So weiblich wie noch nie: Frauenrekord auf Aargauer Wahllisten

Die grösseren Parteien schicken für die Nationalratswahlen mehr Frauen ins Rennen als noch 2015 und 2011. Die Chancen, dass die Aargauer Delegation in Bundesbern in diesem Jahr weiblicher wird, stehen auch dank zahlreichen Rücktritten gut.

Eva Berger
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Yvonne Feri (SP), Gabriela Suter (SP), Irène Kälin (Grüne), Ruth Humbel (CVP), Marianne Binder (CVP), Maja Riniker (FDP), Stefanie Heimgartner (SVP), Michaela Huser (SVP) (von links oben nach unten rechts).

Yvonne Feri (SP), Gabriela Suter (SP), Irène Kälin (Grüne), Ruth Humbel (CVP), Marianne Binder (CVP), Maja Riniker (FDP), Stefanie Heimgartner (SVP), Michaela Huser (SVP) (von links oben nach unten rechts).

AZ

Bei der Besetzung der 18-köpfigen Aargauer Delegation in Bern kommt durch zahlreiche Rücktritte bei den nationalen Wahlen vom 20. Oktober besonders viel Bewegung rein. Beide Ständeräte treten zurück, dazu treten 5 der insgesamt 16 Nationalräte nicht mehr zur Wiederwahl an.

Jetzt sind die meisten Kandidatenlisten der grösseren Parteien für die Nationalratswahlen erstellt. Augenfällig ist, dass auf allen die Frauen stärker oder zumindest gleich stark vertreten sind wie vor vier Jahren. Bei den Listen von CVP, SVP, SP, FDP und Grünen liegt der Frauenanteil über alle Wahlvorschläge bei rund 48 Prozent. 2015 lag er bei gut 36 Prozent (inklusive den kleineren EVP, GLP und BDP). Bei den Wahlen von 2011 war dieser Wert mit knapp 34 Prozent noch tiefer.

SVP ist jünger und weiblicher

Am Mittwoch präsentierte mit der SVP die grösste Aargauer Partei ihre Kandidaten für die diesjährigen Wahlen. Zwar hat sie mit fünf Frauen (2015: vier) und elf Männern immer noch die männlichste Liste aller grösseren Aargauer Parteien.

Bei der SVP kommt es aber auch zu den meisten Wechseln: Sylvia Flückiger, Ulrich Giezendanner, Maximilian Reimann und Luzi Stamm treten nicht mehr an. Kann die SVP ihren Status als stärkste Aargauer Partei halten und ihre sieben Sitze im Nationalrat verteidigen, stehen die Chancen gut, dass sie eine stark verjüngte Gruppe, mit vielleicht mehr als einer Frau, nach den Wahlen nach Bern schicken wird.

Wie bereits 2015 hat die SP für den Wahlherbst am meisten Frauen nominiert. Sie geht mit zehn Frauen, einer mehr als vor vier Jahren, ins Rennen. Bei den Grünen herrscht Parität, es stehen acht Frauen und acht Männer auf der Liste. Ebenso bei der FDP, die 2015 erst sechs Frauen nominiert hatte.

Noch nicht nominiert haben die EVP und die BDP. Auch bei der CVP steht die Nomination für die Nationalratswahlen noch aus. Laut Parteipräsidentin Marianne Binder wird die CVP im März aber «mindestens sieben, vielleicht acht» Frauen nominieren. 2015 waren es noch sechs.

Aktuell sind von den 16 Aargauer Vertretern im Nationalrat 5 Frauen. Gewählt worden sind 2015 allerdings nur deren vier — Irène Kälin rückte 2017 bei den Grünen für den zurückgetretenen Jonas Fricker nach. Damit sind momentan knapp ein Drittel der Aargauer Nationalratsmitglieder weiblich, was dem Durchschnitt im gesamten Nationalrat entspricht.

Entscheiden die Listenplätze?

Ein guter Listenplatz ist noch keine Garantie für die Wahl in den Nationalrat. Dennoch stehen die Chancen für Kandidaten, die oben auf der Liste stehen, erfahrungsgemäss signifikant höher als für jene auf den hinteren Plätzen.

Sandra Ardizzone

Alle Parteien, die bisher nominiert haben, setzen ihre bisherigen und wieder antretenden Vertreter im Nationalrat auf die ersten Plätze. Ausser den Grünen hat keine Partei bei der Vergabe der Listenplätze ausdrücklich die Frauen bevorzugt.

Bei der SVP folgen nach den bisherigen Nationalräten Hansjörg Knecht, Thomas Burgherr und Andreas Glarner jene Kandidierenden, die schon 2015 angetreten sind und schliesslich die Neo-Kandidatinnen und -Kandidaten. Somit reichte es für keine Frau zu einem Spitzenplatz, Grossrätin Stefanie Heimgartner ist die erste Frau auf der Liste — auf dem sechsten Platz.

