Warum diese Aargauerinnen WG-Zimmer für Flüchtlinge vergeben wollen

«Wegeleben» heisst das Angebot, das Flüchtlingen «eine Tür in die Gesellschaft öffnen» soll. Das Ziel: Personen mit positivem Asylentscheid die Integration erleichtern, indem sie statt in einer Flüchtlingsunterkunft in einer WG leben.

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Sitzung am WG-Stubentisch: Sarah Groth, Sarah Benninger und Rahel Rietmann (von links) von «Wegeleben». Sandra Ardizzone

Sitzung am WG-Stubentisch: Sarah Groth, Sarah Benninger und Rahel Rietmann (von links) von «Wegeleben». Sandra Ardizzone

Aargauer Zeitung

Gesellig, günstig, gut: Das Konzept der WGs überzeugt – auch jene, denen diese Form des Zusammenlebens fremd ist.

Die vier Aargauerinnen, die Flüchtlingen einen Platz in einer Wohngemeinschaft vermitteln wollen, müssen den Afghanen, Eritreern oder Syrern zuerst einmal erklären, warum sich in ihrer neuen Heimat Menschen, die weder verwandt noch verheiratet sind, eine Wohnung teilen. Nach anfänglicher Skepsis leuchtet die Idee vielen ein; die Zahl der Interessierten ist gross.

«Wegeleben» heisst das Angebot, das seit einigen Monaten im Kanton Aargau besteht.

Das Ziel: Personen mit positivem Asylentscheid die Integration erleichtern, indem sie statt in einer Flüchtlingsunterkunft in einer WG leben.

Und ihnen auf diese Weise «eine Tür in die Gesellschaft öffnen», wie Rahel Rietmann sagt.

Die 27-jährige Kinderphysiotherapeutin ist eine der vier Kolleginnen, die das Projekt in ihrer Freizeit betreuen.

Drei von ihnen treffen sich an jenem Samstagnachmittag zur Sitzung – bei Kaffee am Stubentisch einer Ennetbadener WG.

Hier wohnt Fabienne Germanier – 27 Jahre alt, Juristin, zurzeit auf Reisen – zusammen mit der 26-jährigen Primarlehrerin Sarah Benninger. WG-erprobt sind sie alle, auch die 29-jährige Sarah Groth. Die Sozialpädagogin, die berufsbegleitend soziale Arbeit studiert, sagt: «Beide Seiten sollen voneinander profitieren können.»

Eine Berner Idee

Die Idee für «Wegeleben» stammt ursprünglich aus Bern, inzwischen gibt es Ableger in Zürich, Basel, Freiburg – und eben im Aargau, wo die Vermittlung bislang in drei Fällen geklappt hat.

Ein Blick auf die Aargauer Teilnehmer zeigt: nicht nur WGs im klassischen Sinn kommen infrage.

So lebt etwa ein junger Tibeter bei einem Vater und dessen Sohn. Ein Landsmann bei einem Paar, das ein Haus gebaut und darin viel Platz hat.

Die Erfahrungen seien sehr gut, sagen die Initiantinnen. Die jungen Männer erhalten von ihren Mitbewohnern Unterstützung im Alltag – sei dies beim Organisieren einer Schnupperlehre, beim Deutsch lernen oder beim Umgang mit Behörden. Eine Bedingung sei das aber nicht, versichern die Frauen.

Das Zusammenleben funktioniert wie in einer ganz normalen WG, mit klaren Regeln und einem Untermietervertrag.

«Vielen ist nicht bewusst, dass die Flüchtlinge auch Miete zahlen», sagt Sarah Benninger. Da das Geld dafür vom Kanton kommt, müssen die Verträge diesem vor der Unterzeichnung vorgelegt werden. Sarah Groth: «Besondere Auflagen müssen die Wohnungen nicht erfüllen, die Leute dürfen einfach nicht über den Tisch gezogen werden.» Der administrative Aufwand halte sich in Grenzen.

Das «Wegeleben»-Team führt zwei Listen: eine für Flüchtlinge, eine für Wohnungen – erstere ist deutlich länger. «Passende WGs zu finden ist die grosse Schwierigkeit», sagen die jungen Frauen, die alle in Wohngemeinschaften leben. Allerdings ohne Flüchtlinge als Mitbewohner – «der Platz fehlt».

Dennoch sind Angebote aus dem ganzen Kanton eingetroffen, doch nicht immer passen die Vorstellungen überein. Finden die Deutschkurse in Baden statt, die Wohnung hingegen befindet sich beispielsweise im Raum Aarau auf dem Land, wird der Weg bald mal zu weit, das öV-Billett zu teuer.

Ein weiteres Problem: Einige Frauen- WGs könnten sich vorstellen, eine Frau oder eine Familie aufzunehmen.

Doch die Mehrheit der interessierten Flüchtlinge sind Männer zwischen 18 und 25 Jahren. Zwei Frauen haben es trotzdem gewagt und einen jungen Syrer bei sich aufgenommen – auch dieses Zusammenleben funktioniere gut.

Wie in einer ganz normalen WG

Ein Fragebogen, den Flüchtlinge und WGs ausfüllen, soll dabei helfen, ungeeignete Kombinationen im Vorfeld auszuschliessen. Ihnen gehe es dabei auch darum, die Motivation zu spüren, sagt Benninger.

«Wir wollen verhindern, dass eine Gruppe nur kurz jemanden aufnimmt, weil sie es gerade cool findet.»

Infoblätter sollen dafür sorgen, kulturelle Missverständnisse zu vermeiden. Beim ersten Treffen sind Vertreterinnen von «Wegeleben» dabei, danach ist es den beiden Seiten überlassen, ob sie sich ein gemeinsames WG-Leben vorstellen können oder nicht.

Und wenn es doch Unstimmigkeiten gibt? «Natürlich besteht wie in jeder WG ein gewisses Risiko, dass es zu Konflikten kommen kann», sagt Rahel Rietmann.

Und Sarah Groth fügt an: «Die Mitbewohner müssen das unter sich klären. Wir können nicht Streitschlichterinnen sein.» Auch hier gilt: wie in einer ganz normalen WG.

Interessierte WGs können sich per Mail melden: aargau@wegeleben.ch