Leutwil
Der Gemeinderat Leutwil steckt wegen eines Baugesuches in der Klemme

Wegen einer möglichen Interessenkollision sind bei einem Baugesuch zwei von vier Gemeinderäten im Ausstand. Jetzt brauchts einen «Temporären».

Urs Helbling
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Die Baurpofile für den neuen Milchviestall von Bauer Werner Scheurer im Gebiet «Bodenacker» südlich des Dorfkerns von Leutwil.

Die Baurpofile für den neuen Milchviestall von Bauer Werner Scheurer im Gebiet «Bodenacker» südlich des Dorfkerns von Leutwil.

Urs Helbling

Der Gemeinderat Leutwil sorgte in den letzten Jahren immer wieder für Überraschungen. Er ist seit den Gesamterneuerungswahlen im Herbst 2017 vollständig neu besetzt worden – und ein Sitz ist im Moment vakant. Aber an einen Vorgang, wie er sich jetzt ereignet, mögen sich selbst langjährige Beobachter der Gemeindeszene nicht zu erinnern. Im Fall eines Baugesuches ist der Gemeinderat nicht mehr verhandlungsfähig. Zwei Mitglieder sind im Ausstand. Weil die restlichen zwei zu wenig sind (es müssen drei sein), «wird ein Stimmberechtigter der Gemeinde Leutwil aufsichtsrechtlich als ausserordentliches Mitglied des Gemeinderates für die Behandlung des Geschäftes eingesetzt», hiess es Donnerstag im «Bezirks-Anzeiger». Also ein temporärer Gemeinderat auf dem Berufungsweg. Seine Rekrutierung ist im Gang. Was sind die Hintergründe dieser einzigartigen Situation? Seit Freitag liegt ein Baugesuch von Walter Scheurer öffentlich auf. Der Landwirt ist 56-jährig. Seit letztem Jahr betreibt er den im Dorfkern gelegenen Hof in Generationengemeinschaft mit seinem 28-jährigen Sohn. Dieser soll den Betrieb dereinst ganz übernehmen, wenn Scheurer das ordentliche Pensionsalter erreicht hat.

Zwei Hochsilos damit wenig Land verbraucht wird

Die Scheurers sind der Überzeugung, dass ihr heutiger Hof in der bestehenden Form keine Zukunft hat. Darum wollen sie «siedeln», einen Teil des Betriebs (nicht die Wohnungen) aus dem Dorfkern in die Landwirtschaftszone «Bodenacker» verlegen – etwa 200 Meter südlich des Siedlungsgebietes im Dorfkern. Gleichzeitig soll der Betrieb teilweise neu ausgerichtet werden: weg vom Pflanzenbau, hin zu mehr klassischer Milchwirtschaft. Statt wie heute 17 wollen sie neu 60 Kühe halten. Der Hof ist mit 50 Hektaren vergleichsweise gross. «Wir können das benötigte Futter selber produzieren», erklärt Scheurer.

Für die teilweise Verlegung und den Umbau des bestehenden Ökonomieteils an der Dorfstrasse in einen Jungviehstall (mit grösserem Heustock) will Scheurer Grössenordnung 1,5 Millionen Franken investieren. Damit sollen nicht nur die Voraussetzungen für den Generationenwechsel geschaffen, sondern auch etwas für das Tierwohl getan werden. «Darauf legen wir grossen Wert», erklärt Scheurer. Im neuen Stall werden die Tiere nicht mehr angebunden sein (wie bisher), sondern können frei herumlaufen. Der Landverbrauch für das Gebäude soll klein sein. «Wir wollen möglichst wenig Fruchtfolgeflächen verbetonieren», sagt Scheurer. Das gehe nur mit zwei 25 Meter hohen Silos, sogenannten Hochsilos. Würde man drauf verzichten, bräuchte es beispielsweise Platz für etwa 1000 Siloballen.

Gemeinderäte wohnen in Sichtweite des Projektes

Scheurer ist sich bewusst, dass die Hochsilos zu Diskussionen Anlass geben können. Und er weiss, dass im Dorf schon eifrig darüber gesprochen wird. Schliesslich stehen die Bauprofile seit Mitte März. Scheurer, der selber zwölf Jahre lang Gemeindeammann war (bis 2017), wundert sich, dass es zwischen dem Einreichen des Baugesuches und seiner Publikation so lange dauerte. Über die Gründe der Verzögerung sei er nach persönlicher Nachfrage erst ganz am Schluss informiert worden. Es ging um Abklärungen im Zusammenhang mit der Befangenheit von zwei Gemeinderatsmitgliedern. Der Gemeindeammann und eine Gemeinderätin wohnen in Sichtweite des Neubaus. Sie sind also zur Einsprache berechtigt und darum schon jetzt im Ausstand. Denkbar wäre auch gewesen, dass sie sich erst beim Entscheid über die Baubewilligung zurückgezogen hätten – dies umso mehr, als bei derartigen Bauvorhaben faktisch die kantonale Verwaltung über die Bewilligung entscheidet.

Scheurer hofft, sein Projekt für eine moderne Landwirtschaft durchzubringen. Und was passiert im Fall von Widerstand? «Ich rechne damit, dass es Einsprachen gibt», sagt Scheurer und betont: «Wir sind gesprächsbereit.»

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