Verwaltungsstellen
Gemeinden suchen händeringend Leute: Im Aargau fehlen Gemeindeschreiber, Steuerchefinnen, Bauspezialisten und Sozialdienstleiterinnen

Die Ausbildung an der Fachhochschule ist zwar beleibt, doch viele Absolventinnen und Absolventen übernehmen lieber eine Stellvertreter- oder Sachbearbeiter-Stelle. Mit einem neuen Götti-System will der Gemeindeschreiber unerfahrene Berufsleute länger im Job halten.

Fabian Hägler
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Michael Widmer, Präsident des Verbandes Aargauer Gemeindeschreiberinnen und -schreiber, hat mit Fachkräftemangel zu kämpfen.

Michael Widmer, Präsident des Verbandes Aargauer Gemeindeschreiberinnen und -schreiber, hat mit Fachkräftemangel zu kämpfen.

Chris Iseli

«Wir kämpfen auf der Verwaltung enorm mit Fachkräftemangel.» Das sagte Thomas Buchschacher, Gemeindeammann von Schöftland, vor drei Wochen in einem AZ-Interview. Auf der Bauverwaltung habe man einen Abgang nicht ersetzen können, das sei ein grosses Problem.

«Es gibt einen zunehmenden Fachkräftemangel auf den Gemeindeverwaltungen; gerade in Bereichen, die ein spezifisches Know-how erfordern, wie etwa Finanzen und Steuern, Bau oder die kommunale Sozialarbeit.» Das sagte Tobias Leuthard, Gemeindeammann von Küttigen, vor gut einem Monat in der AZ. «Manche Mitarbeitenden gehen, weil sie sich persönlich weiterentwickeln möchten, teils auch in einer anderen Branche», erläuterte er. Andere würden abgeworben, weil ihnen eine andere Gemeinde ein sehr gutes Angebot gemacht habe.

In Leimbach fällt der Gemeindeschreiber krankheitshalber seit einiger Zeit aus. «Ob und wann eine Rückkehr an seine Arbeitsstelle stattfinden kann, ist zum heutigen Zeitpunkt unklar», heisst es auf der Website der Gemeinde. Der Kanzleibetrieb werde vorderhand durch Aufstockung der Arbeitspensen der Teilzeitmitarbeitenden aufrechterhalten.

Meisterschwanden kann Stelle besetzen – dies reisst Lücke in Rüfenach

Nach über zwölf Jahren hat der bisherige Gemeindeschreiber Michael Grauwiler Meisterschwanden per Ende 2021 verlassen. Die Stelle konnte nicht auf den Zeitpunkt des Abgangs besetzt werden, doch nun hat Meisterschwanden mit Eric Streuli einen neuen Gemeindeschreiber und Verwaltungsleiter gefunden. «Aufgrund des trockenen Stellenmarktes mussten mehrere Ausschreibungsrunden durchgeführt werden», schreibt die Gemeinde. Streuli ist aktuell Gemeindeschreiber-Stellvertreter in Rüfenach und tritt seine Stelle in Meisterschwanden am 1. August an.

Dies hinterlässt allerdings in Rüfenach wieder eine Lücke, die Gemeinde sucht per 1. August eine Leiterin oder einen Leiter Einwohnerdienste, wie der Stellenausschreibung auf der Website des Verbandes Aargauer Gemeindeschreiberinnen und -schreiber zu entnehmen ist. Auf dem Portal sind darüber hinaus Dutzende weiterer Verwaltungsstellen ausgeschrieben – eine kleine Auswahl:

  • Döttingen: stv. Leiter/in Steuern (100 Prozent, per 1. September)
  • Lenzburg: Leiter/in Immobilien (80 bis 100 Prozent, per 1. Oktober)
  • Lengnau/Endingen: Leiter/in Finanzen (100 Prozent, per 1. Januar 2023)
  • Laufenburg: Leiter/in Bau, Planung, Umwelt (100 Prozent, per 1. September)
  • Hausen: stv. Leiter/in Steuern (90–100 Prozent, per 1. August)
  • Böttstein: Stv. Leiter/in Sozialdienst (50 Prozent, per 1. Juli)
  • Wettingen: Fachspezialist/in Hochbau/Baugesuche (80 bis 100 Prozent, nach Vereinbarung)
  • Aarburg: Projektleiter/in Bauentscheide/Bauaufsicht (100 Prozent, per 1. Oktober)

Neben diesen Führungspositionen sind in vielen Gemeinden auch Stellen von Sachbearbeiterinnen oder Sachbearbeitern beim Steueramt, auf der Bauverwaltung oder im Sozialdienst nicht besetzt.

Gemeindeschreiber-Präsident sieht Probleme für kleinere Gemeinden

Derzeit zählt der Verband Aargauer Gemeindeschreiberinnen und -schreiber knapp 500 Mitglieder, sie trafen sich am Montag in Möriken-Wildegg zur Generalversammlung.

