Leuggern

Kanton mietet Hotel «Bahnhof» für grosse Asyl-Unterkunft auf zehn Jahre

Der Kanton Aargau eröffnet im Januar eine grosse Asylunterkunft im Restaurant-Hotel Bahnhof in Felsenau, einem 180-Seelen-Ortsteil von Leuggern. Er hat mit dem Eigentümer einen fixen Mietvertrag über zehn Jahre abgeschlossen.

Andreas Fretz und Philipp Zimmermann
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Das Hotel-Restaurant Bahnhof in Felsenau wird zur Asyl-Unterkunft.
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Der Kanton will 50 Asylsuchende in der Liegenschaft unterbringen.
Das Hotel-Restaurant Bahnhof in Felsenau. Die 50 Asylsuchenden sollen schon im Januar 2016 einziehen.
Das Hotel-Restaurant Bahnhof in Felsenau. Eine Schiffsanlegestelle führt direkt zum Hotel-Restaurant. Die Boote fahren Touristen über Aare und Rhein in der Region und machen auch im benachbarten Deutschland Halt.
Felsenau ist ein Ortsteil von Leuggern. Die Kantonsstrasse führt in Richtung Basel, in umgekehrter Richtung in zwei Minuten Autofahrt zum Grenzübergang Koblenz.
Auf dem grossen Parkplatz will der Kanton Container für 100 weitere Asylsuchende aufstellen. Dafür ist ein Baugesuch nötig.
Die Eigentümer sind Sigmund Cueni und Daniela Makoski. Cueni arbeitet seit 30 Jahren im Hotel-Restaurant, ist seit 1994 Pächter und seit 2002 Eigentümer. Nun ziehen sie ins Laufental.
Das Hotel-Restaurant Bahnhof in Felsenau. Am Tag nach Publikwerden, dass es zur Asyl-Unterkunft wird, ist es geschlossen.
Die Speisekarte des Restaurants. In der letzten Woche werden hier nur noch einige Weihnachtsessen durchgeführt.
Die Speisekarte - es wird die letzte des Hotel-Restaurants Bahnhof sein.
Am Tag nach Publikwerden, dass das Hotel-Restaurant Bahnhof zur Asyl-Unterkunft wird, ist es geschlossen.
Vorne der grosse Parkplatz, hinten die markante Brücke über die Aare. Wenige Meter weiter fliesst die Aare in den Rhein.
Das alte Bahnhofsgebäude von Felsenau, gegenüber vom Hotel-Restaurant. Im Bahnhof wohnen heute Private. Die Zuglinie wird nach wie vor für den Gütertransport genutzt.
undefined Beim Bahnhof befindet sich ein Zuckerrüben-Verlad von SBB Cargo sowie ein Werkhof des kantonalen Strassenunterhaltsdienstes.
Eine Schweizer Veloroute führt auch am Hotel Bahnhof (etwas weiter rechts, nicht im Bild) vorbei. Der Bus ab der Station Felsenau Bahnhof fährt in wenigen Minuten zum Bahnhof Koblenz. Um ins Zentrum von Leuggern zu gelangen, etwa zur Schule, muss man mit dem Bus einen Umweg in Kauf nehmen und mindestens einmal umsteigen. Via Leibstadt dauert der Weg rund 20 Minuten.
Hotel Bahnhof wird Asyl-Unterkunft

Das Hotel-Restaurant Bahnhof in Felsenau wird zur Asyl-Unterkunft.

Philipp Zimmermann

Das Hotel-Restaurant Bahnhof wirbt auf seiner Website mit der «idyllischen Lage unseres Hauses mit Blick auf die Flusslandschaft». Das Hotel liegt unmittelbar bei der Einmündung der Aare in den Rhein. Die Aussicht wird in Zukunft nicht mehr die Gäste des Gastronomiebetriebs «verzaubern», wie es auf der Website weiter heisst, sondern Asylsuchende.

Bereits Mitte Januar 2016 sollen vorerst 50 Asylsuchende im heutigen Restaurant-Hotel Bahnhof einziehen. Dies teilte die Gemeinde am Freitag mit. Der Kanton hat mit der Eigentümerschaft einen fixen Mietvertrag auf zehn Jahre abgeschlossen.

Als Option plant der Kanton eine Erweiterung mit Wohncontainern für zusätzlich rund 100 Asylsuchende. Allerdings: Für die geplante Erweiterung ist eine Baubewilligung nötig – und damit ein ordentliches Baubewilligungsverfahren.

Enttäuschter Gemeinderat

Der Entscheid, das Restaurant-Hotel in eine kantonale Asylunterkunft zu verwandeln, geschah praktisch hinter dem Rücken des Gemeinderats. Der Gemeinderat Leuggern wurde von der Restaurant + Hotel Felsenau GmbH und dem Kanton überrascht und sagt deutlich, dass er «enttäuscht über das Verhalten der langjährigen Eigentümerin» sei.

Die Eigentümer sind Sigmund Cueni und Daniela Makoski. Cueni arbeitet seit 30 Jahren im Hotel-Restaurant, ist seit 1994 Pächter und seit 2002 Eigentümer. Stefan Widmer, Leuggerns Vizeammann, kann nicht verstehen, dass jemand, der so lange im Ort arbeitet und lebt, den Gemeinderat nicht vorzeitig informiert hat.

