Unteres Aaretal

SRF-«Club» im Schulhaus: Was Aargauer Jugendliche beschäftigt – und eine bewegende Geschichte

Im Rahmen der Jugendmedienwoche stellte der SRF-«Club» diese Woche Jugendliche des Klingnauer Oberstufenschulhauses in den Fokus und produzierte mit ihnen eine interessante Sendung.

Luca Giannini
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Das provisorische Fernsehstudio im Schulhaus Schützenmatte in Klingnau.

Das provisorische Fernsehstudio im Schulhaus Schützenmatte in Klingnau.

Screenshot SRF

Normalerweise wird der dienstägliche «Club» von SRF in einem Fernsehstudio gedreht. Diese Woche war alles anders. Die Sendung wurde im Schulhaus Schützenmatte in Klingnau aufgenommen, unter Mitwirkung der Sek 3a der Oberstufe Unteres Aaretal – vor und hinter der Kamera.

Das Pilotprojekt kam im Rahmen der Jugendmedienwoche YouNews zustande. Die Jugendlichen sollten mit «Club»-Moderatorin Barbara Lüthi über gängige Themen ihres Alters wie etwa Lehrstellensuche, Ängste, Mobbing, das Loslösen vom Elternhaus, Träume und das Handy diskutieren.

Doch die Schülerinnen und Schüler engagierten sich auch in der Produktion. Die Sendung wurde mit nur vier Handykameras aufgezeichnet, wovon zwei von den Jugendlichen bedient wurden. Die Bildsprache ist damit eine ganz andere als gewohnt.

Sorgfältige Vorbereitung

Über die letzten Wochen hinweg bereiteten die Oberstufenschüler den «Club» vor. Sie bestimmten Themen, die sie beschäftigen und die sie in der Sendung auch diskutierten. Sie befassten sich mit der nötigen Technik und realisierten die Filmbeiträge.

Dann ist es soweit: Der erste Stock des Schulhauses verwandelt sich in ein provisorisches Fernsehstudio. Die Aufzeichnung des «Club» der etwas anderen Art kann beginnen.

Mit den Worten «Erinnern Sie noch daran, als Sie 15 waren?», eröffnet Barbara Lüthi die Sendung. Mit ihr in der Runde sitzen Qendresa, Kilian, Hanna, Amila, Miquel, Alicia, ihre Klassenlehrerin Yvonne Hügli, Lehrer Stefan Welti und Schulleiter Franco Corsiglia.

In so einer Sendung aufzutreten und mithelfen sie zu produzieren, sei gut fürs Selbstvertrauen findet Hanna. Und auch öffentlich über die eigenen Probleme sprechen, seien sie noch so alltäglich, erachten die Schüler als positiv.

Jugendliche sind ganz auf sich selber gestellt

Schulleiter Franco Corsiglia spricht einen der Brennpunkte an der Oberstufe Unteres Aaretal (OSUA): «Es sind vor allem familiäre Probleme, die wir spüren.» Er nennt die Schere zwischen Arm und Reich. Oder den Fakt, dass immer mehr Eltern den ganzen Tag arbeiten – die Jugendlichen sind so auf sich alleine gestellt, müssen mit ihren Problemen allein zurechtkommen.

Ein Beispiel für solche familiären Probleme liefert Alicia. Ihr Schicksal kann zu Tränen rühren: Der Vater lebt in Nigeria, die Mutter hat sie jahrelang nicht mehr gesehen, sie wuchs bei ihren Grosseltern auf. Mit der Zeit ging das nicht mehr, die Situation eskalierte.

Das blieb auch in der Schule nicht unbemerkt. Diese handelte, Alicia kam für drei Monate in eine Notunterkunft für Jugendliche. Ein Ort, an dem es ihr überhaupt nicht gefiel, sie fühlte sich fehl am Platz. Nun wohnt sie seit rund dreiviertel Jahren als Pflegetochter bei der Klingnauer Familie Brown. Dort fühlt sie sich wohl, es geht ihr wieder besser.

Anstand, Respekt und Lächeln

Viele Jugendliche, die das Schulhaus Schützenmatte besuchen, haben einen ausländischen Hintergrund. Seien es Eltern, die in die Schweiz migriert sind, oder dass die Schülerinnen und Schüler selber im Ausland geboren wurden.

Sie selber empfinden diese unterschiedlichen kulturellen Hintergründ nicht als Hindernis, sondern viel mehr als Bereicherung. In seiner alljährlichen Rede fordert Schulleiter Corsiglia denn auch immer: Anstand, Respekt, sich begrüssen und ein Lächeln auf den Lippen haben. Mit diesen Grundsätzen scheint das Zusammenleben grossmehrheitlich gut zu funktionieren.

Eine Lehrstelle finden – ein Unterfangen der schwierigeren Art

Nicht ganz so harmonisch verläuft hie und da die Lehrstellensuche. Merlinda etwa erzählt, dass sie für ihre Traumberufe Kauffrau und Pharmaassistentin bereits etwa 40 Bewerbungen geschrieben hat. Alle wurden negativ beantwortet. Und trotzdem ist sie guter Dinge, bald eine Stelle zu finden: «Das Schicksal macht schon alles richtig.»

Auch Qendresa schrieb fast 100 Bewerbungen für eine Lehrstelle als Pharamaassistentin, ehe sie sich zu einem anderen Beruf umorientierte. Jetzt hat sie eine Praktikumsstelle als Fachfrau Kinderbetreuung.

Sehen Sie hier den SRF-«Club» aus Klingnau:

Schüler von heute sind anders als früher – wegen des Handys

Der «Club» vom Dienstag wurde mit vier Handykameras produziert – jenem Medium also, das für die Jugendlichen kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken ist. Zwischen zwei und vier Stunden verbringen die jungen Diskussionsteilnehmer täglich vor dem Bildschirm. Sie schauen Videos, bewegen sich auf Sozialen Medien und beziehen ihre Informationen aus dem Netz.

Das führt dazu, dass die Lehrerschaft eine andere Schülerschaft vor sich hat, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. So bemerkt Stefan Welti, der seit 30 Jahren in Klingnau als Oberstufenlehrer tätig ist, dass der Jugend von heute handwerkliche Fähigkeiten fehlen, die noch vor einigen Jahren fast selbstverständlich waren. So habe während einer Projektwoche ein Schüler einen Hammer mit einem Schraubenzieher verwechselt.

Der «Club» der anderen Art überzeugt

Zum Schluss legten die Oberstüflerinnen und Oberstüfler offen, wie sie sich in zehn Jahren sehen. Die Wünsche waren solche, die Jugendliche wohl auch schon vor Jahren hatten und die andere in einigen Jahren haben dürften: Feste Anstellung, eigene Wohnung, eine glückliche Beziehung und den Führerschein.

Die Freude der Klingnauer Sekundarschülerinnen- und Schüler war spürbar, der Stolz auch. Und sie können auch wirklich stolz auf sich sein, denn «ihr Club» hat überzeugt.