Endingen/Lengnau

«Ostern und Pessachfest gleichzeitig: Das ist ein besonderes Omen»

So feiern Surbtaler Juden in Zeiten von Corona das Pessachfest, das an die Befreiung aus der Sklaverei erinnert.

Stefanie Garcia Lainez
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An den Sederabenden werden symbolische Speisen serviert, beispielsweise ungesäuerte Brote ohne Hefe oder Backpulver, sogenannte Mazzen (oben rechts).

An den Sederabenden werden symbolische Speisen serviert, beispielsweise ungesäuerte Brote ohne Hefe oder Backpulver, sogenannte Mazzen (oben rechts).

Jüdisches Museum Basel/Getty Images

Das Pessachfest, das sich über acht Tage erstreckt und den Auszug der Israeliten aus Ägypten feiert, hat bereits am Donnerstag begonnen und wird normalerweise vor allem an den ersten beiden Tagen im grösseren Familienkreis gefeiert. Nicht so während der Coronakrise: «Wir feiern dieses Jahr ohne Gäste», schreibt Käthi Frenkel (74) aus Lengnau vor Beginn des Festes. Am Donnerstag und Freitag werden keine Interviews gegeben, da es sich um hohe Festtage handelt.

Die Sederabende am Donnerstag und Freitag werden nach einer vorgegebenen Ordnung (Seder) begangen. Die Familien lesen die Geschichte der Befreiung der Israeliten aus der Knechtschaft und essen symbolische Speisen. Beispielsweise ungesäuerte Brote ohne Hefe oder Backpulver, sogenannte Mazzen. Die Herstellung der dünnen Fladenbrote darf nicht länger als 18 Minuten dauern. Als Symbol für die Hast beim Auszug aus Ägypten, als die Juden keine Zeit hatten, den Teig gehen zu lassen.

Zu Zeiten von Corona ändern sich die Gepflogenheiten etwas: «Wir haben normalerweise bis zu zwölf Gäste an den Sederabenden, dieses Jahr sind wir leider nur zu zweit», so Käthi Frenkel, deren Vater und Onkel vor über 110 Jahren aus dem Surbtal nach Winterthur zogen. Damals lebten rund 1500 Juden in Lengnau und Endingen, von Ende 1776 bis 1866 waren das die einzigen Schweizer Ortschaften, in denen sich Juden dauerhaft niederlassen durften. Heute leben hier noch ein Dutzend Juden.

 Der jüdische Sederabend ist das Vorbild für das christliche Abendmahl – Hostien sind ungesäuerte Brote, am Pessachfest symbolisieren die drei Brote die drei Urväter Abraham, Isaak und Jakob. (Leonardo da Vinci, Das letzte Abendmahl, 1495-1497, Fresko)

Der jüdische Sederabend ist das Vorbild für das christliche Abendmahl – Hostien sind ungesäuerte Brote, am Pessachfest symbolisieren die drei Brote die drei Urväter Abraham, Isaak und Jakob. (Leonardo da Vinci, Das letzte Abendmahl, 1495-1497, Fresko)

CH Media

Ostern hat seinen Ursprung im Pessachfest

Im Pessachfest liegt der Ursprung der christlichen Kar- und Ostertage: Jesus reiste wegen des Festes nach Jerusalem, wo er gekreuzigt wurde. Der jüdische Sederabend ist das Vorbild für das christliche Abendmahl – Hostien sind ungesäuerte Brote, am Pessachfest symbolisieren die drei Brote die drei Urväter Abraham, Isaak und Jakob.

Und die Bezeichnung für Ostern erinnert in vielen europäischen Sprachen an die jüdischen Feiertage: Von Albanisch pashkët über Französisch Pâques und Niederländisch Pasen bis zu Italienisch Pasqua – immer steckt das aramäische Wort pas’cha drin.

Dass Ostern und das Pessachfest wie in diesem Jahr in dieselbe Zeit fallen, ist aber eher selten. «Das ist ein besonderes Omen», sagt der jüdische Publizist Roy Oppenheim (79) aus Lengnau. Mit dem Pessachfest feiern die Juden die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Sklaverei − mit der Coronapandemie erhalte der Kampf um Befreiung eine existenzielle Bedeutung, sagt Oppenheim. «Denn die weltweite Seuche droht uns Menschen aller Religionen und Kulturen die erkämpften und geliebten Freiheiten zu nehmen.»

Roy Oppenheim ist Publizist und war viele Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei der SRG tätig.    

Roy Oppenheim ist Publizist und war viele Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei der SRG tätig.    

Sandra Ardizzone

Das Pessachfest werde auch in diesen schwierigen Zeiten gefeiert, in den meisten jüdischen Familien – je nach Tradition und Kultur – auf unterschiedliche Weise. «So sehr die Grundsätze der Religion feststehen und im Bewusstsein der jüdischen Gemeinschaft gesichert bleiben, so gibt es doch im Judentum eine Vielfalt unterschiedlicher Interpretationen und Sichtweisen.» So gesehen kenne das Judentum keine Dogmen. «Dadurch hat sich das Judentum eine geistige Beweglichkeit, Frische und eine grosse Freiheit im Denken und Handeln erhalten.»