Porträt

Von einer Traumstelle zur nächsten: Der Werdegang der Chefin des Roten Kreuzes Aargau ist so vielseitig wie sie

Regula Kiechle ist die Höchste des Roten Kreuzes Aargau, Richterin, Jodlerin – eine Politikerin wird aus ihr aber nicht.

Peter Weingartner
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Hier ist sie in erwarteter Kluft als Geschäftsführerin des Aargauer Roten Kreuzes. Sie kann aber auch anders. (Archivbild)

Hier ist sie in erwarteter Kluft als Geschäftsführerin des Aargauer Roten Kreuzes. Sie kann aber auch anders. (Archivbild)

Ann-Kathrin Amstutz

Wer Regula Kiechles beruflichen Werdegang betrachtet, staunt: KV, Pflegefachfrau, Stationsleiterin Barmelweid, Bildungs- und Qualitätsverantwortliche Asana-Spital Leuggern (120 Mitarbeitende), Pflegedienstleiterin am Kantonsspital Luzern (270 Mitarbeitende), Direktorin der Psychiatrischen Dienste Aargau in Königsfelden (520 Mitarbeitende), seit sechs Jahren Geschäftsführerin des Schweizerischen Roten Kreuzes Aargau. «Das war nie von langer Hand geplant», sagt Regula Kiechle. Gerade in Königsfelden sei sie in grosse Fussstapfen getreten. Und ihnen eines Tages entwachsen. So sieht sie das. Und jede Stelle habe genau auf sie gepasst, war zu der Zeit ihre Traumstelle.

Prägendes Elternhaus: «Du kannst das»

Das klingt reichlich einfach, denn natürlich hat sie sich ständig, ihrer Neu- und Wissensgier, letztlich ihrem Naturell folgend, weiter gebildet, nicht nur fachlich, auch was die Führung angeht. «Probier’s, du kannst das!», hätten ihre Eltern sie stets ermuntert. Sie stammt aus dem Ruedertal, aus Schlossrued, wo die Familie einen Bauernhof führte, während der Vater auswärts arbeitete. Eine katholische Familie mit Luzerner (Vater) und Obwaldner (Mutter) Wurzeln, sie eines von sieben Kindern. Eine glückliche Zeit, eine prägende Zeit. Die Werte, die ihr da vermittelt wurden, sind nachhaltig: Von nichts kommt nichts; Arbeit lohnt sich. Eine liberale Einstellung, in der auch Solidarität selbstverständlich ist. «Wenn ein Geschwister von der Gotte Süssigkeiten erhielt, hat man sie geteilt», erinnert sie sich.

Regula Kiechle (Zweite von links) spricht an einem Podium der FDP zum Thema "Öffentliche Spitex unter Druck" 2018 als Geschäftsführerin des Roten Kreuzes.

Regula Kiechle (Zweite von links) spricht an einem Podium der FDP zum Thema "Öffentliche Spitex unter Druck" 2018 als Geschäftsführerin des Roten Kreuzes.

Alex Spichale

«Ein KMU zu führen, war immer mein Traum; dass er sich so schnell realisieren liess, hätte ich nicht gedacht», sagt Regula Kiechle. Am letzten Tag vor Ablauf der Bewerbungsfrist habe sie sich um die Stelle der Geschäftsführerin des Schweizerischen Roten Kreuzes des Kantons Aargau beworben. Vor gut sechs Jahren hat sie da ihre Arbeit aufgenommen. Ein Verein mit 50000 Mitgliedern, 136 Mitarbeitenden, 1000 freiwilligen Mitarbeitenden und 10 Millionen Umsatz im Jahr. Sie hat den Neubau an der Buchserstrasse mitgeführt. Ganz fremd war ihr das nicht: Seit der KV-Lehre in der Baubranche ist ihr das Wort «Offerte» nicht fremd. «Du musst tun, wohin dich dein Herz zieht», sagt sie. Keine Karriereplanung, auch wenn in der Rückschau eine innere Logik aufscheinen mag.

«Führen heisst auch dienen»

Verantwortung übernehmen, etwas aufbauen und konsolidieren. Das zeichnet Regula Kiechle aus. Vom Brainstorming bis zur Umsetzung, dann zur Reflexion und die nötigen Anpassungen anpacken. Ja, sie tanze auf verschiedenen Parketten, kann mit dem Hilfsarbeiter ebenso reden wie mit dem Professor, ohne «everybody’s darling» sein zu wollen. Führen heisse für sie auch dienen, und sie vergleicht’s mit der Grossfamilie, wo stets das Wohlergehen des Ganzen im Zentrum stehen muss. Auch als Stationsleiterin im Spital habe sie, wenn nötig, Betten gereinigt. Was kein Widerspruch sei zu einer klaren Führung.

