Video

Dieser Würenlinger träumt von den Paralympics in Tokio

Christoph Bächli aus Würenlingen ist Behindertensportler. Sein grosser Traum sind die Paralympics.

Frederic Härri
Drucken
Teilen
Der lange Schatten von Tokio: Christoph Bächli arbeitet hart dafür, um seine Ziele zu erreichen.
5 Bilder
Bächli will im Sommer 2018 an die Europameisterschaft in Berlin.
Christoph Bächli

Der lange Schatten von Tokio: Christoph Bächli arbeitet hart dafür, um seine Ziele zu erreichen.

SEVERIN BIGLER

Es ist ungemütlich an diesem Abend auf dem Sportplatz Au in Brugg. Sturmtief «Evi» wütet und peitscht uns den Regen horizontal ins Gesicht. Unbeeindruckt von der Witterung wechselt Christoph Bächli von den bequemen Joggingtretern in die engeren Laufschuhe. «Mit denen bin ich locker fünf Sekunden schneller.» Nachdem das neue Schuhwerk montiert ist, läuft Bächli fokussiert seine Runden auf der blauen Tartanbahn. Er muss trainieren, um seine Ziele erreichen. Im August will er an der Leichtathletik-EM in Berlin starten – 2020 sollen die Paralympics in Tokio folgen.

Christoph Bächli ist Athlet bei «Swiss Paralympic», dem Schweizer Verband für Behindertenspitzensport. Der Würenlinger leidet am ganzen Körper unter Muskelschwäche. Seine Bewegungsabläufe sind stark eingeschränkt, sobald er seinen Schritt beschleunigt. «Normalerweise gehen die Beine beim Rennen vorne und hinten richtig hoch und schwingen durch. Bei mir ist das nicht möglich», sagt der 25-Jährige.

Die Beeinträchtigung hat Bächli seit seiner Geburt, schon früh sei er verkrampfter und unbeweglicher gewesen als andere Kinder. Mit einer anschliessenden Physiotherapie konnte der Muskelschwäche aber entgegengewirkt werden, seine Muskulatur und Beweglichkeit verbesserten sich merklich. Es sollte jedoch nicht die letzte Therapie bleiben. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr konnte Bächli nicht sprechen. Auf zwei Jahre im Kindergarten folgte ein Jahr in der Sonderschule – mit ständiger logopädischer Unterstützung. «Zu sprechen begann ich erst, als ich in die Primarschule kam», sagt Bächli. Rückblickend habe ihn seine Kindheit vor allem eines gelehrt: «Ich glaube, dass ich diese Rückstände aufholen musste, hat mich motiviert, immer das Beste zu erreichen.»

Unheilbar, aber voller Hoffnung

Die Motivation half Christoph Bächli auch, als ihn seine körperliche Behinderung wieder einholte. Mit Anfang zwanzig lief er die ersten Rennen auf Wettkampfniveau und verspürte dabei grössere Probleme als andere Läufer. «Ich hatte den gleich hohen Aufwand wie jeder andere, nur der Ertrag war nicht derselbe.» Frustrierend sei das gewesen und ihn habe zusehends das Gefühl beschlichen, dass etwas nicht in Ordnung sei.

Es folgten zahlreiche Checks bei Sportphysiologen, bis er vor zwei Jahren die Gewissheit hatte, dass die Muskelschwäche weiter fortschritt. Ein grosser Schock sei es gleichwohl nicht gewesen. Obschon die Krankheit nicht heilbar ist, hofft Bächli, dass sich sein Zustand nicht verschlechtern sollte. Er liess nicht locker und trainierte unbeirrt weiter. Er meldete sich bei «Swiss Paralympic» – und überzeugte. Nach einem Schnuppertraining wurde er schliesslich in die Leichtathletik-Nationalmannschaft aufgenommen.

Christoph Bächli ist ein Spätzünder – auch im Laufsport. Mit 16 Jahren schenkte ihm sein Vater, selbst jahrelang aktiver Läufer, ein Paar Turnschuhe, mit der Aufforderung, ihn beim Joggen zu begleiten. Nachdem die Schuhe noch einige Monate als Staubfänger in der Zimmerecke gestanden hatten, ging Bächli schliesslich mit seinem Vater mit. Die Begeisterung stieg mit jedem Lauf; er überlegte sich, auch Rennen zu bestreiten.

Ein harziger Auftakt

«Mein erster Wettkampf war eine Katastrophe», erinnert sich Bächli und lacht mit zusammengekniffenen Augen. Abgeschlagen schleppte er sich ins Ziel – eine Erfahrung, die er so schnell nicht wieder machen wollte. Fortan erhöhte er die Anzahl der Trainings auf fünf bis sechs Einheiten pro Woche und führte dies auch nach der ärztlichen Diagnose weiter. Nach den ersten positiven Ergebnissen bei regionalen und nationalen Anlässen reifte bei ihm die Überzeugung, dass er auch für Grossanlässe wie die EM in Berlin im kommenden Sommer gut genug sei.

Trotzdem steht Bächli erst am Anfang seiner sportlichen Karriere. Er ist zwar im Verein bei der Laufsportgruppe Brugg aktiv und Mitglied des paralympischen Leichathletikteams, Sponsoren hat er aber noch keine. «Die Teilnahmen an den Wettkämpfen muss ich mir selber finanzieren», erklärt Bächli. Ohnehin sei die Leichtathletik nur ein Hobby; derzeit arbeitet der gelernte Landschaftsgärtner als Lehrassistent an der Heilpädagogischen Schule in Windisch. Mit den Kindern dort zusammen zu arbeiten, bezeichnet er als «Herzensangelegenheit». Schliesslich wisse er, wie es ist, mit einem Rückstand ins Leben zu starten.

Auf dem Weg zur EM nimmt Bächli in den kommenden Monaten an mehreren Wettkämpfen teil. Der Durchschnitt seiner Lauf-Zeiten entscheidet darüber, ob er die Limite erreicht. Am Sonntag startete der Würenlinger beim Hallenmeeting in St. Gallen über 1500 Meter – die Disziplin, bei der er auch in Berlin antreten will. Weil die Umstellung auf Hallenboden zu gross war, verlief der Auftakt nicht wunschgemäss. In rund zwei Wochen will er es in Magglingen besser machen. Bächli ist guten Mutes, dass die EM für ihn in Reichweite liegt, sein «wahrer Traum» aber liegt noch etwas weiter in der Zukunft: die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio. «Einmal die olympische Flamme live zu sehen, ist für jeden Sportler das Highlight seiner Karriere.»

Vorbild: ja, Berühmtheit: nein

Ob er dereinst ein Aushängeschild im Behindertenspitzensport sein wolle? «Nein, berühmt zu sein, bedeutet mir nicht viel.» Etwas will er dann aber doch anfügen, sagt er nach kurzem Überlegen zum Schluss: «Die Wertschätzung für das, was wir tun, ist mir wichtig. Egal ob Behindertensport oder nicht, die Leute sollen merken: Hey, da geht einer für die Schweiz an den Start.»