Cueni seinerseits bittet um Verständnis, dass der Gemeinderat nicht seine erste Anlaufstelle war. «Sonst hätte ich den Laden gleich schliessen können», sagt er, «denn erste Anfeindungen haben mich bereits erreicht.

Und jetzt, da es öffentlich ist, werden wohl noch weitere kommen.» Gerne würde Cueni noch die letzten Weihnachtsessen in Ruhe durchführen, bevor er den Betrieb Ende nächster Woche schliesst.

Das Wirtepaar Cueni und Makoski wird Leuggern danach Richtung Laufental verlassen. Stefan Widmer, der per 1. Januar Ammann Leuggerns wird, entgegnet: «Cueni hätte uns vertrauen können, der Gemeinderat unterliegt dem Amtsgeheimnis.»

Der Anruf von Susanne Hochuli

Am Donnerstag letzter Woche wurde Noch-Gemeindeammann Peter Nyffeler von Regierungsrätin Susanne Hochuli telefonisch über die Pläne in Kenntnis gesetzt. Diese Woche besuchte Cornelia Breitschmid, Abteilungsleiterin für den Kantonalen Sozialdienst, den Gemeinderat.

Balz Bruder, Sprecher des Departements Hochuli, betont, dass der Kontakt mit der Gemeinde nach dem üblichen und vereinbarten Schema abgelaufen sei. «Die derzeitige Asylsituation erfordert schnelle Massnahmen», sagt Bruder.

Der erste Kontakt zwischen dem Kanton und den Eigentümern liegt einige Wochen oder Monate zurück. So genau will oder kann das niemand beziffern. Cueni, der das Restaurant-Hotel Bahnhof schon länger loswerden wollte, habe sich beim Kanton erkundigt, ob eine Möglichkeit zur Unterbringung von Asylsuchenden bestehe. «Nach dem ersten Kontakt ging dann alles sehr schnell», sagt Cueni. Vom Kanton erhalten die Besitzer den marktüblichen Mietzins.

Der Gemeinderat führt nun mit allen involvierten Parteien Gespräche und sucht nach «bestmöglichen Lösungen». Er hat bereits abgeklärt, ob die Situation ab Mitte Januar mit 50 Asylsuchenden angefochten werden kann.

«Unsere ersten Abklärungen zeigen, dass wir wohl nichts dagegen tun können», sagt Vizeammann Widmer. Anders sieht es mit den Bewilligungspflichtigen Wohncontainern aus. Im ersten Quartal will der Kanton das Baugesuch einreichen. Widmer geht davon aus, dass es Einsprachen geben wird.

Männer oder Familien

Offen ist noch, was für Asylsuchende in Felsenau untergebracht werden. Es gibt zwei Optionen: Nur Männer. Oder Familien. In diesem Punkt darf die Gemeinde mitreden. «Entschieden haben wir uns noch nicht», sagt Widmer.

Auch bezüglich Sicherheit und Betreuung will die Gemeinde Forderungen an den Kanton stellen. Balz Bruder sagt, dass die Betreuung Aufgabe des Kantons sei. Der Sozialhilfe der Gemeinde würden vorerst keine Kosten entstehen. Was geschieht, wenn Familien mit schulpflichtigen Kindern kommen, ist Gegenstand von Verhandlungen. Widmer betont, dass in diesem Fall mehr Lehrpersonal benötigt würde. Der Kanton signalisiert in diesem Punkt Unterstützung.

Zwar verstehe der Gemeinderat, dass für Asylsuchende dringend Unterkünfte gefunden werden müssen, sagt Widmer. Doch die zehnjährige Dauer des Mietvertrags und die Zahl der Asylsuchenden sind schwer verdaubar. Felsenau ist ein Ortsteil Leuggerns mit 180 Einwohnern. Nach Leuggern selbst besteht nicht einmal eine direkte Busverbindung.

Hochuli kommt an Info-Abend

Die Geschichte in Felsenau erinnert an die Asylunterkunft, die der Kanton im ehemaligen Hotel-Restaurant Sternen in Menziken führt. Auch dort wurde der Gemeinderat von Kanton und Eigentümer überrascht, wobei er schon 60 Asylsuchende in der Gemeinde beherbergte. Die Gemeinde wehrte sich gegen die Asylunterkunft, indem sie die zuständige Regierungsrätin Susanne Hochuli von einem Info-Anlass ausschloss.

Zurzeit sieht es so aus, als würde Leuggern einen anderen Weg gehen. Zumindest kündigt die Gemeinde in ihrer Mitteilung eine Informationsveranstaltung für den Dienstag, 12. Januar 2016, an. Dann wird der Kanton in der Mehrzweckhalle Leuggern eine solche Veranstaltung mit Regierungsrätin Hochuli durchführen.

Pikant: Im Frühling 2013 wollte der Kanton ganz in der Nähe, im Nachbardorf Koblenz, zirka zehn Gehminuten vom Restaurant-Hotel Bahnhof entfernt, schon eine Asylunterkunft für 70 Personen einrichten. Damals war ein Baugesuch nötig. In der Gemeinde und der Region gab es grossen Widerstand – auch weil Koblenz als Grenzort mit Stau und Verkehrslärm schon stark belastet ist und bereits in Rekingen eine Gross-Asylunterkunft steht, in der zurzeit 125 Personen untergebracht sind. Wegen Einsprachen zum Baugesuch kündigte sich eine Verzögerung an. Schliesslich machte der Besitzer einen Rückzieher. Aktuell plant er dort eine Grossüberbauung. (pz/afr)