Bildung

Reinach verliert eine Lehrerin mit Herzblut

Die Bezirkslehrerin Margrit Zimmermann-Humbel geht in Pension. Vorher erzählt sie aber der az noch, was sie in ihrer Zeit als Lehrerin alles erlebt hat. Ein Portrait.

Peter Siegrist
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Margrit Zimmermann war über mehrere Jahre Bibliothekarin an der Bezirksschule Reinach. Peter Siegrist

Margrit Zimmermann war über mehrere Jahre Bibliothekarin an der Bezirksschule Reinach. Peter Siegrist

Margrit Zimmermann sitzt in der Schulbibliothek. Bücher und Lektüre, für sich oder gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern im Unterricht, waren ihr immer wichtig. «Heute halte ich meine zweitletzte Schulstunde», sagt sie ein bisschen wehmütig, «une leçon de français.» Die erste Stunde war vor 37 Jahren, im Frühling 1974. Seither hat sie unzählige Schüler ein Stück weit begleitet und in Deutsch, Französisch und Englisch unterrichtet.

Margrit Zimmermann hat den früher klassischen Weg zur Bezirkslehrerin eingeschlagen, nach dem Lehrerinnenseminar in Aarau unterrichtete sie während drei Jahren an der Unterstufe in Boniswil. «Eigentlich gefiel es mir gut», erzählt sie, «aber da war trotzdem der Drang nach etwas Neuem, nach älteren Schülern und Fremdsprachen.» Sie studierte an der Uni Zürich Deutsch, Französisch und Englisch, absolvierte Fremdsprachenaufenthalte in Frankreich und England und schloss mit dem Bezirkslehrerpatent ab. Vor bald vierzig Jahren war Lehrermangel im Aargau.

Homogenes Lehrerkollegium

Margrit Zimmermann wurde nach Reinach berufen. «Völlig unbürokratisch kam ich zu meiner Stelle», sagte sie heute. Rektor von Allmen fuhr mit dem Auto an ihrem Wohnort vor und zeigte Fräulein Humbel das obere Wynental. Nach einem Zwischenhalt auf dem Homberg war die Anstellung perfekt. «Zur Bewerbung mit Probelektion kam es nicht, von Allmen schlug vor und die Schulpflege wählte mich.»

Vor vier Jahrzehnten war die Bezirksschule Reinach von Männern dominiert. Die acht Klassen wurden von acht Lehrern und zwei Lehrerinnen unterrichtet. «Alle hatten ein 100-Prozent-Pensum», sagt Margrit Zimmermann, «häufig auch mehr.» Blieben im Plan in einem Fach drei bis vier Stunden übrig, dann wurden diese einem der Hauptlehrer mit sanftem Druck zugeteilt. Das Kollegium sei über Jahre sehr klein und homogen gewesen.

Nicht besser, aber anders

Der Einstieg als neue Lehrerin sei ihr leicht gefallen, erklärt Margrit Zimmermann heute. Der Berufsauftrag lautete einfach und klar: «Wissensvermittlung». Daran hätten sich die Lehrenden gehalten, das hätten die Eltern und Kinder erwartet. «Von der Ausbildung her wussten wir, was guter Unterricht ist», sagt Margrit Zimmermann. Die Phasen einer Lektion und das Lehrgespräch hätte man intus gehabt. «Wir haben sehr viel mit den Schülern zusammen erarbeitet und geübt.» Und dies mit bescheidenen Hilfsmitteln: Wandtafel, Wandkarte und Umdrucker. Margrit Zimmermann will die «gute alte Zeit» nicht verklären. «Vieles war anders, aber nicht à tout prix besser.»

Die Rahmenbedingungen waren für Schüler, Lehrer und Eltern klar. Heute erwarteten alle, dass die Schüler selbstständig arbeiten und vorwärtskämen. «Ein Prinzip, das für starke Kinder gut ist, schwächere kommen dabei jedoch häufig zu kurz. Mehr Freiheiten und individuelles Lernen hätten halt für die Schüler gewisse Tücken. Letztlich gehe es darum, die neuen technischen Möglichkeiten nutzbar zu machen, statt zu verbieten, sagt die Lehrerin.

Margrit Zimmermann hat auch ausserhalb des Schulzimmers Aufgaben wahrgenommen. Während vier Jahren war sie Rektorin, sie leitete als Präsidentin den Bezirkslehrerverein und betreute über Jahre die Schulbibliothek.

Ganz leicht fällt der Abschied nicht

Vor vier Jahren hat Margrit Zimmermann ihr Pensum auf 11 Lektionen reduziert. Die Vorstellung aber, jetzt unterwegs oder beim Stöbern in Buchhandlungen vom Gedanken «das könnte ich in der Schule einmal brauchen» befreit zu sein, macht ihr noch Mühe. «Die Arbeit mit den Schülern hat mich erfüllt», sagt sie, «und seit ich nicht mehr Klassenlehrerin war, konnte ich mich stärker auf den Unterricht konzentrieren.

Langweilen wird sie sich nicht. Die Arbeit in Haus und Garten, das Trainieren mit ihrem Hund Tassilo, das Violinenspiel im Orchester oder das Malen sind nur einige der Tätigkeiten, die künftig mehr Raum erhalten. Wer nach 40 Jahren sagen darf, «ich würde wieder Lehrerin», hat ja wohl den richtigen Beruf gewählt.