Tegerfelden

«Nach der Wiederwahl spitzte sich die Lage zu»: Grossrat Baumgartner über seinen Rücktritt

Erwin Baumgartner spricht im Interview über seinen angekündigten Rücktritt als Grossrat fünf Monate nach der Wiederwahl.

Andreas Fretz
Drucken
Teilen
Erwin Baumgartner (51), Geschäftsführer der Heinz Baumgartner Maschinen- und Apparatebau AG, die 1962 von seinem Vater gegründet wurde. Sandra Ardizzone/Archiv

Erwin Baumgartner (51), Geschäftsführer der Heinz Baumgartner Maschinen- und Apparatebau AG, die 1962 von seinem Vater gegründet wurde. Sandra Ardizzone/Archiv

Sandra Ardizzone

Herr Baumgartner, Sie treten per 16. Mai aus dem Grossen Rat zurück. Warum?

Erwin Baumgartner: Mir fehlt die Zeit, um die Firma und die Politik unter einen Hut zu bringen. Die Ansprüche an mich als Geschäftsführer und Mitinhaber der Heinz Baumgartner AG sind vielfältig. Diese Verantwortung will und muss ich wahrnehmen.

Sie wurden im Oktober 2016 als Grossrat wiedergewählt. Hat sich damals die verschärfte Lage noch nicht abgezeichnet?

Nein, im Herbst war das noch nicht der Fall. Erst nach den Wahlen habe ich realisiert, dass sich die Situation zuspitzt. Es kam in den letzten Monaten zu einschneidenden personellen Veränderungen im Unternehmen. Die Geschäftsleitung wurde neu besetzt, wir haben einen neuen Betriebsleiter. Ich habe gesehen, dass es meinen Support mehr benötigt, als angenommen. Wobei das nichts mit der Qualität der Leute zu tun hat.

Wie angespannt ist die Lage der Firma?

Die Firma ist sehr gut aufgestellt. Mein Rücktritt aus der Politik ist kein Indiz dafür, dass es der Firma schlecht geht. Aber das Umfeld in der Maschinenbaubranche ist allgemein sehr schwierig geworden. Um zu bestehen, braucht es Ressourcen. Ich will mich für unsere 50 Mitarbeitenden einsetzen.

Erwin Baumgartner

Der Tegerfelder ist am 2. September 1965 geboren. Drei Jahre zuvor gründete sein Vater Heinz das Familienunternehmen, das sich vom Einmannbetrieb zum 50 Mitarbeiter starken Zulieferbetrieb der Maschinenbaubranche entwickelte. 2010 gewann die Heinz Baumgartner AG den KMU-Unternehmerpreis der AKB. Von 2002–2013 war der FDP-Politiker Gemeinderat in Tegerfelden, davon 6 Jahre als Ammann. Im Grossen Rat ist der dreifache Familienvater Mitglied der Kommission für Bildung, Kultur und Sport.

Man muss sich also nicht sorgen, dass die Heinz Baumgartner AG dasselbe Schicksal ereilt wie die konkursiten Zurzibieter Firmen Erne Metallbau AG oder die ZKD Büromöbel?

Auf gar keinen Fall. Wie gesagt, wir stehen sehr gut da. Wir haben einen langjährigen Liefervertrag mit unserem Hauptkunden. Dennoch: In der heutigen Zeit braucht es einen Effort, um als Unternehmer bestehen zu können.

Was können Sie mit mehr Präsenz in der Firma erreichen?

Den Kundenstamm ausbauen, Zeit ins Marketing, den Verkauf und die strategische Ausrichtung investieren. Der operative Teil des Familienunternehmens funktioniert hingegen auch ohne mich.

Wann haben Sie sich zum Rücktritt aus dem Grossen Rat entschieden?

Das war vor etwa drei Wochen. Ich wollte den Entscheid fällen, solange ich dies aus freien Stücken tun kann und nicht erst dann, wenn ich durch die Umstände dazu gezwungen werde. Ich lebe vom Geschäft, ich bin Unternehmer.

Das Geschäft ist also wichtiger als die politische Karriere?

Natürlich! Ich trage die Verantwortung für 50 Mitarbeitende, davon neun Lernende. An erster Stelle kommt aber die Gesundheit, dann die Familie, dann das Unternehmen. Erst danach folgt die Politik. Wenn die zeitlichen Ressourcen knapper werden, beginnt man auf der Hierarchie-Liste von unten zu streichen.

War es also kein taktischer Schachzug, den Zurzibieter FDP-Sitz an den Wahlen zu sichern, um ihn dann Claudia Hauser zu überlassen?

Nein, überhaupt nicht. Ich hätte niemals kandidiert, wenn ich gewusst hätte, dass ich wenige Monate später den Rücktritt bekannt gebe. Natürlich war mein Grossrats-Mandat nicht für die Unendlichkeit ausgelegt. Aber ich bin ganz klar mit dem Ziel angetreten, bis zum Ende der neuen Legislatur im Amt zu bleiben. Denn schliesslich haben mir die Stimmenden ihr Vertrauen ausgesprochen, und es war meine Absicht, diesem Vertrauen gerecht zu werden.

Ist schon besiegelt, dass Claudia Hauser für Sie nachrücken wird?

Sie war ja die Nummer 2 auf der FDP-Liste. Somit ist es folgerichtig, dass sie nachrückt. Bei mir war das 2014 ja auch der Fall, als ich Franz Nebel im Grossen Rat beerbt habe. Ich denke, es war für sie eine einfache Entscheidung, zum Amt Ja zu sagen. Ich habe es vorgängig mit ihr besprochen, so haben wir uns auch auf den 16. Mai als Termin geeinigt. Am Dienstag haben wir an der Geschäftsleitungssitzung der Bezirkspartei alle über den Schritt informiert.

Ist sie eine würdige Nachfolgerin?

Claudia Hauser wird das sehr gut machen. Genauso gut, wie Sie den Nationalratswahlkampf der Aargauer FDP geleitet hat. Sie bringt Erfahrung mit, geniesst in der Partei viel Rückhalt und ist bestens vernetzt.

Werden Sie der Politik in irgendeiner Form erhalten bleiben?

Ich bin das am Dienstag auch gefragt worden. Ich habe angekündigt, dass ich mich komplett aus der Politik zurückziehen werde. Aber fragen Sie mich bitte nicht, ob ich zu einem späteren Zeitpunkt nicht doch wieder zurückkehre. Wer weiss schon, was in ein paar Jahren sein wird. Jetzt bin ich in erster Linie Vollblut-Unternehmer, das ist mein Job, meine Aufgabe. Ich habe Ideen, die ich umsetzen will.

Was werden Sie an der Arbeit im Grossen Rat vermissen?

Ich werde vor allem die positiven Begegnungen vermissen, dessen bin ich mir bewusst. Andererseits ist die Halbwertszeit im Politbetrieb sehr gering. Klar wird man den einen oder anderen Ex-Kollegen mal treffen, einen kurzen Schwatz halten. Aber ich habe keine Mühe damit, mich aus diesem Geschäft zurückzuziehen. Ich werde mich auch davor hüten, mich in irgendeiner Form einzumischen. Ich kann loslassen.