Niederlenz
Sie wuchsen mit dem «Bahnhöfli» auf: Nun haben sich die Kinder von damals wieder gefunden

An einer Ausstellung über das «Bahnhöfli» Niederlenz sind viele Erinnerungen wieder lebendig geworden. Für die az erinnern sich ehemalige Zeitzeugen an das traditionsreiche Bahnhofsgebäude zurück.

Isabelle Schwab
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Drei Felder-Schwestern vor ihrem ehemaligen Zuhause, dem Bahnhof Niederlenz, von links Margrith Schlosser-Felder, Heidi Wermelinger-Felder, und Marlen Felder.

Drei Felder-Schwestern vor ihrem ehemaligen Zuhause, dem Bahnhof Niederlenz, von links Margrith Schlosser-Felder, Heidi Wermelinger-Felder, und Marlen Felder.

Isabelle Schwab

90 Jahre lang wurde der Bahnhof Niederlenz von den SBB angefahren. In dieser Zeit haben sich acht Bahnhofvorstände mit Kind und Kegel um den Bahnverkehr gekümmert. Auch wenn der Bahnhof seit 1984 ausser Betrieb ist, leben die Erinnerungen an seine aktiven Zeiten durch die Kinder vom Bahnhof Niederlenz weiter.

«Der Bahnhof war mein Reich», erinnert sich Marlen Felder. Als ihr Vater, Eduard Felder, 1963 zweitletzter Vorstand des Bahnhofs Niederlenz wurde, war sie noch ein kleines Mädchen. Zusammen mit ihren Schwestern hat sie es sehr genossen, im Mittelpunkt des Dorfes zu wohnen. «Alle Kinder sind zum Bahnhof gekommen, um mit uns zu spielen», erzählt sie strahlend.

Ein Bild aus der Kindheit.

Ein Bild aus der Kindheit.

ZVG EJJ

Am schönsten aber seien für sie die Wochenenden gewesen. «Denn dann durften wir in den Güterschuppen mit den Wagen herumfahren. Manchmal kam auch eine Lieferung Brieftauben, die wir freilassen durften.» 50 Jahre lang hatte sie keinen Kontakt mehr zu Niederlenz. Jetzt, wo sie zurückgekehrt ist, kommen auch die Erinnerungen wieder.

Dorfgeschichte festhalten

Unter den Niederlenzer Kindern, die am Bahnhof mit den Felder-Schwestern spielten, waren auch Elsbeth und Ernst Jufer. Sie wohnten nur 50 Meter vom Bahnhof entfernt.

Jimmy, wie Ernst Rufer im Dorf genannt wird – den Übernamen bekam er, nachdem er, wie sein Vater, ebenfalls Ernst Jufer, in die Musikgesellschaft eingetreten war – wohnt noch immer dort. Er fühlt sich mit Dorf und Bahnhof verbunden und setzt viel daran, dass das Wissen um die Geschichte von Niederlenz nicht verloren geht.

Jimmy Jufer hält in Bildern und Worten das, was er weiss, auch auf einer eigenen Website fest. Denn das Dorfbild verändert sich noch heute stetig. Und wo er früher direkte Sicht auf den Bahnhof hatte, steht nun ein Haus dazwischen.

Nur wenn er in den Estrich hinaufsteigt, kann er den gelben Sonnenschirm sehen, der heute vor dem Restaurant Bahnhöfli steht. Doch das macht ihm nichts aus. Er ist froh, dass der Bahnhof noch steht. Vielerorts, so erzählt er, wurden die alten Gebäude abgerissen.

Bahnhof Niederlenz: Eine Weiche steht noch

Das Bahnhöfli wurde nach seiner Schliessung zu einem Restaurant umgebaut. Rolf Baumann und seine Frau bedienen Gäste seit vielen Jahren im Güterschuppen und leben im anliegenden Wohnhaus. Der Wartesaal wurde dabei zur Nähstube.
Hinter dem Haus steht als eines der wenigen Überbleibsel noch eine Weiche, die das Gleis ins Industriegebiet bediente. (iss)

Nicht so das Bahnhöfli in Niederlenz. Immerhin war sein Bau und vor allem auch der Bau der Bahnlinie Richtung Wildegg ein Kraftakt sondergleichen. Am 25. Mai 1895 begannen die Arbeiten, in deren Zuge 55'000 Kubikmeter Erde – damals noch in Handarbeit – ausgehoben wurden, um die Gleise setzen zu können.

Schon am 1. Oktober desselben Jahres wurde die Bahn in Betrieb genommen. Mit «Evviva» wurde sie von den italienischen Gastarbeitern bejubelt, mit einem langen lauten Pfiff verabschiedete sie sich dann 1984 wieder. Doch die Erinnerung daran bleibt, zumindest für Ernst Jufer, denn er hat das Ereignis auf Tonband aufgenommen.

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