Lenzburg

Nach fünf Generationen ist Schluss - «Hächler hat viele Spuren hinterlassen»

Nahezu 200 Jahre Gewerbetradition gehen zu Ende. Schon bald verschwindet die Schreinerei Hächler aus dem Stadtbild. Der letzte Patron, Arnold «Bütz» Hächler, stöbert im Archiv des Familienbetriebes.

Ruth Steiner
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Im Metallkoffer hat Bütz Hächler ein Foto seines Urgrossvaters und historische Dokumente aufbewahrt. Chris Iseli

Im Metallkoffer hat Bütz Hächler ein Foto seines Urgrossvaters und historische Dokumente aufbewahrt. Chris Iseli

Chris Iseli

Betrieb geschlossen, Liegenschaft im Stadtgässli verkauft. Schon bald verschwindet die altehrwürdige Schreinerei Hächler ganz aus dem Stadtbild: An Stelle des fast 200 Jahre alten Gebäudes kommt ein neues Wohn- und Gewerbehaus zu stehen (siehe Planskizze). Zurück bleibt einzig die Erinnerung an einen einst stolzen Familienbetrieb. Fünf Generationen Hächler hatten das Schreiner-Gewerbe auf- und ausgebaut und betrieben. Der letzte war Arnold Hächler – oder «Bütz», wie ihn alle rufen, die ihn kennen.

Neues Wohn- und Geschäftshaus im Stadtgässli Die Planskizze zeigt die Südfassade des geplanten Neubaus rechts neben dem Hotel-Restaurant Ochsen. Gegen das Baugesuchder AFW Wohnbau AG, Buchs, sind Einwendungen eingegangen. Das Verfahren ist noch im Gang

Neues Wohn- und Geschäftshaus im Stadtgässli Die Planskizze zeigt die Südfassade des geplanten Neubaus rechts neben dem Hotel-Restaurant Ochsen. Gegen das Baugesuchder AFW Wohnbau AG, Buchs, sind Einwendungen eingegangen. Das Verfahren ist noch im Gang

Zur Verfügung gestellt

Der 71-Jährige ist kein Kind von Traurigkeit. Dass es keine 6. Generation Schreinerei Hächler gibt, ist dem Lauf der Zeit geschuldet. Hächlers Söhne sind eigene Wege gegangen, der Vater hat dies akzeptiert. Dies ganz im Gegensatz zu ihm, der keine andere Wahl hatte, als in den Familienbetrieb einzusteigen. Sein Bruder wollte nicht, die Schwester kam nicht infrage.

«Vater hat nie geredet. Es war einfach klar, dass ich übernehme. Dafür hat Vater mich aus- und weiterbilden lassen.» Während er spricht, gestikuliert er mit den Händen, lacht und nickt bestätigend mit dem Kopf. Viel lieber, als «in Trauer zu versinken über Dinge, die so sind, wie sie sind», schaut Bütz Hächler auf das Lebenswerk seiner Vorfahren und sein eigenes zurück.

Er sei stolz darauf, sagt er. «Einen zweiten so alten Betrieb muss man weit suchen in Lenzburg.» Fast zweihundert Jahre lang hat Familie Hächler geschreinert, so lang wie kaum ein anderer in der Region. «‹De Hächler› hat viele Spuren hinterlassen in der Stadt», hält Bütz Hächler fest. Tatsächlich: Es gibt kaum ein Haus, in welchem nicht Möbelstücke, Parkettböden, Täfer oder Türen aus der Familien-Schreinerei stammen.

200 Jahre im Metallkoffer

Heute haben die zwei Jahrhundert Firmengeschichte in einem modernen Leichtmetall-Koffer Platz. Hier hat Bütz Hächler alles über Vergangenheit aufbewahrt, was ihm lieb und teuer ist. Die restlichen Zeitdokumente hat er dem ortsbürgerlichen Museum Burghalde geschenkt.

Im Koffer befindet sich, goldfarben gerahmt, das Porträtbild seines Urgrossvaters Rudolf, in dessen Zeit Ende des 19. Jahrhunderts der Betrieb zur Blüte gewachsen ist. Und grosse, dicke Bücher, die vergilbten Blätter fein säuberlich mit Tinte in der alten deutschen Schrift beschrieben. Bis auf die Zahlen ist das schwungvolle Gekritzel kaum zu entziffern.