«Delinquenz darf sich nicht lohnen»

Ein Parkett ist der Gerichtssaal des Bezirksgerichts in ihrer Wohngemeinde Unterkulm. «Dieses Amt hatte ich schon lange im Visier», gesteht Regula Kiechle. Ihr Grossvater väterlicherseits war Friedensrichter, jener mütterlicherseits am Obwaldner Obergericht tätig. Vorher parteipolitisch nicht gebunden, liess sie sich von der FDP aufstellen und setzte sich im zweiten Wahlgang zur Bezirksrichterin durch – im ersten wollten sechs Kandidierende den Sitz des zurückgetretenen Rolf Haller erobern. Aktenstudium, Verhandlung, Urteilsfindung. Das findet sie spannend und wichtig, gehe es doch um die Ordnung in der Gesellschaft: «Delinquenz darf sich nicht lohnen.» Die Systematik bei der Pflege (Diagnostik) sei übrigens vergleichbar mit der Arbeit am Gericht, wo es auch darum gehe, alle Fakten zu berücksichtigen.

Eine spätberufene Jodlerin

Aber da ist noch das Jodeln! Und das lässt sich nicht so rational abhandeln, auch wenn bekannt sei, dass beim Singen das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet werde. Regula Kiechle erinnert sich an eine Wanderung als junge Frau, als sie auf einem Hoger das Bedürfnis überkommen habe, zu jutzen, zu jodeln. Als «ungeschliffenen Diamanten» bezeichnete der erste Dirigent sie, als sie mit Ende 30 in Gebenstorf ihre Gesangskarriere startete. Nun singt sie in Kölliken und Reitnau mit und am Zentralschweizer Jodlerfest 2009 in Dagmersellen holte sie sich als Solojodlerin prompt die Höchstnote. Eigentlich kein Wunder: Ihre Grosseltern Feierabend aus Engelberg tourten mit der Trachtengruppe bis nach London und Paris. Und eine Innerschweizer Tracht hat sie geerbt.

Die Tracht hat Regula Kiechle geerbt.

Die Tracht hat Regula Kiechle geerbt.

Zur Verfügung gestellt

«Ein Geheimnis, etwas Archaisches»

Freude, Entspannung? Regula Kiechle, die höchst eloquente Frau, tut sich schwer. Sie sucht sich die Lieder aus, die ihre Gefühle treffen. Verspieltheit? Das Eikerli, das von Ast zu Ast springt. Und sie rezitiert das Lied «Ärdeschön», das Lisbeth Arnold aus Kulmerau, Luzerner Nachbardorf des Ruedertals, geschrieben hat. «Ein Geheimnis, etwas Archaisches», schreibt sie dem Jodeln zu. Da entstehen Nähe und Vertrauen: «Jodler ziehen gmögige Leute an.»

Tautropfen am Gras, Natur, Trost in schweren Situationen. Für Regula Kiechle hat das Singen einen Sinn und einen hohen Wert. Die Frau mit einem Master in Gesundheits- und Sozialmanagement und diversen, auch juristischen Weiterbildungen, hat einst auch die Bäuerinnenschule gemacht. Im Winter geht sie mit ihrem Mann für Chemineeholz in den Wald und unterstützt ihn auch bei der Imkerei.

Regula Kiechle bei einem Jodel-Soloauftritt 2018.

Regula Kiechle bei einem Jodel-Soloauftritt 2018.

Zaneta Hochuli

In den Gemeinderat wollte sie nicht

Politische Ambitionen? Ihr Nein ist deutlich. Obwohl sie, auch mit ihrer Auftrittskompetenz, das Zeug dazu hätte. Auch hier hätte sie Vorbilder: «Meine Tante, Rosa Häcki, war die erste Obwaldner Kantonsrätin.» Man habe sie auch für den Gemeinderat angefragt. Immerhin berät Regula Kiechle die Gesundheitskommission der FDP-Fraktion des Grossen Rates. Aber selber in die Politik? «Ich bin nicht geschaffen fürs Chüderle da und dort.» Da singt sie lieber, wie am 17. Oktober, oder diskutiert am 22. Oktober über Angebote des Roten Kreuzes, bevor ein Film über einen Menschen mit Locked-in-Syndrom gezeigt wird. Beides im Theater am Bahnhof in Reinach.