Lenzburg / Niederlenz

Wurde im Boll Kalk für Burgenbau und Pestleichen gebrannt?

Wenn Spuren der Vergangenheit vernichtet, verwachsen, verschollen, vergessen und verloren sind: Flurnamen zeugen immer noch davon. Sie sind ein untrügliches Indiz dafür, was hier einmal war. Zwei Beispiele.

Heiner Halder
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Willi Bürgi von der «Lenzia»-Kommission: «Der Mörtel wurde für den Bau von Schloss und Altstadt gebraucht.»

Willi Bürgi von der «Lenzia»-Kommission: «Der Mörtel wurde für den Bau von Schloss und Altstadt gebraucht.»

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Im Lenzburger Waldteil Boll, nahe der Grenze zu Niederlenz, standen einmal Kalkbrennöfen. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, doch in alten Urkunden und auf Karten taucht der Flurname «Kalkofen» gelegentlich auf. Im Zusammenhang mit dem Waldinformationsprojekt der Forstdienste Lenzia stiess Willi Bürgi, Präsident der Landschafskommission Niederlenz, auf historische Details, die belegen, welch wichtigen Stellenwert diese Öfen einstmals hatten. Nun ist der Posten 10 des auf Leporellos, Karten und im Internet aufgezeichneten Rundgangs mit Informationen aufgewertet worden. Anno 1935 zeichnete der damalige Kantonsarchäologe Reinhold Bosch in seinem Notizbüchlein seinen Fund am Strassenbord auf. Nun stellt sich die Frage, ob schon die alten Römer hier Kalk brannten. Sie kannten diese Technik und nicht von ungefähr sind die mutmasslich drei bis fünf Kalköfen nahe beim römischen Theater erstellt. Allerdings verschwand das Handwerk wieder und kam erst im 12. Jahrhundert wieder auf.

Heutige Archäologen datieren die Lenzburger Kalköfen eher als nachrömisch ein. Bürgi sagt: «Spekuliert wird, dass die Bauten des römischen Vicus als «Rohstoff» für Kalksteine dienten, als Mörtel verarbeitet für die Erstellung von Schloss und Altstadt von Lenzburg gebraucht wurde.» Es könnte sogar sein, dass man die Leichen der Pest mit Kalk aus den Öfen im Boll desinfizierte. Fest steht, dass es 1535 den Kalkofen gab: Am 11. September 1535 hielt Obervogt Sulpitius Haller vor Ort einen Augenschein und fällte den für Niederlenz folgenschweren Schiedsspruch, dass ihnen der Weidgang im Lenzburger Boll künftig verwehrt wurde.

Der Seetaler «Bahnhof» im Wald

Im Niederlenzer Länzert am Seetalgrubenweg steht ein alter Grenzstein, welcher an die Blütezeit der Seetalbahn (STB) erinnert. Dieser Zeitzeuge wurde von Willi Bürgi von Laub bedeckt neben einem Baum liegend entdeckt. «Die nachgezeichneten Initialen STB zeugen davon, dass damals hier im Wald eine Kiesgrube von grosser Bedeutung war», sagt Bürgi. So gross, dass sogar ein eigener «Bahnhof» für den Kiesumsatz erstellt wurde, wie ein Luftbild von 1917 beweist. Die Delle ist heute noch erkennbar, dies im Gegensatz zur benachbarten Ortsbürger-Kiesgrube von Niederlenz.

Willi Bürgi erzählt, dass zwischen Gemeinde und Seetalbahn 1911 betreffend die Konkurrenz-Kiesgruben ein Rechtsstreit entstand, welchen die STB verlor. Zur Strafe liessen diese einen wichtigen Zug in Niederlenz nicht mehr anhalten, was damals eine Taktlücke von mehreren Stunden bedeutete. Die SBB brauchte die Grube nicht mehr, und sie wurde als Schiessplatz für die Jäger und als Schlammweiher genutzt und 1983 aufgeforstet. Mit der Bezeichnung «Seetalgrubenweg» und dem Markstein-Denkmal wird an jene Zeit erinnert.