Koblenz/Waldshut

Geschlossene Grenze führt zu Verkehrschaos: «Können unsere Freunde ennet der Grenze nicht mehr treffen»

Die Grenze nach Deutschland ist dicht: Der Alltag für die Menschen im Bezirk Zurzach verändert sich. Doch die Grenzschliessung weckt auch Hoffnungen.

Pirmin Kramer
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Am Grenzübergang in Waldshut stand am Montagmorgen um 8 Uhr die Polizei parat, um den Einreiseverkehr am Zoll zu überwachen. Der Ausreiseverkehr in die Schweiz lief wie jeden Tag.

Am Grenzübergang in Waldshut stand am Montagmorgen um 8 Uhr die Polizei parat, um den Einreiseverkehr am Zoll zu überwachen. Der Ausreiseverkehr in die Schweiz lief wie jeden Tag.

Duygu-D'Souza, Susann / Südkurier

Deutschland macht die Grenzen teilweise dicht: Nur noch Warentransporte und Grenzgänger dürfen die Brücke zwischen Waldshut und Koblenz seit Montag um 8 Uhr passieren. Die kleineren Übergänge im Bezirk Zurzach – von Kaiserstuhl nach Hohentengen und von Zurzach nach Rheinheim – wurden gemäss Medienberichten am Montagnachmittag gar gänzlich beschlossen. Am Nachmittag zog der Bundesrat nach: Auch in die Schweiz gelten Einreisebeschränkungen.
Das neue Kontrollregime führte in Koblenz zu einem Verkehrschaos. Gemeindeammann Andreas Wanzenried berichtete um 18 Uhr: «Grossräumig kein Durchkommen mehr. Stau durchs Dorf Koblenz bis ins Oberdorf.»

3 Bilder
Verkehrschaos auch in Rietheim, dem Nachbardorf von Bad Zurzach. Dessen Grenzübergang zu Rheinheim wurde komplett geschlossen.
Stau wegen Grenzübergang Koblenz: "Halbstundenweise bewegt sich gar nichts", schrieb eine Frau auf Facebook.

Facebook/Ramona Habrik

"180 Grad meines Lebenskreises fallen weg"

Dass man die Grenzen – wenn überhaupt – nur noch mit triftigem Grund passieren darf, hat für viele Menschen im Grenzgebiet einen Einfluss auf das tägliche Leben. Andreas Wanzenried, Gemeindeammann von Koblenz: «Ich und meine Frau haben viele Freunde, die ennet der Grenze wohnen. Wir können sie aktuell nicht mehr treffen. Wir haben bereits am Sonntagabend damit begonnen zu skypen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf die neue Situation einzustellen und uns daran zu gewöhnen.» Ein Teil seines Lebens spielt sich wie dasjenige jedes Grenzbewohners im Ausland ab. «Einen meiner Lieblingsläden in Deutschland kann ich nun beispielsweise nicht mehr besuchen. Es fallen quasi 180 Grad meines Lebenskreises weg.»

Ähnlich tönt es bei Ruedi Weiss, Stadtammann von Kaiserstuhl, dem 422-Einwohner-Städtchen. «Es gibt viele Menschen in Kaiserstuhl, deren Freunde, Familie oder zumindest Verwandtschaft ennet des Rheins leben. Zum Glück gibt es moderne Kommunikationsmittel, die den Austausch erleichtern. Ich könnte mir vorstellen, dass man zumindest enge Familienmitglieder dennoch weiterhin besuchen kann.»
Aus politischer Sicht kann Andreas Wanzenried der Grenzschliessung Positives abgewinnen. Es gehe darum, das Corona-Virus so gut wie möglich einzudämmen. «Je weniger Leute unterwegs sind und andere Leute treffen, desto schwieriger hat es das Virus.» Vor allem aber hofft er auf einen langfristigen Effekt. «Offen gesagt wünsche ich mir, dass die Grenzschliessung dazu führen wird, dass der Einkaufstourismus wieder auf ein gesundes Mass zurückgeht.»

Enorm zugenommen hätten die Einkäufe 2015, nach Aufhebung der Franken-Untergrenze. «Seither stauen sich die Autos in unserer Gemeinde jeden Samstag. Und oft auch abends. Selbst in jenen Monaten, in denen der Währungskurs gar nicht besonders attraktiv ist. Das Einkaufen in Deutschland ist für viele Schweizer zur Gewohnheit geworden.»
Sollte die Grenze nun wochen-, ja gar monatelang dicht bleiben, könnte dies eine Gegentendenz zur Folge haben, glaubt Wanzenried. «Ich könnte mir vorstellen, dass sich das Einkaufsverhalten der Schweizerinnen und Schweizer verändert. Dass sie sich durch die Grenzschliessung wieder daran gewöhnen, Lebensmittel und Waren vermehrt im eigenen Land zu besorgen.»

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