Tausende zahlen die Steuern nicht – dem Kanton entgehen jedes Jahr Millionen

6500 Personen begleichen ihre Steuerrechnung nur teilweise oder gar nicht. Jahr für Jahr fehlen dem Kanton darum Millionenbeträge. Die Beiträge an den Fiskus sind bei Privaten Schuldentreiber Nummer eins. Beraterin Barbara Zobrist kennt die Gründe und plädiert für direkte Lohnabzüge.

Manuel Bühlmann
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Hilft auf dem Weg raus aus den Schulden: Beraterin Barbara Zobrist.

Hilft auf dem Weg raus aus den Schulden: Beraterin Barbara Zobrist.

Sandra Ardizzone

Der Titel tönt vielversprechend: «Steuererklärung – schmerzfrei!» Der Kurs, organisiert von der Schuldenberatung, soll innert zweier Stunden dabei helfen, dass «weder die Steuererklärung noch die Steuerrechnung Bauchschmerzen bereiten». Sieben Personen sitzen an jenem Donnerstagabend im Aarauer Bullingerhaus. «Die Steuern sind bei uns ein grosses Thema», sagt Barbara Zobrist. Die Leiterin der Schuldenberatung Aargau-Solothurn untermauert ihre Aussage mit einer Zahl: 83 Prozent der Ratsuchenden weisen Steuerschulden aus. Ein Dauerbrenner, sagt Zobrist. «Es handelt sich um den Schuldentreiber Nummer eins.»

Dass bei weitem nicht alle Aargauerinnen und Aargauer ihre Steuern bezahlen, zeigt sich in der Kantonskasse. Rund 6500 Einwohner jährlich begleichen ihre Steuerrechnung nur teilweise oder gar nicht. Vom letzten Jahr stehen noch rund 160 Millionen bei natürlichen Personen und 54 Millionen Franken bei Firmen aus.

Definitiv abschreiben musste der Kanton 2016 insgesamt mehr als acht Millionen Franken – im Jahr zuvor waren es gar über 11 Millionen. Immerhin: Der Trend scheint also in die richtige Richtung zu gehen. Die Steuerausstände hätten sich in den letzten Jahren leicht vermindert, teilt das kantonale Steueramt auf Anfrage mit.

«Nichts abgeben, ist das Dümmste»

Am Kursabend erklärt Stefan Fischer, Treuhandexperte und Vorstandsmitglied der Schuldenberatung Aargau-Solothurn, den Teilnehmern das Steuersystem. Seine Botschaft: Das Ausfüllen der Erklärung lohnt sich. «Nichts abzugeben, ist das Dümmste, was Sie machen können», warnt er. Einerseits werden die Bussen, die darauf folgen, immer höher. Andererseits werden die Säumigen dann vom Steueramt eingeschätzt, was meist zu einer höheren Steuerrechnung führt.

Nicht eingereichte Erklärungen zählt Barbara Zobrist denn auch zu den zentralen Gründen, die in die Schuldenspirale führen können. Ihr Rat an die Betroffenen: «Steuererklärungen ausfüllen und Steuerschulden nicht auf die lange Bank schieben.»

Bei der Schuldenberatung Aargau-Solothurn, die diesen März ihr 20-Jahr-Jubiläum feiert, können sich Betroffene Hilfe holen. Der durchschnittliche Ratsuchende ist männlich, zwischen 30 und 40 Jahre alt, verfügt über ein Einkommen um die 5000 sowie Schulden um die 80'000 Franken. Meistens wird die Abwärtsspirale durch ein einschneidendes Erlebnis ausgelöst: eine Scheidung, der Verlust der Arbeitsstelle, eine Krankheit oder die Geburt eines Kindes.

Säcke voller Rechnungen

In der Regel ist der Leidensdruck schon sehr gross, wenn sich jemand bei Zobrist und ihrem Team meldet. Das macht ihre Aufgabe nicht einfacher, im Gegenteil. «Je länger man zuwartet, desto schwieriger wird es», sagt sie. Hin und wieder tragen Betroffene ihre unbezahlten Rechnungen in Säcken in Zobrists Büro.

Das Vorgehen ist danach immer das gleiche: Alles auf den Tisch legen, Überblick verschaffen, Lösung suchen. Letztere kann heissen: Schuldensanierung. Ein Vorgehen, das von Barbara Zobrist und ihren Mitarbeitern viel Verhandlungsgeschick abverlangt: Sie müssen die Gläubiger davon überzeugen, dass ihr Vorschlag ein für alle Beteiligten bestmögliches Resultat darstellt, auch wenn die Gläubiger auf einen Teil ihrer Schulden verzichten müssen.

Die Schuldner verpflichten sich, ein klar geregeltes Budget einzuhalten. Zum Leben bleibt da nur das Existenzminimum. Das Ziel: schuldenfrei in drei Jahren. Infrage kommen aber nur Betroffene, die ein stabiles berufliches und privates Umfeld vorweisen können, und die nötige Motivation mitbringen.«Es wird nicht schöner, aber absehbarer», sagt Zobrist. «Rein in die Schulden geht es rasch, raus hingegen ist der Weg meist lang.»

Tenor: Steuersystem ist zu kompliziert

Gegen Schluss des Kurses melden sich in der Diskussionsrunde die Teilnehmerinnen zu Wort. Der Tenor: Das Steuersystem ist zu umständlich. «So kompliziert», klagt eine Frau. «Total unübersichtlich», findet einer der beiden Männer. «Ich fände es besser, wenn alle quellenbesteuert würden», sagt eine andere Zuhörerin. Für einen direkten Abzug vom Lohn, wie ihn die Gruppe begrüssen würden, spricht sich auch Schuldenberaterin Barbara Zobrist aus.

Liesse sich das Problem dadurch entschärfen? «Ja klar», antwortet sie. «Viele Menschen verwechseln Liquidität mit Kaufkraft.» Würde ihnen das Geld direkt vom Lohn abgezogen, bliebe vielen eine missliche Lage erspart. «Damit könnte viel Leid verhindert werden.» Studien und Umfragen zeigten, dass eine Mehrheit lieber regelmässig kleinere Beträge zahlen würde statt einmal pro Jahr einen grossen Betrag. Zobrists Lösungsvorschlag: ein automatisierter, freiwilliger Abzug der direkten Steuern vom Lohn. Die Einführung eines solchen Modells ist zurzeit im Kanton Baselstadt geplant, auf freiwilliger Basis – und gegen den Willen des Regierungsrats.

SP lancierte ähnlichen Vorschlag – und scheiterte

Einen ähnlichen Vorschlag hat die SP 2015 auch im Aargau lanciert – jedoch ohne Erfolg. Wer wolle, könne schon jetzt mit einem Dauerauftrag eine Vorauszahlung leisten, begründete der Regierungsrat die Ablehnung der Motion. Das Angebot würde zudem den administrativen Aufwand für Unternehmen erhöhen und es sei fraglich, ob dieses von jenen Personen genutzt würde, die darauf angewiesen wären.

Barbara Zobrist ist anderer Meinung: Gründe, warum die Steuererklärung nicht rechtzeitig ausgefüllt und Steuern nicht fristgerecht bezahlt werden, gebe es viele – beispielsweise, weil jemand administrativ überfordert, krank oder psychisch beeinträchtigt sei. Sie gibt zu bedenken, dass Ausländer mit Quellenbesteuerung kaum Steuerschulden hätten. Deshalb sagt sie: «Die Zeit ist reif für eine Ergänzung beim jetzigen Steuermodell.»