Muhen

Warum sie ein vegetarischer Ameisenbär nicht loslässt

Vor 20 Jahren nähte Lou Schneider aus Muhen in einem Lehrerseminar widerwillig einen Ameisenbären und erfand eine Geschichte dazu. Warum sie dies bis heute nicht losgelassen hat.

Katja Schlegel
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Lou Schneider nähte in einem Lehrerseminar widerwillig einen Ameisenbären und erfand eine Geschichte dazu.

Lou Schneider nähte in einem Lehrerseminar widerwillig einen Ameisenbären und erfand eine Geschichte dazu.

Sandra Ardizzone

Das letzte Kärtchen war der Ameisenbär. Ausgerechnet. Kein Elefant, keine Giraffe, von der jeder weiss, wie er aussieht. Nein, Lou Schneider hatte just das Kärtchen mit dem Exoten gezogen. Also studierte sie widerwillig Ameisenbär-Zeichnungen, setzte sich an die Nähmaschine und steppte einen Ameisenbären aus rotem Samt. Sie nannte ihn Balumbo, machte ihn zum Vegetarier und erfand die Geschichte von ihm und der kleinen Ameise Gustav, die gemeinsam durch den Urwald ziehen. So, wie es die Dozentin verlangt hatte.

Das ist gut 20 Jahre her. Schneider besuchte damals das Lehrerseminar für Textiles Gestalten, war 20 Jahre alt. Das mit dem Ameisenbären war eine Gestaltungsaufgabe: «Realisieren Sie eine textile Figur und schreiben Sie eine Geschichte dazu.» Die Dozentin war zufrieden mit dem roten Ameisenbären, und mit der Geschichte erst recht. Jetzt, 20 Jahre später, ist diese unter dem Pseudonym Luna Lou als Bilderbuch erschienen. «Balumbo der vegetarische Ameisenbär – Freundschaft ohne Vorurteile» heisst es und ist Wort für Wort die Geschichte von damals.

Balumbo der vegetarische Ameisenbär – Freundschaft ohne Vorurteil von Luna Lou, 28 Seiten.

Balumbo der vegetarische Ameisenbär – Freundschaft ohne Vorurteil von Luna Lou, 28 Seiten.

Erst war es ihr zu persönlich

Warum hat sie 20 Jahre lang mit der Veröffentlichung gewartet? «Ich wurde immer wieder dazu ermutigt, die Geschichte herauszubringen. Aber ich musste erst 40 werden, um wirklich den Mut dazu zu haben.» Davor sei die Zeit noch nicht reif gewesen. Erst sei es ihr zu persönlich gewesen, nichts für die breite Öffentlichkeit. «Das war meine Geschichte, die Geschichte für meine Tochter.» Dann fing die Lehrerin für Ethik und Religion, Bildnerisches Gestalten und Textiles Werken aus Muhen an, die Geschichte des vegetarischen Ameisenbären ihren Schulklassen unter anderem in Aarau und Schöftland zu erzählen. Immer wieder erfand sie neue Abenteuer, die Balumbo und Gustav zusammen erleben, schrieb die Geschichte weiter und weiter. Genau
30 Geschichten sind so entstanden.

Vor einem guten Jahr packte Schneider das Projekt an, suchte sich einen Verlag und skizzierte erste Bilder. Sie studierte Anatomie und Bewegungsablauf des Ameisenbären und zog vor dem Spiegel Grimassen, um den richtigen Gesichtsausdruck zu finden. Aber es ist keine leichte Sache, einem Ameisenbären das perfekte Gesicht zu geben. «Die Kinder fanden die ersten Entwürfe furchtbar. Die Kritik war vernichtend», sagt sie und lacht. Heute ist alles perfekt. «Die Kinder lieben das Buch.» Auch Schneider mag es, genau so, wie es ist. «Ich wollte alles selber bestimmen, vom Format, Grafik, Layout, und der Illustrationstechniken, über die Schriftart bis hin zum Text », sagt sie, denn am Text hat sie nichts ändern wollen. Das sei auch der Grund, weshalb sie das Buch in einem Self-Publishing-Verlag herausgebracht hat. «Für mich musste alles stimmen.» Deshalb hat das Buch auch zwei Erscheinungsdaten: Ein winziger Druckfehler ärgerte sie so, dass der Vertrieb im September eingestellt wurde und der Verlag eine neue Auflage drucken liess. Diese ist im Februar auf den Markt gekommen.

Freundschaft bedeutet Arbeit

Die Geschichte von Balumbo und Gustav ist nicht einfach nur nett zu lesen. Sie bietet auch Denkanstösse. So geht beispielsweise vieles ums Anderssein: Ameisenbär Balumbo, der Behäbige, der Geniesser, der Einzelgänger. Und Ameise Gustav, der Strebsame, der Wissbegierige, der Familiäre. Die beiden werden Freunde, weil der vegetarische Balumbo die Ameise nicht frisst. Sie erleben, dass eine Freundschaft zwar schnell geschlossen ist, langfristig aber auch viel Arbeit braucht. «Die Geschichte soll Kinder ein gesundes Selbstwertgefühl geben und sie dazu anregen, Vorurteile und Ängste abzubauen. Und sie soll Eltern ein Werkzeug sein, um heikle Themen anzusprechen.»

In den Erlebnissen von Balumbo und Gustav geht es nicht nur um Selbsterkennung und soziales Verhalten, sondern auch um erzieherische, psychologische, philosophische und wissenschaftliche Elemente. «Kinder sollen so motiviert werden, selber über die Welt nachzudenken.» Zum Beispiel darüber, weshalb ein Ameisenbär vegetarisch lebt – denn das erfährt man im ersten Band nicht. «Das klärt sich in einer der 29 Folgegeschichten», sagt Schneider. Wann diese veröffentlicht werden, weiss sie noch nicht. Aber bald soll es sein. «Schön wäre es, wenn jedes Jahr eines oder zwei Bilderbücher erscheinen würden.»

Balumbo der vegetarische Ameisenbär – Freundschaft ohne Vorurteil von Luna Lou, 28 Seiten.