Beinwil am See

Spektakuläre Rettungsaktion: Schiefes Haus am Hallwilersee gerettet

In Beinwil am See ist ein Einfamilienhaus über einen halben Meter im Boden versunken. Um noch Schlimmeres zu verhindern, haben die Besitzer jetzt gehandelt: Das rund 900 Tonnen schwere Haus wurde vom Fundament getrennt, angehoben und aufgerichtet – ein Kraftakt vieler Profis.

Pascal Meier
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Schief: So zeigte sich das Haus vor den Bauarbeiten im April 2017. Ein Teil des Hauses versank 56 Zentimeter im Boden
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Das Haus wird mit Hydraulikwinden aufgerichtet
Die Kontrollzentrale
Die Steuerung der Hydraulikwinden
Alles wird genau kontrolliert
Grosse Presse
Das schiefe Haus von Beinwil am See wird aufgerichtet
Mehrere Pressen
Das Haus wird angehoben
Balkon und Treppe in luftiger Höhe
Das angehobene Haus bei Nacht
Die Tür zum Haus liegt jetzt einiges höher
Ausgefahrene Presse
Absicherung
Das Haus liegt nahe am See
Anspruchsvolle Arbeit
Jetzt ist alles exakt im Lot

Schief: So zeigte sich das Haus vor den Bauarbeiten im April 2017. Ein Teil des Hauses versank 56 Zentimeter im Boden

Im Haus neben der Schiffsanlegestelle von Beinwil am See wanderten Spiegeleier lange Zeit wie von Geisterhand geschoben an den Rand der Bratpfanne. Eine Ecke des Einfamilienhauses versank über mehrere Jahrzehnte immer mehr im Boden, Ende Jahr massen Experten eine Differenz von 56 Zentimeter. Bei Ausflüglern am Hallwilersee ist das Haus zwischen Seehotel Hallwil und Bootswerft Männich als «das schiefe Haus von Beinwil am See» bekannt.

Jetzt steht das weisse Einfamilienhaus kerzengerade am See. Das Besitzer-Ehepaar hat ihr Haus aufrichten lassen. Die Bauarbeiten sorgten für viel Aufsehen: Eine Spezialfirma versenkte unter und neben dem Haus 27 Pfähle mit einem Durchmesser von bis zu 1,5 Metern. Die Pfähle reichen 15 Meter tief in den Boden. Das Fundament war damit abgestützt. «Der zweite Teil der Bauarbeiten war noch spektakulärer», sagt der Hausbesitzer bei einem Besuch auf der Baustelle. «Experten trennten unser Haus vom Fundament, hoben es bis zu 80 Zentimeter in die Höhe und stellten es senkrecht.»

Federführend war die Innerschweizer Firma Iten, die 2012 in Zürich Oerlikon ein 6200 Tonnen schweres Verwaltungsgebäudes um 60 Meter verschoben hatte. Auch in Beinwil am See klappten die aufwendigen Arbeiten ohne grössere Probleme. Nichts ging kaputt, als 20 Hydraulikwinden das 900 Tonnen schwere Haus anhoben. «Es war wie im Lift», ergänzt die Haus-Besitzerin, die während der zweitägigen Aktion mit ihrem Mann im Haus wohnte.

Derzeit wird nun die Lücke zwischen Fundament und dem angehobenen Haus geschlossen und zugemauert. Auch die Leitungen werden wieder verbunden. Vor allem auf Letzteres hat das Ehepaar gewartet: Während der Hauptphase der Bauarbeiten hatten sie weder Strom, Heizung noch Wasser. Das Ehepaar schlief oft auswärts.

Baudirektor Attiger schaut vorbei

Die Besitzer wussten seit mehreren Jahren, dass sie irgendwann handeln müssen, um ihr Haus zu retten. Der Untergrund so nah am See ist nicht ideal, beim Bau des Hauses 1935 rechnete man deshalb mit jährlichen Absenkungen im Millimeterbereich. Vor knapp 40 Jahren kaufte das Ehepaar das Haus – und wurde überrascht: Die Absenkung beschleunigte sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch.

Sank das Haus vor 2006 um mehrere Millimeter pro Jahr, waren es plötzlich mehrere Zentimeter. Es gab Schäden, unter anderem an Leitungen. Versuche, das Fundament abzustützen, scheiterten. Das Haus geriet immer mehr in Schieflage. Ursache ist vermutlich eine defekte Meteorwasserleitung der Gemeinde, die wegen Bewegungen im Boden leckte. So floss viel Wasser in den Boden unter dem Haus.

Das Ehepaar wollte deshalb das Haus abreissen und neu aufbauen. Das Haus steht jedoch in der Schutzzone vom Hallwilersee. Hier darf nichts Neues gebaut werden. Sogar Baudirektor Stephan Attiger kam an den Hallwilersee und besprach die Situation mit den Eigentümern in deren Garten. Sie sicherten Attiger zu, das neue Haus exakt gleich wie das alte zu bauen. Ohne Erfolg. Gesetz ist Gesetz.

Wasserleitung mitschuldig?

Das Ehepaar musste sich entscheiden: Das Haus an der einmaligen Lage am See aufgeben oder stabilisieren. Sie entschieden sich für den zweiten, viel teureren Weg. «Hier ist unser Zuhause», sagt der Ehemann.

Glück im Unglück: Die Haftpflichtversicherung von Beinwil am See beteiligt sich mit einem grösseren Betrag an der Sanierung. Laut einem aufwendigen geologischen Gutachten hat vermutlich die defekte Meteorwasserleitung das Absinken des Hauses mitverursacht. In welcher Grössenordnung, konnte nicht geklärt werden. «Wir haben den Fall deshalb unserer Haftpflichtversicherung gemeldet», sagt Ammann Peter Lenzin. Die Gemeinde trage den Selbstbehalt von 5000 Franken. «Die Wasserleitung ist nicht Teil der Vereinbarung und wird später repariert», so Lenzin.

Die beiden Besitzer zählen derweil die Tage, bis sie nicht mehr auf einer Baustelle wohnen müssen. Die grössten Bauarbeiten sind im Mai abgeschlossen. Wie fühlt es sich an, nach vielen Jahren plötzlich in einem ebenen Haus zu leben? «Gewöhnungsbedürftig», sagt die Ehefrau. «Ich habe nun das Gefühl, die Räume seien schräg.»

Reparatur wird teuer

Beinwil am See will die defekte Meteorwasserleitung beim Schiffsteg reparieren. Das austretende Wasser beschädigt auch die Seestrasse. 2013 hatte die Gemeindeversammlung 600 000 Franken für die Reparatur der Leitung bewilligt. In der Detailplanung hat sich aber herausgestellt: Das Projekt ist wegen des instabilen Untergrunds komplizierter und wird teurer. Der Gemeinderat beantragt deshalb an der nächsten Gemeindeversammlung einen Zusatzkredit. «Wir möchten im Herbst mit den Bauarbeiten beginnen», sagt Gemeindeammann Peter Lenzin. (pi)