Meisterschwanden

«Gärtnerhaus»-Gründer Benny Stutz zieht sich zurück

Benny Stutz gibt die Leitung der Stiftung Gärtnerhaus in Meisterschwanden ab. Stutz hatte diese 1997 selber gegründet und zum zweitgrössten Integrationszentrum für psychisch Kranke im Kanton Aargau ausgebaut – trotz vieler Widerstände.

Pascal Meier
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Die Stiftung Gärtnerhaus ist in Fahrwangen stark präsent: Gründer Benny Stutz auf dem Bärenplatz vor dem Atelier «La Vie en Rose» (links),der «Gourmet Oase» (Mitte) und dem Restaurant Seetal (rechts hinten).

Die Stiftung Gärtnerhaus ist in Fahrwangen stark präsent: Gründer Benny Stutz auf dem Bärenplatz vor dem Atelier «La Vie en Rose» (links),der «Gourmet Oase» (Mitte) und dem Restaurant Seetal (rechts hinten).

Pascal Meier

Er war ganz unten. Benny Stutz kennt die Abgründe des Lebens, steckte in den 1990er-Jahren selbst in einer tiefen Lebenskrise. Er durchlebte einen Entzug, landete in der Klinik. Dort wuchs mit der Kraft der Wille, selber eine Einrichtung für psychisch kranke Menschen zu gründen.

«Vieles in der Klinik hätte man besser machen können», sagt Benny Stutz heute. Attraktivere Beschäftigungsprogramme zum Beispiel, die eine echte Herausforderung für Patienten sind. «Nur Schräubchen anziehen bringt einen nicht weiter.»

Das bietet die Stiftung Gärtnerhaus

Menschen mit einer psychischen Erkrankung sollen sich selbstständig in der Gesellschaft behaupten und integrieren können: Das hat sich die Stiftung Gärtnerhaus zum Ziel gesetzt. Das Integrationszentrum ist 365
Tage im Jahr geöffnet und nimmt Männer und Frauen im Alter von
20 bis 65 Jahren auf. Bedingung ist eine Arbeitsfähigkeit von mindestens 50 Prozent an einem geschützten Arbeitsplatz. Dieser ist Grundlage für die Betreuung im «Gärtnerhaus». Das Angebot an Arbeitsplätzen ist so vielfältig wie die Betriebe und Läden, die das «Gärtnerhaus» führt: In Meisterschwanden ist dies unter anderem der Blumenladen «La Vie en Rose», der sehr erfolgreich ist.

Am Fahrwangen Bärenplatz verkauft das gleichnamige Atelier Wohnaccessoires und erledigt Auftragsarbeiten im
Textilbereich sowie in der Schreinerei. Gleich nebenan lockt die Gourmet
Oase mit südländischer Küche. Diese wirbt mit den «feinsten Ravioli der Region». Am Bärenplatz betreibt das «Gärtnerhaus» auch das Restaurant Seetal, wo Zmorge, Znüni und Mittagessen serviert werden. (PI)

Aus diesem Impuls hat Benny Stutz 1997 in Meisterschwanden die Stiftung Gärtnerhaus gegründet und diese in den vergangenen 17 Jahren zum zweitgrössten Integrationszentrum des Kantons ausgebaut. Heute ist das «Gärtnerhaus» eine ausgewachsene KMU mit 42 Angestellten und rund 100 Betreuten, die in den eigenen Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben arbeiten.

Diese erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von 1,3 Millionen Franken. «Das spart dem Kanton viele Subventionen», erklärt Benny Stutz. «Wir legen zudem Wert auf hochwertige Arbeiten.» So gestaltet der eigene Blumenladen «La Vie en Rose» Hochzeitsdekorationen und in den Ateliers gibt es Möbel nach Mass. Seit 2001 führt das «Gärtnerhaus» das Restaurant Seetal in Fahrwangen, wo am Sonntag ein Brunch aufgetischt wird.

Das «Gärtnerhaus» ist damit in Meisterschwanden und Fahrwangen stark präsent. Zu präsent, sagen manche im Oberen Seetal, denen die ständige Expansion der Stiftung ein Dorn im Auge ist. Das zeigte sich im Herbst 2000, als die Stiftung an der Meisterschwander Röthlerstrasse fünf Häuser für betreutes Wohnen bauen wollte. Der Widerstand in der Nachbarschaft war massiv. Anwälte wurden eingeschaltet und es fielen unschöne Worte. Einige Anwohner fürchteten sich vor «Drogen und solchem Zeugs», wie eine Frau damals der Aargauer Zeitung sagte.