Derzeit zählt der Verband Aargauer Gemeindeschreiberinnen und -schreiber knapp 500 Mitglieder, sie trafen sich am Montag in Möriken-Wildegg zur Generalversammlung.

Chris Iseli

Michael Widmer ist Gemeindeschreiber in Frick und Präsident des Aargauer Verbandes der Gemeindeschreiberinnen und -schreiber. An der Generalversammlung des Verbands in Möriken-Wildegg am Montag sprach er den Fachkräftemangel auf den Gemeindeverwaltungen an. Auf Nachfrage sagt Widmer: «Gerade kleinere und peripher gelegene Gemeinden sehen sich schon seit mehreren Jahren damit konfrontiert, dass sie auf Stellenausschreibungen für Gemeindeschreiber nur wenige oder gar keine Bewerbungen von Kandidatinnen und Kandidaten erhalten, die das Anforderungsprofil erfüllen.»

Dies verschärfe sich mit dem zunehmenden Fachkräftemangel weiter, sagt der Präsident. So komme es immer wieder zur Anstellung von jungen Personen mit wenig Erfahrung oder von Quereinsteigern aus anderen Branchen. Widmer betont:

«Die Komplexität des Berufs, die grosse Verantwortung und die vielfältigen Kompetenzen, die es für die Erfüllung der Anforderungen braucht, werden oft unterschätzt.»

Dabei gehe es nicht nur um fachliche und juristische Kenntnisse, die Gemeindeschreiber seien auch bei der internen und externen Kommunikation, der Planung politischer Prozesse, der Personalführung und organisatorischen Fragen gefordert. Dies erfordere vielfältige berufliche und menschliche Qualifikationen und auch Belastbarkeit.

Götti-System soll helfen, unerfahrene Berufsleute im Job zu halten

«Mit einem Götti-System möchten wir neu in den Beruf eintretenden Kolleginnen und Kollegen direkte Ansprechpartner geben, an die sie sich wenden können, um im Beruf Fuss fassen zu können», sagt Widmer. Damit kämen sie einfach an Mustervorlagen und praxisnahe Auskünfte zu komplexen Fragestellungen.

Weiter gehe es um Tipps für die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat oder den Umgang mit kritischen Personen aus der Bevölkerung. Widmer: «Mit einer kollegialen und kompetenten Begleitung erhoffen wir uns, gute Berufsleute im Job halten zu können, auch wenn sie zu Beginn wenig Erfahrung haben.»

Ausbildung ist beliebt – viele werden dennoch nicht Gemeindeschreiber

In der Regel verfügen Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber über eine kaufmännische Grundausbildung. An der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) werden als Weiterbildung spezifische CAS-Lehrgänge angeboten. Die Stufe 1 vermittelt die Grundlagen, in der Stufe 2 wird die berufsspezifische kantonale Fachkompetenz (Gemeindeschreiber / Leiter Finanzen / Steuerfachleute etc.) vermittelt, die Stufe 3 betrifft Managementthemen. Die Lehrgänge werden mit einem Fachausschuss des Gemeindeschreiberverbands und der FHNW konzipiert.

«Die erwähnten Ausbildungslehrgänge an der Fachhochschule sind sehr beliebt», sagt Michael Widmer. Allerdings würden viele Absolventinnen und Absolventen danach keine Stelle als Gemeindeschreiber mit Führungsfunktionen, Verantwortung und Abendsitzungen übernehmen, sondern lieber eine Stellvertreter- oder Sachbearbeiterfunktion. «Dabei mag es auch eine Rolle spielen, dass man als Gemeindeschreiber eine öffentliche Person ist, was nicht allen behagt», vermutet Widmer.

Kooperation mit Stellenportal beschlossen, digitale Bewerbungen geplant

Neben dem Götti-System hat der Vorstand der Gemeindeschreiber entschieden, eine Kooperation mit Publicjobs, einem Portal für Verwaltungsstellen, einzugehen. Stellenanzeigen werden künftig über die Plattform von Publicjobs erfasst. Dennoch bleibt die Publikation auf gemeinden-ag.ch weiterhin kostenlos. Der Vorteil für die Gemeinden: Das gleiche Inserat wird auf mehreren Plattformen publiziert, muss aber nur einmal erfasst werden. «Zudem können wir von einer zeitgemässen digitalen Stellenbörse eines grossen Anbieters profitieren, die ständig weiterentwickelt wird», schreibt der Verband.

Überdies prüft der Gemeindeschreiber-Verband die Möglichkeit eines digitalen Bewerbungsprozesses. Ziel ist es, den Gemeinden ein komplettes digitales Rekrutierungswerkzeug zur Verfügung stellen zu können, das einem Vergleich mit ähnlichen Instrumenten aus der Privatwirtschaft standhält. «Solche modernen Tools vereinfachen nicht nur unsere Arbeit, sondern wirken auch auf potenzielle Bewerberinnen und Bewerber modern und frisch», heisst es im Newsletter des Verbandes.