Wislikofen

Arbeiten im Seil: Spektakuläre Felssicherung hoch über der Strasse

Im «Chessel» wird der Fels gereinigt – ein Augenschein bei den drei Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio. Die Aktion kostet 80'000 Franken und dauert bis Donnerstagmittag.

Nadja Rohner
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Die Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio (von links) reinigen die Felsen im «Chessel». NRO
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Ab und zu finden die Felstechniker bei ihrer Arbeit solch gut erhaltene Fossilien.
Die Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio (von links) reinigen die Felsen im «Chessel». NRO
Die Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio (von links) reinigen die Felsen im «Chessel». NRO
Die Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio (von links) reinigen die Felsen im «Chessel». NRO
Die Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio (von links) reinigen die Felsen im «Chessel». NRO
Die Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio (von links) reinigen die Felsen im «Chessel». NRO
Die Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio (von links) reinigen die Felsen im «Chessel». NRO
Im «Chessel» in Wislikofen muss der Fels in einer spektakulären Aktion gesichert werden.

Die Innerschweizer Felstechniker Mario Fullin, Thomas Guallini und Gianni Di Giulio (von links) reinigen die Felsen im «Chessel». NRO

«Umleitung» signalisiert das orange Schild am Dorfausgang von Wislikofen. Die Strasse ist gesperrt. Es würden «Felsreinigungsarbeiten» durchgeführt, hiess es in den Gemeindenachrichten. Das macht neugierig – was ist das überhaupt?

Zu Fuss geht es durch den Nebel, entlang der Kantonsstrasse in Richtung Mellikon. Noch hört man das Gebimmel der Kuhglocken, ein Traktormotor knattert. Bald einmal verschlucken die Felswände der Chessel-Schlucht alle Dorfgeräusche, nur der Tägerbach rauscht laut in seinem Bett. Und gelegentlich ist ein dumpf-metallisches «Klong» zu hören.

Nach wenigen hundert Metern hält ein «Achtung, Gefahr!»-Schild auch die Fussgänger auf – für einmal wird es ignoriert.

Felsreinigung im Aargau selten nötig

Felsreinigungen kommen im flachen Aargau nur selten vor. «Im Unterhaltskreis Fricktal/Zurzibiet ist es das erste Mal», sagt Kreisingenieur Stefano Donatiello. Im Rahmen von Holzfällerarbeiten oberhalb der Strasse zwischen Wislikofen und Mellikon (Gebiet «Chessel») habe man festgestellt, dass sich Teile des Felsens lösen. «Zur Sicherheit der Verkehrsteilnehmer war es nötig, eine Felsreinigung durchführen zu lassen», so Donatiello. Dabei werden verwitterter, loser Fels und Vegetation abgetragen. Da es sich um eine Kantonsstrasse handelt, ist der Kanton Aargau für den Unterhalt zuständig. Ausgeführt wurden die Arbeiten von der Firma Gasser Felstechnik aus Lungern. Die Kosten für die Reinigung belaufen sich gemäss Kreisingenieur auf rund 80 000 Franken. Die Strasse bleibt voraussichtlich bis 5. Oktober gesperrt. (NRO)

Drei Männer am Fels

Die «Klong»-Geräusche werden lauter, lassen zusammenzucken. Es mischt sich mit dem Geräusch von rutschenden Steinen und starken Motoren. Nach einer Kurve geht es definitiv nicht mehr weiter: Die Strasse ist übersät von Felsbrocken. Sie werden weiter vorn von einem Bagger zum Abtransport verladen.

Hoch oben hängen drei Männer in leuchtend orangen Arbeitshosen nebeneinander in der Felswand. Sie stemmen, hebeln und klopfen lose Steine, Wurzeln und Sträucher aus dem Fels. «Herzlich willkommen», ruft einer, als das Trio die Fussgängerin entdeckt. Ab und zu ertönt Gelächter, jemand pfeift vor sich hin. Das Trio scheint Spass an der Arbeit zu haben.

Kleine Wand, grosse Brocken

«Es ist wirklich ein toller Job», sagt Gianni Di Giulio in einer Pause. Auch wenn die zwanzig Meter hohe Wand im «Chessel» nicht besonders spektakulär ist? «Natürlich haben wir schon in zehnmal höheren Wänden gearbeitet – aber hier lösen sich dafür ziemlich grosse Felsbrocken», so Di Giulio. «Bis zu einem Kubikmeter gross», ergänzt sein Kollege Thomas Guallini.

Felstechniker oder auch Felssicherungsspezialisten seien sie, erklärt der Obwaldner Guallini zwischen zwei Zügen an seiner Zigarette – «Nein, von uns gibt es nicht viele, aber die Ausbildung wird immer beliebter.»

Die meisten Felstechniker hätten einen Handwerkerberuf gelernt: Maurer, Zimmermann oder Forstwart. «Die eigentliche Ausbildung für das ‹Arbeiten am hängenden Seil› dauert eine Woche», sagt Guallini.

Sicherheit geht vor

Ist die Arbeit denn nicht gefährlich? «Brenzlige Situationen gibt es ‹öppedie›», sagt Di Giulio. Deshalb seien die Sicherheitsvorkehrungen wichtig: Ein Sicherungsseil zusätzlich zum Arbeitsseil, Bergschuhe, Helm. Guallini trägt ausserdem Knie- und Schienbeinschoner, weil «einen manchmal ein Steinbrocken erwischt», sagt er.

Ab und zu sind unter diesen Steinen richtige Prachtstücke zu finden – Di Giulio drückt der Besucherin einen grossen Brocken mit einem fossilen Ammoniten in die Hand. «Für den Schreibtisch», sagt er.

Die Pause ist zu Ende, das Trio steigt wieder in die Wand. Das Geräusch der herabfallenden Felsbrocken begleitet die Besucherin auf dem Weg zurück ins Dorf.