Möriken-Wildegg
Erst mit 21 in die Feuerwehr: «Chestenberg» möchte spätere Rekrutierung

Grosse Ausnahme: Die Feuerwehr Chestenberg der Gemeinden Möriken-Wildegg, Niederlenz und Holderbank hat genug Nachwuchs und denkt deshalb über neue Modelle der Rekrutierung nach. Konkret möchte man den Nachwuchs erst mit 21 Jahren rekrutieren.

Pascal Meier
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Mit Blaulicht und Sirene fährt das Einsatzfahrzeug beim Möriker Feuerwehrmagazin vor. Flink werden Schläuche ausgerollt, Masken angezogen und das Corpus Delicti im Keim erstickt: Wild lodernde Flammen in einer Bratpfanne.

Diese steht nicht in einer Küche, sondern draussen auf dem kalten Asphalt. Daneben zischt eine Nebelmaschine. Was die Feuerwehr im Ernstfall oft antrifft, ist an diesem Abend nur Show.

Zaungäste sind 45 junge Männer und Frauen, die an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen und in Kürze – mit 20 Jahren – Feuerwehr-Dienst leisten müssen.

Die Show an der diesjährigen Rekrutierung von vergangener Woche gefällt: Als die Flammen lodern, werden die Handys gezückt und Fotos verschickt.

Eintrittsalter 21 Jahre: Das sind die Vor- und Nachteile

Die gesetzliche Grundlage ist klar: Männer und Frauen zwischen 20 und 44 Jahren, egal ob Schweizer oder nicht, müssen in die Feuerwehr. Wer keinen Dienst leistet, zahlt Ersatzabgabe. In der Auslegung des Gesetzes sind die Gemeinden jedoch frei. Das heisst: Die Feuerwehr Chestenberg könnte den Nachwuchs auf Wunsch mit 21 Jahren rekrutieren. «Für das 20. Altersjahr müsste dann aber Pflichtersatz bezahlt werden», sagt Urs Ribi, Abteilungsleiter Feuerwehrwesen bei der Aargauischen Gebäudeversicherung. Eine spätere Rekrutierung sei zwar ungewöhnlich, könne jedoch Sinn machen: «Tatsächlich ist es leider oft so, dass bei einer Rekrutierung im Alter vor 20 Jahren bei vielen Neumitgliedern noch nicht klar ist, wie es militärisch und ausbildungsmässig weitergeht.» Zudem wechsle man oft den Wohnort, was aber nicht überbewertet werden dürfe: «Jedes neue Mitglied ist ein grosser Gewinn - egal, ob man bleibt oder sich in einer anderen Feuerwehr engagiert.» Zudem hält Ribi fest: «Auch wenn die spätere Rekrutierung mit 21 Jahren Sinn macht, sollte das nicht zur Regel werden.» Es sei möglich, dass sich die Situation wieder ändert und zu wenig Nachwuchs da sei. (pi)

Keine strenge Rekrutierung

Es ist eine tolle Show, welche die Feuerwehr dem Nachwuchs bietet. Eine Show, die Lust macht, sich in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen.

Skeptiker überzeugen will die Feuerwehr-Spitze damit aber nicht: «Wir rekrutieren niemanden, der nicht will», sagt Kommandant Guido Reijnen nach der Show – und wiederholt diese Haltung später im vollbesetzten Theorieraum im Obergeschoss des Feuerwehrmagazins: «In der Feuerwehr braucht es Einsatz und Teamgeist. Das bringt nur, wer wirklich bei uns dabei sein will.»

Damit legt die Feuerwehr Chestenberg die Dienstpflicht lockerer aus als andere Feuerwehren, die mit Nachwuchsproblemen kämpfen. Das hat seinen guten Grund: Mit rund 110 Mitgliedern liegt der Bestand der gemeinsamen Feuerwehr von Möriken-Wildegg, Niederlenz und Holderbank weit über dem Soll von 73 Personen (ohne Spezialisten).

Zudem sprudelt die Quelle des Nachwuchses: In jüngster Zeit sind jährlich jeweils 20 bis 30 Mitglieder dazugestossen. Diesem Zustrom stehen Abgänge von rund einem Dutzend Personen gegenüber.

«Wir sind in der glücklichen Lage, kein Nachfolgeproblem zu haben», fasst Guido Reijnen zusammen. Man habe deshalb das Aufgebot für die Rekrutierung locker formuliert. Kein Wunder also, dass von den 353 aufgebotenen Jugendlichen 256 der obligatorischen Rekrutierung unentschuldigt fern blieben.

Guido Reijnen schränkt jedoch ein: «Es ist möglich, dass sich die Situation bald wieder ändert und wir dann strenger werden müssen.»

Rekrutierung erst mit 21?

Weil derzeit genug Nachwuchs vorhanden ist, denkt die Feuerwehr-Spitze gleichzeitig über ein neues Modell der Rekrutierung nach.

«Eigentlich wäre es sinnvoller, den Nachwuchs erst mit 21 Jahren aufzunehmen», sagt Guido Reijnen. «Wer jünger ist, weiss oft noch nicht, wie es beruflich und schulisch weitergeht.»

Auch sei oft unklar, ob ein Umzug bevorsteht – und ob der Arbeitsplatz damit in der Umgebung liegt.

Dies ist für die Feuerwehr elementar, um genügend Leute am Tag aufbieten zu können.

Heute ist der Arbeitsort für die Feuerwehr Chestenberg bei der Rekrutierung jedoch nicht matchentscheidend. «In ein paar Jahren ist oft alles wieder anders», sagt Reijnen. So arbeitet nur jeder dritte Feuerwehrmann in der Umgebung.

Ziel mit 12 Neuzugängen erreicht

Am Schluss der diesjährigen Rekrutierung blickt Guido Reijnen zufrieden auf die Präsenzliste. Von den 45 jungen Männern und Frauen konnten schlussendlich 12 als neue Mitglieder der Feuerwehr Chestenberg rekrutiert werden.

«Unser Ziel war, heute Abend mindestens die jährlichen Abgänge zu kompensieren», sagt der Feuerwehr-Kommandant. «Damit haben wir praktisch eine Punktlandung erzielt.»

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