Döttingen
Made in Zurzibiet: Ohne diese kleine Bude bleiben Airbus und Boeing am Boden

In den Flugzeugen Dreamliner und A380 der Luftfahrtgiganten Boeing und Airbus fliegt auch Know-how eines Döttinger KMU mit. Nur durch ihre hohe Spezialisierung kann sich die Advanced Materials Technology AG gegen die globale Konkurrenz durchsetzen.

Louis Probst
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Die von Silvano Keller gegründete AMT AG beschichtet Landefahrwerke für Grossflugzeuge.

Die von Silvano Keller gegründete AMT AG beschichtet Landefahrwerke für Grossflugzeuge.

Angelo Zambelli

In der Halle der AMT Advanced Materials Technology AG in Döttingen schliesst Prozessingenieur Ludwig Guggenheim das schwere Schiebetor eines blauen Containments. Dann macht er sich an der Bedienungskonsole der Anlage zu schaffen.

Durch die Scheiben des Containments ist zu sehen, wie am Ende eines Roboterarms aus einem Brenner – ähnlich einem Schweissbrenner – eine helle Flamme auszutreten beginnt, die schnell länger wird und ihre Farbe verändert. Im Containment beginnt sich auf einer Art überdimensionierter Drehbank, ein grosses Werkstück zu drehen. Der Roboterarm schwenkt vor, die Flamme folgt in kurzem Abstand der Oberfläche des sich drehenden Werkstücks.

Die Wolfram-Karbid-Kobalt-Matrix

Was sich im blauen Containment dreht, ist nicht irgendein Werkstück. Beim rund 380 Kilo schweren Teil handelt es sich um ein «Bein» des Hauptfahrwerks für den
«Dreamliner», den Riesenvogel B 787 von Boeing. In der von der AMT AG entwickelten und gebauten Anlage erhält das aus einem Titanblock geschmiedete Teil eine Beschichtung aus einer Wolfram-Karbid-Kobalt-Matrix.

Diese Beschichtung, die in Pulverform mit sechsfacher Schallgeschwindigkeit aufgetragen wird, soll sicherstellen, dass sich das Fahrwerkbein problemlos aus- und einfahren lässt. Gleichzeitig wird mit der Beschichtung eine längere Lebensdauer erzielt.

Spezialgebiet: die Beschichtungen

Silvano Keller, Gründer und bis vor kurzem Inhaber der AMT AG und jetzt, wie er bescheiden sagt, «technischer Berater» des Unternehmens, stellt klar: «Wir sind Spezialisten für thermische Beschichtungen, vor allem für die Luftfahrtindustrie, aber auch für Gasturbinen.» Die AMT AG beschichte nicht nur Teile im Auftrag. Sie entwickele und baue auch Maschinen für technisch anspruchsvolle Beschichtungen.

«Im vorliegenden Fall besteht die Kunst darin, die Werkstücke so zu beschichten, dass keine Unregelmässigkeiten entstehen», betont Silvano Keller. Die Herausforderungen liegen darin, dass die Beschichtung eine bestimmte Dicke – 200 bis 250 Mikrometer – aufweisen muss. Während des Beschichtungsprozesses darf sich das Werkstück wegen allfälliger Auswirkungen auf das Metallgefüge und damit auf die Festigkeit nicht über eine Temperatur von 170 Grad Celsius erwärmen.

Weil die Werkstücke im Rohzustand einem Wert von mehreren hunderttausend Franken entsprechen, darf beim Beschichten kein Ausschuss entstehen. Schliesslich müssen sich die Werkstücke, die stark unregelmässige Formen aufweisen, beim Beschichtungsprozess um mehrere Achsen drehen lassen.

«Wir arbeiten seit Jahren an dieser Technologie», sagt Silvano Keller, der selber auf mehr als 35 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet der thermischen Beschichtung zurückgreifen kann.

«Das Projekt für die Beschichtung der Flugzeug-Fahrwerksteile ist 2006 gestartet worden. Wir haben es fertiggebracht, eine Maschine zu bauen, welche die Anforderungen unserer Kunden erfüllt», sagt er und fügt hinzu: «Mit unserem innovativen Vorschlag haben wir uns gegen Konkurrenz aus der Schweiz, aus Deutschland und aus den USA durchgesetzt. Dass eine kleine Bude aus dem unteren Aaretal für die Giganten der Luftfahrt arbeiten kann, macht schon Freude.»

«Sind auch Risiken eingegangen»

Tatsächlich bewegt sich die AMT AG mit ihren 22 Mitarbeitenden in einem globalen Umfeld, in dem vor allem Unternehmen mitmischen, die zu internationalen Konzernen gehören. «Wir haben bewiesen, dass auch KMU gegen starke Mitbewerber Chancen haben», freut sich Keller. «Wir sind dabei auch Risiken eingegangen. KMU können aber nur überleben, wenn sie innovativ sind und gewisse Risiken eingehen.»