhause immer wieder zum gemeinsamen Pornokonsum und zur gemeinsamen Selbstbefriedigung. Er lud Luca zu sich nach Hause ein, gab ihm Alkohol und vollzog, als dieser schlief, den Oralverkehr an ihm.

Sein drittes Opfer lernte er 2014 kennen, als er als Schulsozialarbeiter im Aargau tätig war. Ralf war damals 15 Jahre alt und hatte schwerwiegende familiäre Probleme. Der Betreuer bot
dem Teenager regelmässig eine Übernachtungsmöglichkeit an, wenn es zu Hause wieder schwierig wurde. Er kaufte ihm Zigaretten und Marihuana. Erneut kam es erst zu Berührungen, später zu Oral- und dann zum regelmässigen Analverkehr.

Als ein Pädophilenring gesprengt wurde, erwischte man ihn

2015 reiste Franco nach Deutschland. Zuvor hatte er online nach einem minderjährigen Prostituierten gesucht. Und einen 16-Jährigen gefunden, dessen Dienste er für 400 Euro in Anspruch nahm. Dieses Treffen wurde ihm zum Verhängnis. Als die deutschen Behörden einen Pädophilenring sprengten, durchsuchten die Behörden Francos Haus und beschlagnahmten sein Mobiltelefon.

«Es bestand eine sexuelle Anziehung. Heute sehe ich, dass es nicht gegenseitig war», sagte der Beschuldigte. Er habe es nie ausgesprochen, aber für die Jungen sei klar gewesen, dass sie niemandem davon erzählen sollen, gab Franco zu. Er habe sie zu seinen Zwecken manipuliert.

Die Gutachterin attestiert Franco eine Störung der Sexualpräferenz. Dies sei keine Erkrankung. Franco fühle sich hinge zogen zu Kindern und Pubertierenden. «Diese Störung wird ein Leben lang bestehen bleiben.» Die Störung sei nicht heil-, aber therapierbar. «Unternimmt man nichts, ist die Rückfallgefahr extrem hoch.»

Er will Gefahrensituationen von nun an meiden

Franco hat mit einer Therapie begonnen. Er wisse, dass er sich nicht mehr in Gefahrensituationen begeben dürfe: «Indem ich etwa Schwimmbäder oder Fitnesscenter meide.» Er könne bei einer ambulanten Therapie Fortschritte machen, ist er überzeugt. «Ich habe genug Schande erzeugt. In meinem Umfeld und auch bei meinen Opfern.»

Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, aufgeschoben zu Gunsten einer stationären Massnahme in einer geschlossenen Einrichtung. Francos Verteidiger verlangte eine Freiheitsstrafe von maximal drei Jahren, aufgeschoben zu Gunsten einer ambulanten Behandlung. Das Urteil steht noch aus.