Bilanzen sind es, die zurückgehen bis in die Anfänge des Betriebes. Und Rechnungen sind darunter, ebenfalls handgeschrieben. «Darin stöbern ist erlaubt», sagt Bütz Hächler. Ein schlankes langes Blatt datiert vom 3. Juli 1891. Bezeichnet ist es als «Rota», wie Fakturen früher genannt wurden. Das «R» ist schön geschwungen und reich verziert.

Adressat ist die damalige Waffenfabrik Hämmerli in Lenzburg. «In der Schreinerei wurden Gewehr- und Pistolenschäfte gefertigt», weiss Bütz Hächler. Das Waffenzubehör fand Abnehmer bis nach Süddeutschland. Ein Rätsel sei es, wie man es zu diesem Auftrag gekommen sei. «Das ist mir heute noch schleierhaft», sagt Hächler und schüttelt dabei leicht den Kopf.

Auch das nächste Papier, das Bütz Hächler aus seinem Koffer zieht, ist etwas vergilbt. Eine weitere Rechnung, doch ganze drei Jahrzehnte jünger. Datiert vom 7. Mai 1932, bereits mit Schreibmaschine getippt und somit für das heutige Auge gut leserlich. Adressat ist Herr Deutsch-Ammann, der eine komplette Wohnzimmer-Ausstattung bestellt hat: ein währschaftes Büffet, einen Auszugstisch, sechs Stühle, ein Fauteuil und ein Kanapee zum Ausziehen. Aus bestem Nussbaum gefertigt. Der Kunde aus Aarau bezahlte dafür 3623.50 Franken. Viel Geld für die damalige Zeit.

Die Schreinerei Hächler genoss einen guten Ruf in der Stadt. Alt Stadtschreiber Christoph Moser bestätigt: «Hächler war ein renommierter Betrieb. Bütz’ Grossvater Alfreds Initiative verdankt Lenzburg die gesamte Inneneinrichtung im Stadtratssaal, die in massivem Eichenholz gefertigt ist. Er war in den 30er- und 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Stadtrat.»

In den besten Jahren des Betriebes fanden rund zwanzig Mitarbeiter ein Auskommen beim «Hächler». Als Bütz Ende der 70er-Jahre die Schreinerei von seinem Vater übernahm, waren neun Leute beschäftigt. Drei davon Lernende. Er habe gerne mit jungen aufstrebenden Berufsleuten gearbeitet, sagt der letzte Patron. «Ich habe vielen Jungen eine Chance gegeben, sie frisch von der Lehre angestellt und zu richtigen Schreinern ‹geschliffen›», sagt er und schmunzelt.

Dann schweigt er einen kurzen Moment, senkt den Kopf und spricht von den Höhen und Tiefen, welche die Schreinerei erlebt hat. «Kleinbetriebe wie wir waren stets auf Gratwanderung. Wenn wir ein bis drei grosse Aufträge pro Jahr an Land gezogen haben, gab es ein positives Jahr. Wenn nicht, hat die Bilanz weniger rosig ausgesehen.»

Für Bütz Hächler waren «die 80er-Jahre die strübsten». Die Belastung sei sehr hoch gewesen mit dem Betrieb, dem Militär, wo er eine Kompanie geführt habe, und als Pikettchef der Feuerwehr Lenzburg. «Das war zeitweise sehr belastend.» Zum Glück sei der Vater lange Zeit noch immer wieder eingesprungen, wenn Not am Mann war.

Als klar war, dass keiner seiner Söhne in seine Fusstapfen tritt, hat Hächler den Betrieb über Jahre hinweg sukzessive verkleinert.

Die Geschichte der «Hächlers»

1846 war es, als Alfred Hächler im heutigen Nähcenter Dössegger AG an der Kirchgasse eine kleine Werkstatt eröffnete. Die Geschäfte müssen sich gut angelassen haben. Bereits dreizehn Jahre später – im Jahre 1859 – wurde das Bauernhaus im Stadtgässli erworben und in den neuen Geschäftssitz umgebaut. 1911 und 1942 wurde er erweitert.

Wenn jetzt bald die Bagger auffahren, verschwinden die letzten Zeugen von fast zwei Jahrhunderten Lenzburger Gewerbegeschichte. Das auf dem Grundstück geplante neue Geschäfts- und Wohnhaus schlägt ein neues Kapitel auf.