Schöftland

Dieser Aargauer hat das Jonglieren vor Jahren an den Nagel gehängt – nun hat es ihn wieder gepackt

Jongleur Benjamin Küttel aus Schöftland sattelte vor 15 Jahren auf einen sicheren Job um. Nun packt ihn das Fieber erneut. Vor kurzem hat er das Unternehmen Wirf und Fang gegründet.

Flurina Dünki
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Er wirft sie nicht nur ...
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... er fängt die Keulen auch wieder: Benjamin Küttel.
Der Schöftler Artist führt AZ-Redaktorin Flurina Dünki in die Kunst des Jonglierens ein.
Schöftler Jongleur Benjamin Küttel

Er wirft sie nicht nur ...

Chris Iseli

Manche Schüler arbeiten beim Schulhaus-Putz mit, um ihr Taschengeld aufzubessern. Andere mähen den Rasen des Nachbarn oder helfen im Supermarkt aus. Benjamin Küttels Arbeitsort waren grosse Plätze in Stadtzentren. Sein Arbeitsgerät: mit Sand gefüllte Bälle.

«Als ich das zum ersten Mal machte, war ich 14. Ich habe einfach mal drauflos jongliert und tatsächlich warfen die Leute Geld in den Hut», sagt der heute 40-Jährige. «Mit der Zeit wusste ich, welche Jongliertricks am besten bei den Leuten ankommen, bei welchen Kunststücken sie stehen bleiben oder applaudieren.»

Und noch etwas lernte der eifrige Jungjongleur bei seinen ersten Auftritten: Wie man die Konfrontation mit der Gewerbepolizei vermeidet. In Bern, seiner bevorzugten Arbeitsstätte, zirkulierte er nach der ersten Begegnung mit dem Polizisten zwischen den stark frequentierten Plätzen. «Wechselte ich öfter mal den Ort, durfte ich auch ohne offizielle Genehmigung jonglieren» – eine wichtige Lektion fürs Artistenleben.

Werfen und Fangen

Heute gibt Küttel sein Können und Wissen an andere weiter. Vor kurzem hat er an seinem Wohnort Schöftland, wo er aufgewachsen und später wieder hingezogen ist, sein Unternehmen Wirf und Fang gegründet. Dieses bietet Verkauf und Workshops mit «allem, das man werfen und fangen kann», so der Slogan.

Werfen und fangen lässt sich so manches, wie der Neu-Unternehmer demonstriert. Nicht nur Bälle, Keulen und Ringe tanzen in seiner Stube durch die Luft. Er findet sein Material schon mal im Kühlschrank, jongliert mit Eiern, Kohlrabi und einer Getränkedose oder integriert seine Hausschuhe ins Jonglier-Set.

Wo hat er Jonglieren gelernt ? «In den Schulpausen, von einem Klassenkameraden. In jeder Pause klappte es ein bisschen besser.» Doch ein simpler Pausenspass sollte die Jonglierkunst nicht bleiben. Der Teenager wälzte Theoriebücher, besuchte Jonglierfestivals. «Machte jemand ein Kunststück, das ich selber noch nicht kannte, ging ich auf die Person zu und liess es mir zeigen. Der Rest ist üben, üben, üben.»

Die ersten Auftritte als Strassenkünstler zeigten, dass er mit seinem Lieblingshobby sogar Geld verdienen konnte. «Ich wusste: Das will ich machen.» Er schrieb sich an der Comart-Schule in Zürich ein, die ihn zum Schauspieler ausbildete – Jongleur, Akrobat und Einradfahrer inklusive.

Mittlerweile hatte er sich neben den Auftritten noch zwei weitere Einkommensquellen geschaffen. Er unterrichtete beim bekannten Kinderzirkus Robinson in Zürich und hatte seinen eigenen kleinen Handel mit Jongliermaterial. «Ich wurde immer wieder gefragt, wo ich meine Bälle und Keulen kaufe, und verwies sie an Freunde. Bis ich auf die Idee kam, ich könnte das Material doch auch verkaufen.»

Längst trat er nicht nur auf dem Berner Bärenplatz auf. Er ging in der Gruppe auf Kleinkunst-Tournee, wurde gebucht für Geburtstage und Messen. «An dieser einen Messe wollte ich einen Handstand machen, als jemand mit einem Tablet voller Gläser um die Ecke kam.» Das Resultat: ein Scherbenhaufen.

Der Publikumskreis wurde grösser, die Nummern raffinierter. Eine Jongliernummer, das sei eine Geschichte, die man vorher präzise einstudiere. Ausserdem müsse sie komische Situationen für jedes Alter beinhalten: «Für die Erwachsenen muss man raffinierte Pointen einbauen. Kinder hingegen lachen vor allem, wenn wir hinfallen oder so tun, als ob wirs nicht auf den Sitz des Einrads schaffen.»

Die jonglierende Familie

Das Kinderlachen ist es denn auch, das Küttel bei einem Auftritt am meisten Freude bereitet. «Kinder lachen auf der ganzen Welt über dieselben Sachen, egal, ob man in Amsterdam auf der Strasse oder im Luxushotel in St. Moriz auftritt.» Als junger Schauspielabsolvent wusste er noch nicht, dass er später gleich vierstimmiges Kinderlachen um sich haben würde.

Seine Frau Alexandra brachte vor sieben Jahren drei Söhne und ein Töchterchen in die Ehe mit, die heute zwischen 13 und 21 Jahre alt sind. Und ja, alle hätten jonglieren gelernt. Freiwillig, versteht sich. Mit Zwang funktioniert das nicht, das weiss der Lehrmeister.

Seine Frau heiratete jedoch nicht Benjamin, den Berufsschauspieler, sondern Benjamin, den Informatiker. Mit 25 stellte sich bei Küttel jedoch etwas ein, dass man bei seinem Metier am wenigsten erwarten würde: Routine. Die Gewohnheit dämpfte den Kick am gewählten Weg. «Ich werfe den ganzen Tag Bälle in die Luft und fange sie wieder», habe er damals gedacht.

«Mein Hobby wurde zum Beruf, deshalb hatte ich auch kein richtiges Hobby mehr.» Er bildete sich zum Informatiker weiter, machte das Jonglieren wieder zum Hobby. «Auch hier habe ich mein Publikum», sagt er. «Ich verhalte mich einer Person gegenüber, deren Computerproblem ich lösen muss und die vielleicht etwas gereizt ist, ähnlich, wie wenn ich ein Publikum in meinen Bann ziehen muss.»

Vorerst kleine Schritte

Und dann, dieses Jahr, reizte es ihn doch wieder, in seinen Erstberuf einzusteigen. Zumindest mit dem kleinen Zeh. Küttel ist ein vorsichtiger Unternehmer, hat vorerst sein Pensum als Informatiker nur um einen halben Tag die Woche reduziert, um «Wirf und Fang» zu betreiben. Ob er an diesem Vormittag gerade einen Workshop durchgeführt hat, dürfte seine Familie an den zerbrochenen Eiern am Küchenboden erkennen.