Mehr Auswärtige in den Läden

Mit Widerstand muss sich Benny Stutz immer wieder auseinandersetzen. «Obwohl wir sehr präsent sind, spüre ich in der Bevölkerung eine Schwellenangst.» So stehen mehrheitlich auswärtige Kunden in den Läden des «Gärtnerhauses». «Psychisch Kranke haben es in der Gesellschaft viel schwieriger als Menschen mit körperlicher Behinderung, weil man die Krankheit nicht sieht.» Oft heisse es, die seien faul. «Diese Vorurteile erschweren es, Spenden zu sammeln.»

Die Suche nach Geld war vor allem in der Gründungszeit ein ständiges Problem. Die 50 000 Franken Startkapital aus einer Spende reichten nirgends hin. Hautnah miterlebt hat das Katharina Heyer, die langjährige Präsidentin der Stiftung Gärtnerhaus. «Jeder neue Monat war ein Überlebenskampf. Benny Stutz hat es aber mit seinem starken Willen
geschafft, das «Gärtnerhaus» auf ein solides Fundament zu stellen.»

Zwei Tage in Untersuchungshaft

Der Tiefpunkt folgte dann im Sommer 2008. Plötzlich standen acht Polizisten im Büro von Benny Stutz, steckten den Computer aus und nahmen diesen mitsamt Akten mit. Stutz landete in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: persönliche Bereicherung und Zweckentfremdung von Stiftungsgeldern. Der Pionier Stutz stand am Pranger und sein «Gärtnerhaus» geriet in Verruf.

Kurz darauf fielen die Vorwürfe aber wie ein Kartenhaus zusammen und wurden zum Bumerang für das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS), das Strafanzeige gegen Benny Stutz eingereicht hatte – völlig voreilig, wie sich herausstellte. Der verantwortliche Abteilungsleiter beim Kanton wurde Knall auf Fall entlassen. Schliesslich eilte der damalige Regierungsrat Rainer Huber nach Meisterschwanden und entschuldigte sich am Rande des Spatenstichs für die «Gärtnerhaus»-Erweiterung persönlich bei Benny Stutz. Spuren hat das erstaunlich wenige hinterlassen. «Das ist abgehakt», sagt Benny Stutz heute. «Ich war unschuldig und wurde vollständig rehabilitiert.» Heute sei das Verhältnis mit dem Kanton ausgezeichnet.

Dem Ruf des «Gärtnerhauses» hat der Zwischenfall nicht geschadet. Die Warteliste ist heute ellenlang. Derzeit leben 66 Menschen in einem der elf Häuser, die in Meisterschwanden und den Nachbargemeinden Fahrwangen und Sarmenstorf stehen. Eine weitere Wohngruppe wird in Kürze an der Fahrwanger Bahnhofstrasse im früheren Pfarrhaus eingerichtet. Dann soll für einige Zeit Schluss sein mit Expansionen. «Wir können nicht ständig wachsen, es braucht jetzt eine Zeit der Konsolidierung», sagt Benny Stutz. «Wir müssen den Bewohnern auch genügend Arbeitsplätze anbieten können.»

Stutz plant ein letztes Projekt

Damit werden Benny Stutz und seine Mitarbeiter auch in Zukunft Menschen abweisen müssen. Menschen in Not. Das ist für Stutz jedes Mal ein grosser Stich ins Herz, wie Katharina Heyer sagt. «Er hat ein unendlich grosses Mitgefühl für Menschen in Bedrängnis und möchte jedem eine Chance geben.» Der Pioniergeist, den Benny Stutz zudem im «Gärtnerhaus» bewiesen hat, werde schwer zu ersetzen sein.

Genau dieser Herausforderung muss sich die Stiftung nun stellen. Benny Stutz, inzwischen 70 Jahre alt, zieht sich langsam aus dem Tagesgeschäft zurück, die Stelle des
Stiftungsleiters ist seit kurzem ausgeschrieben. «Ich spüre eine gewisse Müdigkeit und möchte einen geordneten Wechsel ermöglichen», sagt Stutz. Ganz abmelden wird er sich aber nicht: Benny Stutz – immer noch ganz der Pionier – will nebenamtlich nochmals ein Projekt umsetzen: Betreutes Wohnen für psychisch kranke Menschen im Pensionsalter. «Hier sehe ich noch viele Möglichkeiten, etwas zu bewegen.»