Maya Bally will für die BDP ins Stöckli

Als letzte Aargauer Partei hat die BDP am Freitagabend ihre Ständeratskandidatur nominiert. Am Parteitag in Staufen beschlossen die Mitglieder, die 57-jährige Grossrätin Maya Bally ins Rennen um einen Sitz im Stöckli zu schicken. Bally sitzt seit Frühling 2013 für die BDP im Grossen Rat und war drei Jahre lang Fraktionspräsidentin ihrer Partei. Bei den Regierungsratswahlen 2016 landete sie im zweiten Wahlgang mit knapp 40 000 Stimmen hinter Franziska Roth (SVP) und Yvonne Feri (SP) auf Platz 3 und verpasste damit die Wahl. Die Wiederwahl in den Grossen Rat schaffte sie, weil die BDP aber Sitze verlor, bildet sie im Kantonsparlament keine eigene Fraktion mehr.

Gegenüber Tele M1 sagt Bally, bei der BDP habe sich die Frage gestellt, ob sie oder Nationalrat Bernhard Guhl nominiert werden sollten. Weil es im Aargau mehr männliche als weibliche Kandidaturen für den Ständerat gebe, habe die Parteileitung entschieden, dass sie antreten solle. Als inhaltliche Schwerpunkte nennt sie die Gesellschafts- und Bildungspolitik, Einsatz für Menschen mit Beeinträchtigungen und die Wirtschaftspolitik. (fh)

Dennoch: Wenn die SVP ihre sieben Sitze verteidigen kann, haben sowohl Heimgartner als auch die an achter Stelle stehende Nicole Müller-Boder gute Chancen, ins Bundesparlament einziehen zu können. Dies umso mehr, wenn Hansjörg Knecht den Sprung in den Ständerat schaffen sollte.

Nur drei Frauen für Ständerat

Bei den Grünen folgen auf Irène Kälin und Ständeratskandidatin Ruth Müri die anderen sechs Frauen vor den Männern. Auf der FDP-Liste lauert für den Nationalrat hinter den beiden Bisherigen Thierry Burkart (der auch für den Ständerat kandidiert) und Matthias Jauslin die Grossrätin Maja Riniker. Ihre Chancen sind mit dieser Position intakt, die abtretende Corina Eichenberger als freisinnige Aargauerin im Nationalrat zu beerben.

Die CVP wird die Liste so gestalten, dass sie von der bisherigen Nationalrätin Ruth Humbel und Parteipräsidentin Marianne Binder angeführt wird – eine dritte Frau soll auf einem Spitzenplatz folgen. Das sei aber nicht einer speziellen Frauenförderung geschuldet, stellt Marianne Binder klar: «Wir privilegieren nicht. Wir gestalten die Reihenfolge gemäss den letzten Wahlresultaten», sagt sie.

Bei der SP kommen nach den Bisherigen Yvonne Feri und Cédric Wermuth zuerst Parteipräsidentin Gabriela Suter, gefolgt von Grossrätin Simona Brizzi. Erreicht die Partei ihr Ziel, den 2015 verlorenen dritten Sitz zurückzuholen, könnten die Sozialdemokraten ihre Fraktion in Bern mit einer weiteren Frau ergänzen.

Dafür tragen sie bei den diesjährigen Wahlen mit der Ständeratskandidatur von Cédric Wermuth nach dem Rücktritt von Pascale Bruderer nichts zu einem höheren Frauenanteil im Stöckli bei – im Gegenteil. Marianne Binder (CVP), Ruth Müri (Grüne) und Maya Bally (BDP, siehe Box) sind die einzigen drei Frauen, die im Aargau für den Ständerat kandidieren.

Korrigendum

Anders als in einer früheren Version dieses Artikels geschrieben, haben die Grünliberalen (GLP) Aargau ihre Kandidatinnen und Kandidaten für die diesjährigen Nationalratswahlen bereits Ende Oktober 2018 nominiert. Die GLP hat sieben Frauen (2015: sechs) und neun Männer aufgestellt.

Die erste Frau auf der Liste ist an zweiter Stelle hinter dem bisherigen Beat Flach (der auch für den Ständerat kandidiert), Grossrätin Barbara Portmann. Grossratspräsidentin Renata Siegrist-Bachmann besetzt den vierten Listenplatz. Die weiteren fünf Frauen auf der grünliberalen Nationalratsliste sind die Badener Einwohnerrätin Fiona Hostettler, Béa Bieber, die Stadträtin von Rheinfelden, Grossrätin Ruth Jo. Scheier, Chantal Toker-Bieri, Einwohnerrätin in Lenzburg, und Manuela Ernst, Einwohnerrätin in Wettingen.

Die Grünliberalen nahmen es sportlich, dass ihre Kandidatinnen und Kandidaten im Artikel in der «Schweiz am Wochenende» vergessen gingen. Allerdings verzichteten sie nicht darauf, sich bei den Journalisten in Erinnerung zu rufen. Am Sonntag hat eine Dreierdelegation ein Wahlplakat auf die Redaktion in Aarau gebracht. Die Kandidatinnen hatten sie darauf rot umkreist, damit sich die AZ-Redaktion auch sicher nicht verzählt.