Lenzburg

Bremsen und innehalten in der Hast der Zeit

Im Mittelpunkt der traditionellen Chlausmarkt-Zusammenkunft der Ammänner und Kanzler des Bezirks Lenzburg standen die tiefsinnigen Betrachtungen des in Pension gehenden Lenzburger Stadtschreibers Christoph Moser zum Thema Zeit.

Fritz Thut
Drucken
Teilen
Bremsen

Bremsen

azNetz

Für die Gemeindeammänner und -schreiber des Bezirks Lenzburg ist der Chlaustag ein traditioneller Festtag - wenigstens ein halber. Während in den Altstadtgassen der Markttrubel verherrscht, lädt die Stadt Lenzburg die Abgesandten der umliegenden Orte sowie die Bezirksvertreter ins Burghaldenhaus zum traditionellen Jahresausklang.
Alles ist wie immer, die Abläufe scheinbar zementiert.

Und doch wars diesmal speziell. Als Referent wirkte der Ende Jahr in Pension gehende Lenzburger Stadtschreiber Christoph Moser, der den Anlass über Jahrzehnte organisiert hatte. Und die illustren Gäste lauschten seinen Gedanken zum Thema «Zeit» andächtiger und konzentrierter als manchen Ausführungen von honorigen Gastrednern in früheren Jahren.

Objektive und subjektive Zeit

Wer rund 32 Jahre in zentraler Funktion die Geschicke einer Kleinstadt mitprägt, kann einiges erzählen zum Thema Zeit. Moser machte dies mit der ihm eigenen Akribie, und auch wenn er sich bewusst «davor hütete, auf die philosophischen Überlegungen zur Natur der Zeit oder auf die Relativitätstheorie einzugehen», enthielten seine Ausführungen viel Nachdenkenswertes.

Gekonnt pendelte er zwischen den beiden Erscheinungsformen der erlebten Zeit hin und her: der objektiven oder physikalischen Zeit («das, was uns plagt im Terminkalender») und der subjektiven Zeit, der sich stets wandelnden Zeitwahrnehmung.

Erst mit der Arbeitsteilung und später erst recht mit der einsetzenden Industrialisierung wurde die Zeitmessung im heutigen Sinn Allgemeingut. In den Marktwirtschaftssystemen «spielen Zeitintervalle eine zentrale Rolle»: «Der Trend geht dabei zu einer immer intensiveren Bewirtschaftung der Zeit», hat Moser beobachtet und fügte ein aktuelles Beispiel aus Lenzburg an. Das allmähliche Verschwinden von Lagerhäusern neben Produktionsbetrieben wird durch die neue Hero-Konfitürenfabrik illustriert: Auch da kommt die Just-in-time-Fertigung zum Zug.

Schneller schreiben, mehr zu lesen

Immer muss alles schneller gehen. Nicht nur zum Vorteil von Mensch und Umwelt, wie Christoph Moser anhand von Beispielen veranschaulichte. Das Schreiben beanspruchte früher mit dem Federkiel viel Zeit; mit modernen Computern geschieht dies «in atemberaubendem Tempo».

Mit nahezu verheerenden Folgen. Denn das viele Geschriebene muss auch gelesen werden: «Haben wir damit, mit ausführlicheren Urteilen, Einsprachen und Beschwerden, Zeit gewonnen?», stellte Moser eine rhetorische Frage in den Raum.

Noch konkreter ging er auf «Der Gemeindeschreiber und die Zeit» ein. In dieser «wichtigen Scharnierfunktion sei es angezeigt, sich genug Zeit für Entscheide zu nehmen: «Der Gemeindeschreiber ist verpflichtet, bei überhasteten Prozessen zu bremsen.

Nur zu oft ist es schiefgegangen, wenn man etwas schnell durchdrücken wollte.» Diese Schlusserkenntnis des routinierten Stadtschreibers, der sich per Ende Jahr vorzeitig pensionieren lässt, lässt sich spielend in alle Gesellschaftsbereiche übertragen. Stadtammann Hans Huber fand für die Amtszeit Mosers nur lobende Worte: Immer sei alles zeitgerecht erledigt worden. Als Zeichen des Danks und der Anerkennung überreichte Huber eine Wappenscheibe.

Neuer Chlaus las die Leviten

Nach Wurstweggen und Käseküchlein warteten die Gäste gespannt auf den neuen Stadtchlaus, der in kurzweiliger Art den Gemeindevertretern die Leviten las und anhand von besonderen Vorkommnissen auch mal verbale Ruten verteilte.

Eingedeckt mit einer Lebkuchen-Schiefertafel («Maus ade», so der Chlaus) schwärmten die Gäste aus und pflegten, zuerst in der nahen «Satteltasche», später anderswo, den Erfahrungsaustausch - fernab von zeitfressendem Protokollzwang.